Home
http://www.faz.net/-gsb-xrv0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Bloggerkonferenz „re:publica“ Die Indianer des Internets

Lange hielten sich Blogger für die Ureinwohner des Netzes. Auf der „re:publica“ in Berlin kamen sie diese Woche endlich ins Zweifeln. Die Konterrevolution im Netz formiert sich, und die Kritik läuft hinterher.

© AFP Vergrößern Etwas in Schieflage geraten: das Bloguniversum auf der „Re:publica”

Natürlich muss man nicht da gewesen sein, in Berlin, nicht im Friedrichstadtpalast, nicht in der Kalkscheune, nicht im „Quatsch Comedy Club“, nicht am Mittwoch, nicht am Donnerstag, nicht am Freitag dieser Woche, als sich dort 2500 Menschen zur Bloggerkonferenz „re:publica“ trafen. Womöglich wäre es sogar viel authentischer gewesen, das Treffen von den Aussichtsplattformen zu verfolgen, die das Internet so bietet, wo man zwar nicht so gut sieht, aber dafür mehr.

Harald Staun Folgen:  

Es gab drei parallele Livestreams, Zusammenfassungen der Reden auf unzähligen Blogs, Tausende Bilder auf Flickr und natürlich den nie versiegenden Strom von Kurzkommentaren auf Facebook und Twitter. Auf den Bühnen des Revuetheaters und den angrenzenden Etablissements dagegen standen die einzelnen Thesen über aktuelle digitale Zustände vergleichsweise einsam und unvernetzt nebeneinander, erst in der digitalen Verwurstung kamen sie so richtig zu sich. So ähnlich war wohl zumindest das diesjährige Motto der Konferenz gemeint, „Nowhere“: als Gleichung, die nicht aufgeht, weil „Now“ und „here“ zusammen im Zweifelsfall im Nirgendwo enden.

Mehr zum Thema

Der Witz eines altmodisch physischen Treffens ist daher nicht so sehr, auch den leidenschaftlichsten Mitgliedern der sogenannten Netzgemeinschaft ein heimliches Bedürfnis nach persönlichen Kontakten zu unterstellen; der Witz ist, dass die gerne zur rätselhaften Spezies verklärten Eingeborenen des Internets ihre Welt längst nicht mehr verlassen müssen, wenn sie in vermeintlich handfestere Umgebungen aufbrechen. Ihre tragbaren Sensoren haben sie schließlich längst überall dabei: Über 5000 mobile Geräte waren zu Spitzenzeiten im drahtlosen Netzwerk der Konferenz angemeldet, im Schnitt also zwei pro Besucher. Und weil diese Apparate sowohl Sender als auch Empfänger sind, war man eben auch als leibhaftiger Besucher der Tagung immer mittendrin, im allgegenwärtigen Feedbackgewitter der Daten, mit oder ohne eigenen Schirm.

re:publica 02 © dpa Vergrößern Das Ambiente wird größer, und auch die Zweifel wachsen: die Blogger trafen sich erstmals im Berliner Friedrichstadtpalast

Die Wolke ist überall

Dass es also kein Außerhalb des Netzes gibt, das offenbarte nicht nur der auf Web-2.0-Veranstaltungen mittlerweile unverzichtbare Gimmick der Twitterwand, auf der die Kommentare aus dem Netz (beziehungsweise eben aus dem Saal) eingeblendet wurden. Die symbolische Aussage dieser Einrichtung ist dabei natürlich viel wichtiger als ihr praktischer Nutzen, und wenn die Einwürfe nicht in der Regel gemeinerweise immer hinter die Redner projiziert würden, könnten diese schön mitverfolgen, wie ihre mühsam strukturierten Gedanken in tausend kleine Fragmente zerlegt werden, in Echtzeit versteht sich. Doch eigentlich brauchte überhaupt keiner mehr ein Gerät, um online zu sein. Wie die Partikel der Vulkanwolke durchdringen die Elemente der digitalen Kultur alle Bereiche des modernen Lebens. Im Zweifelsfall ging es eben auch in den sogenannten persönlichen Gesprächen um den Inhalt der aktuellsten Tweets.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hass im Internet Ein Algorithmus gegen Trolle

Im Internet sind viele Menschen unterwegs, die nichts anderes machen, als Schimpf-Kommentare zu schreiben. Jetzt hat ein Tüftler offenbar einen Algorithmus entwickelt, der sie identifizieren kann. Mehr

29.10.2014, 14:10 Uhr | Wirtschaft
Demonstranten vernetzen sich auch ohne Internet

Um Internetsperren zu umgehen nutzen Demonstranten in Hongkong mittlerweile massenhaft FireChat, eine Nachrichtenanwendung für Smartphones, die ohne Internet funktioniert. Mehr

02.10.2014, 16:23 Uhr | Politik
Deutsche Wired Wo ist der Wahnsinn?

Einundzwanzig Jahre hat es gedauert, bis die Zukunft in Deutschland ankommt: Von Dienstag an gibt es Wired auch auf Deutsch. Hat sich das Warten gelohnt? Mehr Von Harald Staun

20.10.2014, 11:28 Uhr | Feuilleton
Blogger Sascha Pallenberg: Datenschutz fängt bei jedem selbst an

Connected cars, smart devices, internet of things... die großen Trends der IT-Welt klingen wie das Gegenteil von Datenschutz. Das muss nicht so sein, meint einer der einflussreichsten deutschen Techblogger. Mehr

03.06.2014, 14:45 Uhr | Wirtschaft
Soziale Medien Facebook bleibt eine Ausnahme an der Wall Street

Die drei prominentesten Vertreter der sozialen Netzwerke haben ihre Quartalsergebnisse vorgelegt - und die Anleger enttäuscht. Einzig Facebook hat zugelegt. Der Aktienkurs von Twitter geht wegen enttäuschender Wachstumsraten auf Talfahrt. Mehr Von Norbert Kuls und Martin Kropp

28.10.2014, 21:06 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.04.2010, 14:16 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr 2