Home
http://www.faz.net/-gsb-xrv0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bloggerkonferenz „re:publica“ Die Indianer des Internets

 ·  Lange hielten sich Blogger für die Ureinwohner des Netzes. Auf der „re:publica“ in Berlin kamen sie diese Woche endlich ins Zweifeln. Die Konterrevolution im Netz formiert sich, und die Kritik läuft hinterher.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (2)

Natürlich muss man nicht da gewesen sein, in Berlin, nicht im Friedrichstadtpalast, nicht in der Kalkscheune, nicht im „Quatsch Comedy Club“, nicht am Mittwoch, nicht am Donnerstag, nicht am Freitag dieser Woche, als sich dort 2500 Menschen zur Bloggerkonferenz „re:publica“ trafen. Womöglich wäre es sogar viel authentischer gewesen, das Treffen von den Aussichtsplattformen zu verfolgen, die das Internet so bietet, wo man zwar nicht so gut sieht, aber dafür mehr.

Es gab drei parallele Livestreams, Zusammenfassungen der Reden auf unzähligen Blogs, Tausende Bilder auf Flickr und natürlich den nie versiegenden Strom von Kurzkommentaren auf Facebook und Twitter. Auf den Bühnen des Revuetheaters und den angrenzenden Etablissements dagegen standen die einzelnen Thesen über aktuelle digitale Zustände vergleichsweise einsam und unvernetzt nebeneinander, erst in der digitalen Verwurstung kamen sie so richtig zu sich. So ähnlich war wohl zumindest das diesjährige Motto der Konferenz gemeint, „Nowhere“: als Gleichung, die nicht aufgeht, weil „Now“ und „here“ zusammen im Zweifelsfall im Nirgendwo enden.

Der Witz eines altmodisch physischen Treffens ist daher nicht so sehr, auch den leidenschaftlichsten Mitgliedern der sogenannten Netzgemeinschaft ein heimliches Bedürfnis nach persönlichen Kontakten zu unterstellen; der Witz ist, dass die gerne zur rätselhaften Spezies verklärten Eingeborenen des Internets ihre Welt längst nicht mehr verlassen müssen, wenn sie in vermeintlich handfestere Umgebungen aufbrechen. Ihre tragbaren Sensoren haben sie schließlich längst überall dabei: Über 5000 mobile Geräte waren zu Spitzenzeiten im drahtlosen Netzwerk der Konferenz angemeldet, im Schnitt also zwei pro Besucher. Und weil diese Apparate sowohl Sender als auch Empfänger sind, war man eben auch als leibhaftiger Besucher der Tagung immer mittendrin, im allgegenwärtigen Feedbackgewitter der Daten, mit oder ohne eigenen Schirm.

Die Wolke ist überall

Dass es also kein Außerhalb des Netzes gibt, das offenbarte nicht nur der auf Web-2.0-Veranstaltungen mittlerweile unverzichtbare Gimmick der Twitterwand, auf der die Kommentare aus dem Netz (beziehungsweise eben aus dem Saal) eingeblendet wurden. Die symbolische Aussage dieser Einrichtung ist dabei natürlich viel wichtiger als ihr praktischer Nutzen, und wenn die Einwürfe nicht in der Regel gemeinerweise immer hinter die Redner projiziert würden, könnten diese schön mitverfolgen, wie ihre mühsam strukturierten Gedanken in tausend kleine Fragmente zerlegt werden, in Echtzeit versteht sich. Doch eigentlich brauchte überhaupt keiner mehr ein Gerät, um online zu sein. Wie die Partikel der Vulkanwolke durchdringen die Elemente der digitalen Kultur alle Bereiche des modernen Lebens. Im Zweifelsfall ging es eben auch in den sogenannten persönlichen Gesprächen um den Inhalt der aktuellsten Tweets.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (0) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Sicherheitslücke „Heartbleed“ Der Herzfehler

Die Unachtsamkeit einer Silvesternacht: Die Sicherheitslücke „Heartbleed“ ist ein Totalschaden im Internet und zeigt, dass es neue Sicherheitsstandards für das Netz braucht. Mehr

13.04.2014, 15:14 Uhr | Feuilleton
Konkurrenz zu Netflix & Co. Yahoo und Microsoft wollen eigene Serien

Um mit den großen Konkurrenten wie Netflix oder Amazon mitzuhalten, drängen nun auch Yahoo und Microsoft laut Medienberichten mit eigenproduzierten Serien auf den Videomarkt. Mehr

07.04.2014, 17:12 Uhr | Feuilleton
Wirtschaftsblog „Fazit“ Warum das Internet die Gesellschaft nicht spaltet

Liest im Internet jeder nur noch das, was seiner eigenen Meinung entspricht? Nein, sagt Matthew Gentzkow. Jetzt hat er einen der wichtigsten Ökonomen-Preise bekommen. Mehr

18.04.2014, 20:56 Uhr | Aktuell

18.04.2010, 14:16 Uhr

Weitersagen
 

Unsere Geschichten, nur anders erzählt

Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3