18.04.2010 · Lange hielten sich Blogger für die Ureinwohner des Netzes. Auf der „re:publica“ in Berlin kamen sie diese Woche endlich ins Zweifeln. Die Konterrevolution im Netz formiert sich, und die Kritik läuft hinterher.
Von Harald StaunNatürlich muss man nicht da gewesen sein, in Berlin, nicht im Friedrichstadtpalast, nicht in der Kalkscheune, nicht im „Quatsch Comedy Club“, nicht am Mittwoch, nicht am Donnerstag, nicht am Freitag dieser Woche, als sich dort 2500 Menschen zur Bloggerkonferenz „re:publica“ trafen. Womöglich wäre es sogar viel authentischer gewesen, das Treffen von den Aussichtsplattformen zu verfolgen, die das Internet so bietet, wo man zwar nicht so gut sieht, aber dafür mehr.
Es gab drei parallele Livestreams, Zusammenfassungen der Reden auf unzähligen Blogs, Tausende Bilder auf Flickr und natürlich den nie versiegenden Strom von Kurzkommentaren auf Facebook und Twitter. Auf den Bühnen des Revuetheaters und den angrenzenden Etablissements dagegen standen die einzelnen Thesen über aktuelle digitale Zustände vergleichsweise einsam und unvernetzt nebeneinander, erst in der digitalen Verwurstung kamen sie so richtig zu sich. So ähnlich war wohl zumindest das diesjährige Motto der Konferenz gemeint, „Nowhere“: als Gleichung, die nicht aufgeht, weil „Now“ und „here“ zusammen im Zweifelsfall im Nirgendwo enden.
Der Witz eines altmodisch physischen Treffens ist daher nicht so sehr, auch den leidenschaftlichsten Mitgliedern der sogenannten Netzgemeinschaft ein heimliches Bedürfnis nach persönlichen Kontakten zu unterstellen; der Witz ist, dass die gerne zur rätselhaften Spezies verklärten Eingeborenen des Internets ihre Welt längst nicht mehr verlassen müssen, wenn sie in vermeintlich handfestere Umgebungen aufbrechen. Ihre tragbaren Sensoren haben sie schließlich längst überall dabei: Über 5000 mobile Geräte waren zu Spitzenzeiten im drahtlosen Netzwerk der Konferenz angemeldet, im Schnitt also zwei pro Besucher. Und weil diese Apparate sowohl Sender als auch Empfänger sind, war man eben auch als leibhaftiger Besucher der Tagung immer mittendrin, im allgegenwärtigen Feedbackgewitter der Daten, mit oder ohne eigenen Schirm.
Die Wolke ist überall
Dass es also kein Außerhalb des Netzes gibt, das offenbarte nicht nur der auf Web-2.0-Veranstaltungen mittlerweile unverzichtbare Gimmick der Twitterwand, auf der die Kommentare aus dem Netz (beziehungsweise eben aus dem Saal) eingeblendet wurden. Die symbolische Aussage dieser Einrichtung ist dabei natürlich viel wichtiger als ihr praktischer Nutzen, und wenn die Einwürfe nicht in der Regel gemeinerweise immer hinter die Redner projiziert würden, könnten diese schön mitverfolgen, wie ihre mühsam strukturierten Gedanken in tausend kleine Fragmente zerlegt werden, in Echtzeit versteht sich. Doch eigentlich brauchte überhaupt keiner mehr ein Gerät, um online zu sein. Wie die Partikel der Vulkanwolke durchdringen die Elemente der digitalen Kultur alle Bereiche des modernen Lebens. Im Zweifelsfall ging es eben auch in den sogenannten persönlichen Gesprächen um den Inhalt der aktuellsten Tweets.
