14.02.2008 · Ein Brite stellt die Feldpost seines Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg ins Internet - neunzig Jahre nachdem sie geschrieben wurde. Wie einst die Familie warten nun Tausende auf ein Lebenszeichen von der Front.
Von Julia RoebkeDie Leser werden nervös - der letzte Eintrag in Harrys Internet-Tagebuch ist von Anfang Februar. Es wird ihm doch nichts zugestoßen sein? Weltweit warten Tausende Anhänger täglich auf ein Lebenszeichen aus Italien. Dort kämpft der Gefreite Harry Lamin gerade im Ersten Weltkrieg an vorderster Front gegen die Deutschen. Aber natürlich ist der Krieg längst vorüber und Harry beim besten Willen nicht mehr am Leben. Und doch halten die Briefe, die er in den Jahren 1917 und 1918 schrieb und die sein Enkel Bill Lamin auf den Tag genau neunzig Jahre später in einem Internetforum veröffentlicht (wwar1.blogspot.com), eine wachsende Leserzahl in Atem. „Seit dem Start im Juli 2006 haben mehr als eine Million Menschen die Internetseite angeklickt, jeden Tag wird sie rund neuntausendmal gelesen“, sagt Lamin stolz. Weit mehr, als er je zu träumen gewagt habe, erzählt der neunundfünfzigjährige Mathematiklehrer aus dem englischen Cornwall.
Dabei schreibt Harry in seinen Briefen aus Frankreich und später Italien meist über Banalitäten, zeichnet seinen Kriegsalltag nach, beschwert sich über zu wenig Essen und bedankt sich für die Post aus der Heimat. „Es fällt nicht schwer, sich mit Harry zu identifizieren, er ist ein ehrlicher und einfacher Typ“, erklärt Enkel Bill den späten Erfolg seines Großvaters. Harry sei ein Familienmensch, der seinen ein Jahr alten Sohn und seine Frau vermisst und hofft, dass der Krieg bald zu Ende ist. Auch der typisch englische Humor blitzt aus den Briefen hervor: „Bis jetzt habe ich noch nicht zugenommen“, schreibt Harry seiner Schwester Kate.
Warten auf ein Lebenszeichen von der Front
Nur beiläufig erfährt man von den Stellungskämpfen in Flandern, den Toten aus den eigenen Reihen. Vielleicht, spekuliert sein Enkel, wollte Harry Lamin vermeiden, dass die Familie in England sich zu viele Sorgen macht. Vielleicht hätten Harry bei den schrecklichen Kriegserlebnissen einfach die Worte gefehlt. Und wenn er dann doch über Bombenangriffe, getötete Kameraden und das Zusammentreffen mit den Deutschen schreibt, geschieht dies in einer fast saloppen Art: „Wir hatten eine aufregende Zeit - Fritz kam zu Besuch“, heißt es in einem Brief. Die Zahlenangaben zu Toten und Verletzten wurden im Original unkenntlich gemacht, ein Versuch der Heeresführung, die Moral im Heimatland aufrechtzuerhalten. Zwischendurch fehlen Briefe. Dann beginnt für die Nachgeborenen das Warten auf ein Lebenszeichen von der Front.
Bill veröffentlicht dann Auszüge aus dem Kriegstagebuch des York & Lancaster Regiments, dem sein Großvater angehörte. Kurz und knapp erfährt der Leser dann geschichtliche und geographische Details. Er könne die Unterbrechungen nicht erklären, sagt Bill Lamin, vielleicht seien Briefe auf dem Weg nach England verlorengegangen. „Ich veröffentliche alles, was sich in meinem Besitz befindet, genau wie es geschrieben wurde und inklusive Rechtschreibfehler“, sagte er. Erhalten seien jedoch nur die Briefe seines Großvaters an die Geschwister. Die Großmutter habe den Krieg gehasst und die Frontbriefe ihres Mannes vermutlich zerstört, sagt der Enkel.
Erst, wenn das Rätsel im Internet gelöst ist, soll es ein Buch geben
Als Zwölfjähriger habe er das Bündel Briefe auf dem Dachboden gefunden. Seine Mutter fand sie „grässlich“, doch er bat darum, sie behalten zu dürfen. Erst vor etwa drei Jahren habe er sich entschlossen, die Familiengeschichte genauer zu erkunden. „Ich empfand die Korrespondenz einfach als faszinierend und hatte sowieso vor, mit meinen Schülern einen Blog zu bauen“, erläutert der Lehrer seine Motivation. Natürlich habe er auch überlegt, was wohl sein Großvater von der Tatsache halten würde, dass seine Korrespondenz für jedermann zugänglich ist. „Vermutlich hätte er sich dagegen ausgesprochen“, sagt Lamin heute.
Die Veröffentlichung im Netz sieht Lamin als ideale Form an. Die Leser seien in genau der Situation, in der sich damals seine Familie befunden habe. Jeder Brief könnte der letzte gewesen sein - jeden Tag könne die Todesnachricht eintreffen. Das mache die Geschichte deutlich spannender als ein Buch, bei dem das Ende durch die zur Neige gehenden Seiten absehbar sei. Zusätzlich biete ein Blog die Möglichkeit zur Kommunikation mit den Lesern: Die Resonanz sei überwältigend. Besonders die jüngere Generation sei fasziniert von seiner Idee, Geschichte auf diese Art lebendig werden zu lassen. „Es ist fast schon wie bei einer Seifenoper, die Menschen schreiben mir, wie sehr sie mit Harry fühlen und wie sehr sie hoffen, dass er den Krieg überlebt.“ Ein Buch wird es geben, jedoch erst, wenn das Rätsel im Internet gelöst sei.
Ein paar Mal hätte der Enkel es fast verraten
Lamin bezeichnet seinen Blog vollmundig als in dieser Form bisher einzigartiges Projekt. Das ist freilich nicht ganz richtig, auch andernorts sind im Netz schon geschichtliche Originalquellen veröffentlicht worden. Das „Lebendige virtuelle Museum Online“ (LeMO - www.dhm.de/lemo), getragen vom Deutschen Historischen Museum, dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und dem Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik, bietet neben umfassenden Informationen zur deutschen Geschichte von 1871 bis zur Gegenwart die Möglichkeit, ein „Kollektives Gedächtnis“ zu füttern. Zeitzeugen können ihre Erinnerungen online veröffentlichen, Verwandte die Briefe der Hinterbliebenen oder Auszüge aus Tagebüchern. „Die persönliche Ebene ist für viele Menschen ein sehr interessanter Ansatz, Geschichte zu erleben“, sagt Burkhard Asmuss, Projektleiter des LeMo beim DHM. Doch anders als bei Harrys Briefen werden die Beiträge der Zeitzeugen vom Museum überarbeitet und mit dem historischen Kontext verknüpft.
Dabei geht leider genau die Spannung verloren, mit der Bill Lamin spielt: Wird es denn überhaupt noch einen weiteren Brief von Harry geben? „Ein paar Mal wäre es mir beinahe herausgerutscht, doch ich will den Menschen nicht den Spaß verderben“, sagt Bill Lamin. Spätestens im November, wenn sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum neunzigsten Mal nähert, werden die Internetleser Genaueres erfahren.