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„Die Dasslers“ im Ersten : In diesen Schuhen müssen die Besten laufen

Noch ist man sich einig: Rudi (Hanno Koffler, li.) und Adi (Christian Friedel) messen die Tauglichkeit der Laufschuhe. Bild: ARD

Die ARD inszeniert die Feindschaft der beiden Dassler-Brüder. Ihr unerbittlicher Zwist brachte die Weltmarken Adidas und Puma hervor – und reichte bis zum Tod.

          Er braucht keinen Bruder, er braucht einen Arzt“, sagt Adi Dassler und legt den Telefonhörer auf. Es sei ein Notfall, wird ihm gesagt, als er gerade mit der deutschen Mannschaft, die 1974 die Fußballweltmeisterschaft gewinnen wird, ins Stadion geht. Sein Bruder Rudi liegt im Sterben, doch das rührt ihn nicht. Seit sechsundzwanzig Jahren haben die beiden nicht mehr miteinander gesprochen, seit dem Tag, an dem sie ihre gemeinsame Firma aufgaben und in einem unerbittlichen Bruderkampf zwei Weltmarken made in Germany etablierten: Adidas und Puma.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Adi und Rudi Dassler haben erreicht, dass die ganze Sportwelt in ihren Schuhen unterwegs ist, doch sie zahlen dafür einen hohen Preis. Aus zwei jungen Männern, die sich perfekt zu ergänzen schienen und die der unbändige Ehrgeiz verband, die Besten zu sein, werden Widersacher bis in den Tod. Als Rudi Dassler 1974 stirbt, bleibt Adi der Beerdigung fern – „aus Gründen der Pietät“. Vier Jahre später stirbt er selbst. Der Kampf Adidas gegen Puma, der mit Intrigen, Patentklagen, Spionageaktionen und Schmiergeld ausgetragen wird, geht weiter. Adi und Rudi haben ihre Söhne Horst und Armin zu Kain und Abel erzogen. Es geht darum, den anderen zu vernichten.

          Mehr Shakespeare geht eigentlich kaum

          Mehr Drama, mehr Tragödie, mehr Shakespeare, mehr Liebe und Verrat und das vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, geht eigentlich nicht. Umso erstaunlicher, dass das deutsche Fernsehen mit seinem Hang zur Historie erst jetzt das Potential der Dassler-Story erkennt. Auf die Idee kamen dann allerdings gleich zwei Sender: Die ARD und RTL.

          Wie bei den Dassler-Brüdern entwickelte sich zwischen den Sendern ein Wettrennen, das RTL – zunächst – gewann. Vor einem Jahr zu Ostern lief dort „Das Duell der Brüder“, in dem Ken Duken als Adi und Torben Liebrecht als Rudi unter der Regie von Oliver Dommenget die Geschichte der Dasslers mitreißend und geschmeidig erzählten. Der Film malte unter anderem das Gerücht aus, Rudi habe etwas mit Adis Frau Käthe gehabt und Horst sei womöglich gar nicht der Sohn seines vermeintlichen Vaters. Und schließlich deutete er an, es habe zwischen den Brüdern ein Zeichen der Versöhnung gegeben: In der Umkleidekabine findet Adi, der gerade die Schuhe der Weltmeistermannschaft von 1954 „aufgestollt“ hat (Stollen, wie sie sein Bruder Rudi zuvor mit Puma auf den Markt gebracht hatte), eine Notiz des älteren Bruders: „Gut gemacht, Kleiner.“

          Kontrahenten bis zuletzt: Die Dassler-Brüder Adi (Christian Friedel) und Rudi (Hanno Koffler) laufen durch die Zielgeraden.

          Dass es so etwas zwischen den Brüdern nicht geben konnte, zeigt jetzt der ARD-Zweiteiler „Die Dasslers – Pioniere, Brüder und Rivalen“ im Ersten. Er umspannt die Zeit von 1922 bis 1974, erzählt von den Anfängen der Dassler-Schuhmacherei, von Rudis Verhandlungsgeschick und Adis Perfektionsdrang. 1933 treten die beiden aus Geschäftsgründen in die NSDAP ein, 1936 riskieren sie Kopf und Kragen. Sie rüsten den Amerikaner Jesse Owens aus, der in ihren Schuhen bei den Olympischen Spielen in Berlin vier Goldmedaillen holt. Das wird ihnen 1945 die Haut retten, als die Amerikaner die Firma dichtmachen wollen, in der sie zuletzt Panzerfäuste herstellen mussten – den berüchtigten „Panzerschreck“.

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          Rudi, der im Gegensatz zu Adi in die Wehrmacht eingezogen worden war, desertierte, wurde von der Gestapo gefasst und von den Amerikanern befreit, dann aber inhaftiert, weil ihn jemand als vermeintlichen NS-Mitläufer denunziert hatte. Adi hatte sich die Firma in der Zwischenzeit zu eigen gemacht, er besuchte seinen Bruder kein einziges Mal: Diese Etappe dürfte den endgültigen Vertrauensverlust zwischen den Brüdern markieren. Von 1948 an gehen sie getrennte Wege und bekämpfen sich auf jede erdenkliche Weise.

          Versöhnung gibt es nicht

          „Der Beste muss in meinen Schuhen laufen“, sagt Adi Dassler, als die Brüder es wagen, Jesse Owens als Werbeträger in den Blick zu nehmen. „Du meinst, in unseren Schuhen?“, ergänzt sein Bruder Rudi. In diesem kurzen Dialog findet sich die Quintessenz der Geschichte, in der Christian Friedel (Adi) und Hanno Koffler (Rudi) die Brüder nuancenreich und von Jugendtagen an bis ins hohe Alter spielen, was dem Maskenbildner Birger Laube alles abverlangt. Er lässt auch Alina Levshin als Käthe und Hannah Herzsprung als Friedl Dassler sehr ansehnlich altern. Die Rollen der jungen und der alten Dasslers mit verschiedenen Schauspielern zu besetzen, habe sich schon aus dem Grund nicht angeboten, als es im Film keinen Punkt für einen Zeitsprung gebe, sagten die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert.

          Damit liegen sie richtig und verraten zugleich, worin die Stärke, aber auch eine Schwäche ihres Zweiteilers liegt: Sie erzählen die ganze Geschichte – über fünfzig Jahre, mit allen Höhen und Tiefen, was im zweiten Teil zu einigen Längen führt. Da sehen wir die Patriarchen, wie sie sich aus ihren Büros heraus bekriegen, im Wechsel mit Bildern von der Fußball-WM und von Olympischen Spielen und warten auf das unweigerliche Ende zweier Brüder, die nicht aufhören können, sich miteinander zu messen. Auch als sie sehen, was sie angerichtet hatten: Einen Bestechungswettbewerb, in dem der Weltmeistertrainer Sepp Herberger als einer der Ersten die Hand aufhält, in dem die Söhne schließlich die Zukunft der Unternehmen riskieren wie Spieler am Roulette-Tisch und sich dabei auch noch gegen die Väter wenden. Die haben es ihnen vorgemacht. Versöhnung gibt es in dieser Familie nicht. Nur Schuhe, in denen die Besten laufen.

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