Mit der Hinfälligkeit der Dichotomie von online und offline erledigt sich aber auch der Antagonismus zwischen der technikverliebten Blogosphäre und jenen, die moderne Kommunikationstechniken einfach nur mit einer gewissen Selbstverständlichkeit benutzen, ohne gleich einen Lebensentwurf daraus abzuleiten. Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben das auch die Blogger so langsam begriffen. Dass in sehr vielen Beiträgen die problematischen Aspekte des Medienwandels bei weitem nicht so kurz kamen, wie es das Klischee des euphorischen Bloggers vorsieht, muss man den Veranstaltern hoch anrechnen. Das ist vor allem deshalb sachdienlich, weil der Debatte um die digitale Kultur nicht damit geholfen ist, wenn sie sich auch argumentativ an binäre Codes hält. Dem Internet jedenfalls ist es ziemlich egal, ob jemand dafür oder dagegen ist.
Schon allein ein kurzer Blick ins Ausland reichte offensichtlich, um ein paar Menschen zu finden, die längst begriffen haben, dass sich der technische Wandel nicht unbedingt auf die Frage verdichten lässt, ob der Journalismus in Zukunft im Internet oder auf Papier stattfindet. Bemerkenswerterweise handelte es sich bei all den angereisten Skeptikern in der Regel eben auch um Blogger, allein dadurch zerlegten sie schon die liebgewonnenen Ressentiments auf beiden Seiten.
Konterrevolution im Netz
Konkret sah das dann etwa so aus: Der weißrussische Politikwissenschaftler Evgeny Morozov warnte, wie vor einer Woche in dieser Zeitung, vor den totalitären Effekten des Internets, das eben auch „die Kosten für die Konterrevolution“ drastisch gesenkt habe. Für die Hinweise, die autoritäre Regime heute beispielsweise den Freundeslisten von Aktivisten auf Facebook entnehmen können, mussten sie früher lange foltern, erklärte Morozov. Und gegen die Erfolge von Social-Web-Protestaktionen, etwa gegen Nestlé oder den Bologna-Prozess, die später den Bremer Psychologieprofessor Peter Kruse so beeindrucken sollten, brachte er die 280 000 Mitarbeiter der chinesischen Regierung in Stellung, die im Akkord regimefreundliche Kommentare in Foren und Blogs hinterlassen, für fünf chinesische Mao pro Stück (etwa 50 Cent).
Astroturfing nennt sich diese Form der künstlichen Graswurzelbewegung, benannt nach einer Marke für Kunstrasen und also gewissermaßen das Gegenstück zur Medienguerrilla, in deren aktuelle Praxis die „Anarchohedonisten“ Helmut Grokenfeld und Victor Dornberger am Freitag einweihten. Als „Kommando Tito von Hardenberg“ gelang es ihnen, ein gefälschtes Interview zum Thema „Volksdroge Speed“ in das ARD-Magazin „Polylux“ zu schmuggeln. Lustig ist das schon; ob solche Aktionen aber reichen, um die globale Bilanz der Meinungsmanipulationen zugunsten der Aufklärung zu verschieben, ist fraglich.
Den Tatsachen hinterher
Im Zweifelsfall müssen sich autoritäre Regime gar nicht die Mühe machen, die Kreativität der Internetaktivisten zu überbieten. Die altmodische tunesische Regierung etwa wirft kritische Blogger ganz einfach ins Gefängnis, wie am Freitag Sami Ben Gharbia berichtete. Der im niederländischen Exil lebende Tunesier arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Global Voices Online. Seine tägliche Auseinandersetzung mit Repressalien gegen die Meinungsfreiheit erspart ihm jede Form von übertriebener Begeisterung - und trotzdem sucht er ständig nach neuen Lücken in den Systemen der Zensur.
Zuletzt hatten ein paar tunesische Dissidenten ihren Protest ausgerechnet mit Googles Hilfe öffentlich gemacht: Sie kauften Anzeigen, die immer dann ganz oben auf der Seite auftauchten, wenn jemand nach dem Namen des tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali suchte. Die Botschaft der Werbung lautetet „Ben Ali Yezzi Fock“, „Ben Ali, es reicht“.
