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„Bornholmer Straße“ im Ersten : Wer ist denn dafür zuständig?

Mit dem Trabanten im Rücken: Wie sich zeigt, sind die Grenzer auf den Fall der Mauer nicht so gut vorbereitet. Bild: dpa

Jetzt wissen wir endlich, wie das mit dem Fall der Mauer wirklich war: Die ARD erzählt das Ende der DDR als Komödie. In „Bornholmer Straße“ haben nur die überrumpelten Grenztruppen nichts zu lachen.

          Wie erzählt man eine Geschichte, deren Ausgang jeder kennt? Denn welchen Verlauf die Dinge nahmen, nachdem der Sprecher der DDR-Regierung Günter Schabowski am 9. November 1989 jenen Kult gewordenen Satz sprach „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich“, das weiß man ja. Die Bürger der DDR nahmen Schabowski beim Wort. Sie strömten zu den Grenzübergängen, brachten, weil sie so zahlreich kamen, die dort Wache haltenden Grenzbeamten in höchste Bedrängnis und erzwangen so, dass sich die Schlagbäume öffneten und die Nacht Geschichte schrieb.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer diese Geschehnisse also nacherzählt und sich dabei an der Chronologie der Ereignisse orientiert, hielte zwar sicher schon kein schlechtes Drehbuch in den Händen. Aber ein wenig langweilig wäre es vermutlich trotzdem. Deswegen erweist es sich als durchaus geschickt, dass sich die beiden Autoren Heide und Rainer Schwochow, von denen das Buch zu dem Film „Bornholmer Straße“ stammt, für eine weitgehende Verfremdung entschieden haben. Nicht, dass sie auf wichtige historische Eckpunkte verzichten oder neue erfinden würden. Aber sie erzählen die Geschichte vom Grenzwächter Harald Schäfer als Komödie, und allein dies verschafft dem Film ein paar Kontraste, die ihm sehr gut tun.

          Denn zum einen steht dieses Genre laufend im Gegensatz zur Wirklichkeit, und so bleibt auch dem Zuschauer das Lachen ständig im Halse stecken - weil er ja noch erinnert, welchen tragischen Verlauf die Ereignisse auch hätten nehmen können. Und zum anderen eröffnet die Komödie die Möglichkeit, das Augenmerk auf das offensichtlich groteske Moment jener Abendstunden zu lenken, die den Untergang der DDR besiegelten.

          Unerbittlich tickende Zeiger

          Genau von diesen Möglichkeiten macht der Film weidlich Gebrauch. Auf das Präludium mit dem kleinen Hund, der sich noch vor der berühmten Schabowski-Pressekonferenz im Grenzgebiet verirrt und die Beamten auf eine erste Probe stellt, hätte man zwar, weil es doch sehr nach Klamauk aussieht, verzichten dürfen. Aber zumindest klingen hier schon die Fragen an, mit denen sich Harald Schäfer und seine Kollegen bald sehr intensiv beschäftigen werden: Wer ist zuständig? Welche Verordnung gilt? Und was soll das eigentlich heißen - „sofort, unverzüglich“? Zu diesen Fragen passt, dass uns die Kamera von Frank Lamm immer wieder Blicke auf eine große Wanduhr werfen lässt, deren unerbittlich tickende Zeiger unterstreichen, aus welchem Dilemma der Film (Regie: Christian Schwochow) seinen Witz zieht: Den einen bedeutet die Grenze noch das Leben - für die anderen ist sie schon Geschichte.

          Während sich die Grenzbeamten also ständig in ihre Stube zurückziehen, um lange ergebnislos zu beraten, was jetzt zu tun ist, fassen die Bürger vor dem Schlagbaum immer mehr Mut. Je klarer die Fronten, desto schneller wechselt der Film aber nicht nur zwischen drinnen und draußen, desto absurder wirken auch seine Details. Der Rat, sich doch zunächst mal einen Überblick zu verschaffen, den Oberst Hartmut Kummer (ständig im Zwielicht: Ulrich Matthes) seinem Untergebenen Schäfer telefonisch gibt, offenbart seine ganze Lächerlichkeit also erst richtig, als Schäfer zum dritten Mal an die Grenze tritt - und sieht, dass mittlerweile die halbe Stadt auf den Beinen ist. Auch dass in einer Lagebesprechung die Frage, ob Harald Schäfer vor Nervosität so viele von den „Othello-Keksen“ zerbröseln müsse, zumindest für einen Augenblick gleichberechtigt neben der steht, ob nun „die Lili“ zum Einsatz kommen soll (Lili ist das Sturmgewehr), ist ein schönes Beispiel für die hier ins Rutschen geratenen Ebenen und die Komik, die daraus entsteht.

          Einen nicht geringen Anteil an dem Spaß, den dieser Film macht, hat immer wieder aber auch der Blick in die Gesichter aller Beteiligten: Satt sieht er aus, dieser Harald Schäfer, dem der Schauspieler Charly Hübner hier eine glattrasierte Unbedarftheit verleiht. Dienstbeflissen und vollends ratlos wirkt Major Peter Arndt, dem Rainer Bock ein perfekt gescheiteltes Beamtengesicht schenkt. Und auch Oberleutnant Ulrich Rotermund sieht man gern, weil es Milan Peschel so wunderbar gelingt, ihn trotz aller Cholerik als das eigentlich schwächste Glied in der Riege dieser Grenzer zu präsentieren. Das Ensemble rechtfertigt jedenfalls jede einzelne der vielen Großaufnahmen, die sich dieser Film leistet. Und es erweist sich als absolut auf der Höhe eines Drehbuchs, das viel wagt und fast alles gewinnt.

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