04.05.2009 · Die Zeitungsbranche in Amerika steckt in einer schweren Krise. Die New York Times Company ist angeschlagen, und der „Boston Globe“ gehört zu den größten Sorgenkindern des Verlags. Jetzt macht das Mutterhaus Druck und droht sogar mit Schließung.
Von Roland Lindner, New YorkIm Jahr 1993 war noch alles in Ordnung. Zeitungen machten glänzende Geschäfte, und die New York Times Company hatte Geld genug, um ihr Zeitungsimperium auszubauen. Der Zeitungsverlag mit dem Flaggschiff „New York Times“ zahlte 1,3 Milliarden Dollar, um den „Boston Globe“ zu kaufen. Es ist bis heute ein einsamer Rekordpreis für die Übernahme einer einzelnen Zeitung. Die Rechnung ging zunächst auf, und der „Boston Globe“ warf im weiteren Verlauf der neunziger Jahre üppige Gewinne ab.
Die Zeiten haben sich geändert: Die Zeitungsbranche steckt in Amerika in einer schweren Krise. Die New York Times Company ist angeschlagen, und der „Boston Globe“ gehört zu den größten Sorgenkindern des Verlags. Das Mutterhaus hat seinem Ableger die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder stimmen die Gewerkschaften massiven Einschnitten bei Gehältern und Sozialleistungen zu, mit denen zwanzig Millionen Dollar gespart werden können, oder die Zeitung könnte eingestellt werden.
Mehr als eine leere Drohung
Die New York Times Company hatte den Gewerkschaften eine Galgenfrist bis Sonntag um Mitternacht gesetzt, um Sparpakete festzuzurren. Mit der wichtigsten Gewerkschaft, der Boston Newspaper Guild, zu der Mitarbeiter aus Redaktion und kaufmännischen Bereichen gehören, stand beim Ablaufen der Frist eine Einigung noch immer aus. Also drohte der New Yorker Mutterkonzern damit, das Blatt innerhalb von sechzig Tagen zu schließen. Die Gewerkschaft reagierte entsetzt und warf dem Mutterkonzern „Schikane“ vor.
Das Schicksal des „Boston Globe“ ist damit noch nicht besiegelt. Die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und dem Verlag werden weitergehen. Am Montag nahm die New York Times Company die Drohung einer Schließung innerhalb von 60 Tagen erst einmal wieder vom Tisch. Allerdings sollte die Gewerkschaft die Verlautbarungen aus dem Mutterhaus sehr ernst nehmen. Denn Schließungen bedeutender Zeitungen sind in Amerika traurige Realität geworden. Die „Rocky Mountain News“, eine der beiden Tageszeitungen in Denver mit mehr als hundertjähriger Tradition, ist eingestellt worden. Der „Seattle Post-Intelligencer“ hat seine Printausgabe aufgegeben und lebt nur noch im Netz weiter. Dem „San Francisco Chronicle“ wurde von seinem Eigentümerverlag Hearst mit der Schließung gedroht.
Absturz um vierzehn Prozent
Die Zeitungen leiden unter schrumpfenden Auflagen und Anzeigenumsätzen. Das hat zum einen mit der Wirtschaftskrise zu tun, ist aber auch ein strukturelles Problem: Viele Amerikaner verzichten auf eine gedruckte Zeitung und holen sich ihre Informationen – zumeist kostenlos – im Internet.
Die New York Times Company steckt selbst in einer schweren Krise: Das Unternehmen hat kürzlich in einer Notaktion seine neue New Yorker Zentrale verkauft und seine Dividende gestrichen. Bei ihrem Ableger in Boston rechnet die Times Company in diesem Jahr mit einem Verlust von 85 Millionen Dollar. Die Auflage des „Boston Globe“ ist nach jüngsten Marktforschungsdaten zwischen September und März um vierzehn Prozent abgestürzt. Gemessen an der Auflage, ist der „Boston Globe“ die Nummer vierzehn unter den amerikanischen Tageszeitungen.