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„Bob Dylans Amerika“ auf Arte : Verdammt lang her und trotzdem noch da

  • -Aktualisiert am

Er tut nur das, was ihn wirklich interessiert: In Bob Dylans Geburtsort Duluth trifft Niedecken die Folkmusikerin Sarah Krueger. Bild: Kobalt/Alexander Seidenstücker

Wolfgang Niedecken reist für eine „teilnehmende Observation“ zu den Weggefährten Bob Dylans nach Amerika. Und findet, weil er lässig genug sucht, etwas Wahres und Schönes.

          Er sang so schön, dass bei seinen Liedern das aufgewühlte Meer ruhig wurde. Selbst der Herrscher über die Totenwelt machte für ihn eine Ausnahme. Und er ist bis heute unter uns, Orpheus, der für einige Jahre als Robert Zimmerman firmierte, aber seit einem halben Jahrhundert als Bob Dylan bekannt ist, der größte Dichter unter den Sängern und der größte Sänger unter den Dichtern, ein mürrischer Halbgott, der in allen Stilen brilliert: Folk, Blues, Rock, Country, Gospel, klassischer Sinatra-Pop. Zeit seines Lebens hat sich Dylan gegen Vereinnahmungen gesperrt, noch im ultravisuellen Internetzeitalter untersagt er Bildaufnahmen seiner Konzerte. Gerade weil er als Person konsequent hinter seiner Musik verschwinden möchte, wurde er zum lebenden Mythos, zum letzten Geheimnis in der entzauberten Sphäre der Popkultur.

          Hannes Rossacher hat für seine fünfteilige WDR-Dokumentation, die vielleicht besser teilnehmende Observation genannt wird, den besten, den einzig richtigen Ansatz gewählt: Er will Bob Dylan, der heute zurückgezogen bei Los Angeles lebt, nicht als Helden feiern und biographisch entschlüsseln, sondern als Phänomen begreifen, als musikalisches Genie in enger, ambivalenter Wechselwirkung mit seinem Umfeld, mit der Beat-Generation, den Hippies, den Politaktivisten oder den bis heute im Kampf um Gleichberechtigung Kraft aus der Religion ziehenden Afroamerikanern.

          Keine Sekunde lang peinlich

          Der erklärte Dylan-Bewunderer Wolfgang Niedecken sucht dafür Orte auf, an denen der Singer und Songwriter Spuren hinterlassen hat. Er trifft in Würde ergraute Weggefährten, Künstler, Clubbetreiber, Museumsleiter, aber auch jüngere Fans und verlumpte Journalistenzausel, die alle auf ihre Weise zu erklären vermögen, wie Dylan ihr Leben reicher gemacht hat. Das Milieu, aus dem dieser Musiker hervorging und das ihm trotz aller Zurückweisung treu geblieben ist, scheint tatsächlich noch vorhanden zu sein. Das gute, wahre, schöne Amerika, so die Botschaft, hat sich ein wenig eingeigelt in unseren Tagen des Zorns, aber es ist entschlossen, durchzuhalten.

          Dass die Suche nach dem Land der Freiheit dermaßen herzerwärmend geraten ist, ohne eine Sekunde lang peinlich zu sein, hat in erster Linie mit Niedecken zu tun. Eine bessere Wahl hätte Rossacher nicht treffen können. So einleuchtend es sofort erscheint, einen verdammt guten Musiker auf diese Reise zu schicken, so kommt bei dem Kölner Bap-Frontmann – nur zehn Jahre jünger als Dylan – noch hinzu, dass er vollkommen unverbogen und floskelfrei ist. Er macht seit je nur, woran er ein echtes Interesse hat. Dann aber ist er so gewinnend und authentisch, dass es eine Freude ist, zuzusehen, wie er statt langer Interviews zur Klampfe greift und mit zahlreichen Musikern im New Yorker Greenwich Village (Durchbruch Bob Dylans und Wandel zur Ikone), in Woodstock (Rückzug und Basement Tapes), Minnesota (Kindheit), New Orleans (Comeback nach Schaffenskrise mit dem Album „Oh Mercy“) oder Kalifornien (das Herzensland des Musikers bis heute) Dylan-Songs anstimmt. Das Funkeln, das den Musizierenden dabei in die Augen tritt, springt über.

          Als Regisseur muss man Mut besitzen, sich für solche Momente viel Zeit zu nehmen. Das Ergebnis ist eine so lässige, persönliche, musische Annäherung an Bob Dylans Bedeutung, wie man das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kaum für möglich gehalten hat. Da sind dann auch die kleinen Zugeständnisse an täppische Kulturformate – Niedecken, wie er sinnierend in Dylans Autobiographie „Chronicles“ liest – vergeben. Ganz nebenbei besitzt dieser Mann ja auch noch die wohlklingendste Erzählerstimme seit Harry Rowohlt.

          Dass sich die amerikanische Gesellschaft seit den Sechzigern grundlegend gewandelt hat, ist dermaßen offensichtlich, dass sich Niedecken damit nicht lange aufhält. Er erwähnt mehrfach die astronomischen Mieten, die heute „ganz anderen“ Werte, lässt einen Althippie im historischen Vesuvio Café erzählen, wie San Francisco vom Aussteigerparadies zur „Partystadt der Tech-Branche“ verkam. Viel wichtiger aber ist ihm, was sich alles eben doch noch findet: die kreative Energie des multiethnischen New Orleans, der lebensbejahende Geist von Woodstock, die Gegenkultur von Kalifornien. Vor allem aber lässt sich hier überall die Herzlichkeit und Offenheit spüren, für die Amerika einmal geliebt wurde.

          Niedecken stößt als Musiker auf eine Art lyrischen Unterbau der uramerikanischen Utopie von Freiheit und Gleichheit, einen Never Ending Song, dessen Grundmelodie Woody Guthrie, Allen Ginsberg und Bob Dylan erschaffen haben und der bis heute die besten Köpfe aller Generationen verbindet. Erstaunt blicken sie auf ihr Land, vom Wahnsinn zerstört, ausgemergelt, hysterisch und nackt, aber sie verzweifeln nicht daran, sondern sind überzeugt, dass „das Gute siegen wird“, wie es Jerry Cimino, der Direktor des Beat Museums von San Francisco, ausdrückt: „Trump bestimmt zwar jetzt das Geschehen, aber die jungen Menschen glauben an die Werte der Hippies.“ „Na, hoffentlich“, repliziert Niedecken.
           

          Bob Dylans Amerika läuft ab heute täglich (und nicht fußballkompatibel) um 17.10 Uhr bei Arte.

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