Womöglich hat der Mann recht: Sie hätten Anders Breiviks Selbstinszenierung vor Gericht zeigen sollen, live und trotz aller Kopfschmerzen, dem narzisstischen Massenmörder die erhoffte Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Ich bezweifle, dass er auf diesem Wege viele Anhänger finden wird“, sagte der Sozialanthropologe Thomas Hylland Eriksen, der in der norwegischen Öffentlichkeit eine prominente Rolle spielt, am Dienstag zu Reportern: „Gebt ihm allen Raum, den er will. Das ist ein Impfstoff gegen derartige Ideen.“
Und so sieht es auch die Online-Ausgabe von „Verdens Gang“, die mit diesen Sätzen abermals die Forderung nach uneingeschränkter Berichterstattung betonte - verbunden mit einem Link auf jene Internetseite, auf der die Gerichts-Stenographen der Boulevardzeitung die Verhandlung protokollieren: „Wir Reporter im Gericht erleben seine Demaskierung. Mir erscheint er als erbärmliche Gestalt, aber diesen Eindruck bekommst du nicht, wenn man nur den Text liest.“
Das Vertrauen in die klassische Presse
Doch die Frage, wie viel Raum Breiviks Gesicht und seinen Worten in der Öffentlichkeit zugestanden werden sollte, ist in Norwegen in den ersten Tagen des Prozesses noch immer so umstritten wie in den ersten Wochen nach dem Anschlag, als einige Supermärkte dazu übergingen, Titelseiten mit Breiviks Konterfei in ihrem Zeitungskiosk umzudrehen. Immer wieder ist in privaten Gesprächen von den „nützlichen Idioten“ die Rede, den Journalisten, die schon Breiviks Manifest („Ich habe wohl vor allem Wikipedia verwendet“, sagte Breivik vor Gericht, „die englischen Beiträge sind unglaublich umfangreich“) weltweit bekannt machten. Dass diese Stimmen nun nicht leiser werden, da Breivik vor Gericht steht, versteht sich von selbst.
Offenbar ist es mit dem Vertrauen in die klassische Presse nicht mehr weit her. Zwei von drei Norwegern hatten den Umfang der Berichterstattung schon in der Woche vor Prozessbeginn satt. Und sie fühlen sich natürlich bestätigt, seit die ersten Bilder des Prozesses in Fernsehen und auf die Online-Seiten gehoben wurden. „Jetzt live!“ schrie es den Besuchern von „Dagbladet.no“ entgegen, „Breivik hat zu weinen begonnen!“ Darüber Werbung für den Kampf gegen Zellulitis. Wie soll man diesen Skeptikern erklären, dass es vielleicht gut gewesen wäre, Breiviks Erklärung am Dienstag, ja überhaupt wesentlich mehr von seinen Auftritten vor Gericht live zu senden?
Man hat zumindest nachgedacht
Doch auch jene, die für eine umfangreiche, in Bild und Ton uneingeschränkte Berichterstattung werben, verschaffen sich nun wieder Gehör. Bei der Kriegsberichterstattung, erläutern sie, könne man auch nicht einfach weniger berichten, nur weil die Kriegsmüdigkeit einsetze; die Berichterstattung bleibe ja von zentraler Bedeutung. Und muss man nicht gerade dann, wenn einige Medien ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind und den Blick auf die Selbstdemaskierung des Täters verstellen, auf die volle Transparenz setzen? So fragte es der Rechtsprofessor Ørnulf Rasmussen. Er lebt in einem Land aus Glas, das auf sein Transparenz-Prinzip stolz ist und selbst die individuellen Schlüsseldaten der Einkommensteuer veröffentlicht. Sie werden von den Medien Jahr für Jahr ins Internet gestellt, per Mausklick kann man sie durchsuchen.
Die gute Nachricht ist: Trotz einiger Ausreißer pendelte sich die norwegische Prozessberichterstattung in Sachen Breivik auf einer Linie ein, die sich wider Erwarten sehen lassen kann. Offenbar hat man (okay, Boulevard bleibt Boulevard) über die Herausforderung zumindest nachgedacht - schon der vielen internationalen Kollegen in Oslo wegen, denen man sich als ebenso ausgefuchste wie avantgardistische Profi-Truppe präsentieren möchte. Womit wir wieder bei dem wären, was die norwegische Mentalität ausmacht. Auch die eines Killers wie Anders Behring Breivik.
Die Eltern sind dankbar
Besonders ambitioniert präsentieren sich die Medienhäuser online. Zwar kann man darüber streiten, wie sinnvoll die tickerhafte Live-Berichterstattung aus dem Gerichtssaal ist, zu der man ob des verwehrten Zugangs zur Live-Kamera greift. Doch NRK etwa unternimmt alles, um sich irgendwie abzusichern: Links auf dem Schirm wachsen die Ticker-Einträge, als könne man der Reclam-Ausgabe eines zeitgenössischen Dramas bei der Entstehung zuschauen. Rechts nehmen zahllose Zuschauer die Möglichkeit wahr, sich mit den NRK-Journalisten und ihren Studiogästen, Psychologen, Rhetorik- und Politik-Experten ohne jede Scheu auszutauschen. Zudem bietet man Hintergrundinfos und aktuelle Interviews und das, was die Kameras zeigen dürfen - und wenn es zwei weitere Experten sind, die das Geschehen im Ticker ebenfalls kommentieren und kritisch einzuordnen versuchen. Das ist so multimedial, dass einem der Kopf raucht.
Ebenso beeindruckend ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich die preisgekrönten NRK-Kindernachrichten dem Thema widmen. „Die Eltern im Land sind uns für diese kindgerechte Aufbereitung wirklich dankbar“, sagt „Supernytt“-Redaktionsleiterin Live Kaldestad. Ein Täter, der Jugendliche massenhaft in einem Ferienlager ermordet? Die Geschichte sei überall. „Und Kinder sprechen über solche Dinge in der Regel bloß bruchstückhaft, um das Gehörte dann im Kopf per Phantasie zu vervollständigen. Das schafft Ängste. Deshalb ist es wichtig, alles zu erklären.“
Ein Bericht, der das Verfahren erläutert: „Was ist Strafe?“ Ein Interview mit dem Verteidiger: „Alle müssen einen Verteidiger haben, so dass wir sicher sei können, dass niemand eine Strafe bekommt, die er nicht verdient.“ Eine Runde, der man per E-Mail selbst die „Warum“-Frage stellen konnte. Dazu das Gespräch mit der Schwester eines Opfers und mit einem Polizisten, der im Interview vor dem Gerichtsgebäude Tinghuset erklärt: „Die Polizei passt gut auf ihn auf.“ Das sind die Geschichten, die auf der Online-Seite von „Supernytt“ zu sehen sind.
Habt keine Angst, sagen die Beiträge allesamt, die Demokratie kann das, wir bewältigen das. So gut und knapp müsste man das manchmal auch den Erwachsenen erklären können.
Hemmschwellen
Joachim Schroeder (Pequod)
- 19.04.2012, 16:16 Uhr