15.04.2010 · Die Berliner Bloggerkonferenz „re:publica“ liebt alles, was mit Echtzeit zu tun hat, und braucht im Strom flüchtigen Erlebens doch auch ihre Besinnungsinseln. Das „visuelle Protokoll“ der Zeichnerin Anna Lena Schiller wirkt wie ein Riss in der digitalen Matrix.
Von Swantje KarichAnna Lena Schiller steht vor einer weißen Papierfläche – Stunde um Stunde. Sie zeichnet mit Edding in verschiedenen Farben. Prüft, was sie gemalt hat. Trinkt zwischendurch einen Schluck Wasser. Zieht die nächste Linie. Ein kindliches Gesicht entsteht. Jetzt schreibt sie „Das Netz lebt“, und daneben stellt sie einen kleinen Laptop dar. Die Umrisse eines iPhones streicht sie durch und schreibt: „Menschen interessieren sich nicht für Maschinen, Menschen interessieren sich für Menschen.“ Erst wenn das Blatt ganz und gar voll ist, wird es abgerissen, und der Prozess beginnt von vorne.
Anna Lena Schiller ist selbständige Informationsdesignerin. Sie wurde auf der „re:publica“, Berlins Blogger-Konferenz, als „etwas Neues“ angekündigt: „Neben den Live-Streams werden wir zusätzlich einzelne Höhepunkte des Programms visuell protokollieren.“ „Graphic Recording“ ist der professionelle Begriff für diese Dokumentation von Konferenzen, Workshops und Seminaren. Anna Lena Schiller wird von einem Scheinwerfer warm angestrahlt – neben der mächtigen Bühne im Friedrichstadtpalast, wo die Konferenz in diesen Tagen stattfindet. Mittlerweile sind ein Kofferradio und ein Feuer auf ihrer Leinwand erschienen. Was hat Peter Glaser in seinem Vortrag zur „Digitalen Faszination“ nur erzählt, das diese Assoziation hervorrief?
Unheimlicher Anachronismus
Anna Lena Schiller lässt sich nicht ablenken von den Hunderten Besuchern, die während des Vortrags auf ihre Laptops einhämmern, fragt sich nicht, ob sie oder die anderen aus der Zeit gefallen sind. Sie wirkt so unheimlich anachronistisch, dass man jede nur mögliche, denkbare, verrückte digitale Revolution sofort anzetteln möchte, damit sie sich entmaterialisiert – oder vielleicht lieber all die anderen? Mit viel Geduld schreibt sie nun auf ihr Papier in großen schwarzen Lettern: „Twitter Revolution“. Der Weißrusse Evgeny Morozov ist mittlerweile ans Rednerpult getreten und spricht über Iran und Facebook.
Die digitalen Existenzen auf der „re:publica“ haben jedenfalls Sinn für Echtzeit: Echzeit-Internet, Echtzeit-Twitterwall und eben auch Echtzeit-Zeichnen. Wahrscheinlich wissen die Zuschauer auch, dass Digitalisierung garantiert ist: Auf Wunsch kann sich der Besucher die Zeichnungen anschließend einscannen lassen. Ich aber bin mir sicher: Die Matrix muss einen Riss bekommen haben.