Die Wirkung solcher Protestaktionen aber hat ein strukturelles Problem, auf das der niederländische Netzkritiker Geert Lovink in seinem Vortrag hinwies. „Kritik rennt immer den Tatsachen hinterher“, sagte Lovink - was ihn nicht davon abhält, seit über einem Jahrzehnt die neuesten Entwicklungen radikal auseinanderzunehmen (und, wenn möglich, als bessere Version wieder zusammenzuschrauben). Wobei ihm in der Regel auffällt, dass dort, wo Freiheit draufsteht, oft klare Machtinteressen eingebaut sind, politische Ideologien, getarnt als digitaler Code gewissermaßen. Bis diese Codes dechiffriert sind, sind längst die nächsten in der Welt, da macht sich Lovink keine Illusionen: „Wir beherrschen die Werkzeuge des Web 2.0 noch lange nicht.“
Nur zu Besuch
Immerhin reichte alleine die Erinnerung an unermüdliche Dekonstrukteure wie Lovink, um die seltsame Grenze gleich wieder einzureißen, die etwa Peter Kruse hochziehen wollte: Basierend auf einer Umfrage, die die Wertemuster von 191 „heavy usern“ ermitteln wollte, teilte er die Benutzer des Internets in „Digital Residents“ und „Digital Visitors“ ein. Die einen wollen von überall ins Netz, glauben an die kollektive Intelligenz und sind neugierig auf Neues, die anderen präferieren Entschleunigung, echte Begegnungen und fundierte Analysen.
In diesem Schema wird nicht nur ein chronisch pessimistisches Urgestein des Internets wie Lovink zum Besucher degradiert, es hat auch weder Platz für all die fleißigen Facebook-Mitglieder, die Twitter für die Pest halten, noch für die hyperaktiven Manager, die vor lauter E-Mail-Schreiben für beide Spielereien keine Zeit haben. Wie Kruse es dann noch schaffte, den „irrationalen Glaubenskrieg“, den er soeben noch durch seine Zweilagertheorie wissenschaftlich zementiert hatte, dafür zu kritisieren, dass er die „Weiterentwicklung in Deutschland“ ausbremst, verlor sich irgendwie in der Eile seines Vortrags.
Im Großen und Ganzen aber scheinen selbst all jene, die sich lange für digitale Autochthone gehalten haben, für die Indianer des Internets gewissermaßen, begriffen zu haben, dass sich der Zugang zum „achten Kontinent“ (Peter Glaser) nicht so einfach regeln lässt wie zur „re:publica“, mit der Vergabe von All-inclusive-Bändchen also. Selbst in ihrem Weltbild unerschütterliche Netzmenschen wie der Berliner Felix Schwenzel, der in seiner Zotteligkeit dem Prototyp des Bloggers ziemlich nahekommt, kamen ins Zweifeln. Zwar wehrte er sich in seinem Vortrag „Warum das Internet scheiße ist“ anfangs mit tapferer Ironie gegen „Politiker, die in unser Internet reinschreiben“, gegen „Internetausdrucker“ oder, noch schlimmer, „Zeitungen, die über das Internet schreiben“. Am Ende aber klangen seine Bedenken, mit dem Vertrauen in die Selbstregulierung des Netzes neoliberaler zu sein, als er es immer wahrhaben wollte, nahezu aufrichtig. Und dabei hatte er nicht einmal den Kollegen Sascha Pallenberg erwähnt, der in einem erstaunlich unüberfüllten Saal zwei Tage zuvor erzählt hatte, mit welcher sensationellen Methode man mit Blogs sogar Geld verdienen kann: Man müsse einfach 72 Stunden am Tag arbeiten.
Wer solche Utopien hat, der ist natürlich wirklich gegen jede Kritik immun.
Harald Staun Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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