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Bloggerin Yoani Sánchez : Orakel wider Willen

  • -Aktualisiert am

Yoani Sánchez lächelt viel zu oft, um wirklich eine Revolutionärin zu sein Bild: Reuters

Yoani Sánchez, die berühmteste Bloggerin Kubas, reist durch Europa. Begleitet wird sie dabei von einer hitzigen Debatte über ihre Heimat. Die Literatur, für die sie sich begeistert, bleibt meist unerwähnt.

          Es muss ziemlich toll sein, in diesen Tagen Yoani Sánchez zu heißen: Eine der derzeit berühmtesten Bloggerinnen weltweit, vom „Time Magazine“ zu einer der hundert einflussreichsten Personen 2008 erklärt und im vergangenen Jahr von „Newsweek“ unter die „150 mutigsten Frauen der Welt“ gewählt. Die 37-jährige Kubanerin, die in Havanna lebt, ist als Regimekritikerin in kürzester Zeit zu einem medialen Phänomen geworden. Für viele ist sie die bekannteste Persönlichkeit Kubas nach Fidel Castro und „Che“ Guevara (eigentlich war er Argentinier). Eingeladen von Kulturinstituten, Universitäten und Organisationen wie „Reporter ohne Grenzen“ und „Amnesty International“ reiste sie deshalb in den vergangenen Wochen durch Lateinamerika und die Vereinigten Staaten. Im Moment ist sie in Europa unterwegs.

          Yoani Sánchez startete 2007 unter dem Titel „Generación Y“ ihr Blog aus Kuba, in dem sie regelmäßig kleine Beiträge postet. Sie beschreiben den kubanischen Alltag; das langsame, mühselige Leben auf der Insel, die hitzigen, staubigen Straßen von Havanna, den kläglichen Zustand der schönsten Gebäude, die Reparatur eines alten Aufzuges, der wenige Tage später wieder kaputtgehen wird, die öffentlichen Äußerungen der Politiker. „Literarische Vignetten“ nennt die Autorin diese Texte. Kaum einer von ihnen hat einen doppelten Boden, sie stellen bloß Szenen dar, Vignetten eben, die mitunter, in dem Wunsch, poetisch zu klingen, sogar naiv wirken.

          Anfangs kannten das Blog nur wenige Leute, vielleicht ein paar Exilkubaner und europäische Auslandskorrespondenten. Im Jahr 2008 veränderte sich das jedoch. Die spanische Zeitung „El País“ ehrte Yoani Sánchez mit dem renommierten Journalistenpreis Ortega y Gasset. Es folgten die Nominierungen amerikanischer Zeitschriften, dann internationale Preise, und plötzlich hatten ihre Posts 100, 500, 1000 Leserkommentare, manche sogar 2000. Inzwischen werden die Blogbeiträge, wie Yoani Sánchez erzählt, von Freunden und Fans in der ganzen Welt in 16 Sprachen übersetzt. Außerdem schreibt sie Artikel für „El País“, die „Huffington Post“ und in Deutschland für die „taz“. Nach vielen Jahren vergeblich gestellter Anträge kann Yoani Sánchez nun, infolge der neuen Migrationsreformen, die seit Januar für die meisten Einwohner Kubas gelten, endlich den vielen Einladungen der vergangenen Jahre nachkommen, weltweit Vorträge zu halten.

          Agentin der CIA

          Es muss ziemlich toll sein, Yoani Sánchez zu sein - so zumindest die Unterstellung von vielen ihrer Kritiker. Sie werfen ihr unter anderem vor, die Aufmerksamkeit der Medien weltweit allein auf sich zu ziehen, sich somit zu bereichern und unglaubliche Privilegien zu genießen - 2009 hatte sie zum Beispiel die Möglichkeit, Barack Obama schriftlich Fragen zu stellen, die dieser auch beantwortete. Auch wird gemutmaßt, sie fühle sich zu faschistischen Politikern hingezogen, die sich nach dem Untergang des kubanischen sozialistischen Traumes sehnen. Eine andere Verschwörungstheorie besagt, Yoani Sánchez arbeite als Agentin für die CIA, prostituiere sich für den Kapitalismus.

          Dabei hat sie nicht einmal ein politisches Programm, das bemerkt man bald, wenn man Interviews mit ihr liest und ihren Vorträgen lauscht. Die studierte Philologin, die auf Kuba zwei Arbeitsgenehmigungen hat, als Stenotypistin und Telefontechnikerin, definiert sich nicht als „Dissidentin“. Stattdessen betont sie immer wieder, sie sei einfach Schriftstellerin, Journalistin, Internetexpertin, Kämpferin für Meinungs- und Pressefreiheit, eben „ein bisschen von allem“. Insofern verwundern die kritischen Stimmen, die Yoani Sánchez politisch einordnen wollen. Den Wunsch dazu kann man allerdings nachvollziehen, wenn man bedenkt, dass jede Diskussion über Kuba ideologisch aufgeladen ist.

          Nicht wie eine Revolutionärin

          Es ist bestimmt schwierig, Yoani Sánchez zu sein. Sie ist eine kritische Journalistin in Kuba, die, wenn auch nur durch Vignetten und Anekdoten, den schwierigen Alltag der kubanischen Bevölkerung beschreibt: die Überfüllung der Kliniken bei nicht ausreichenden Medikamenten und technischen Geräten, die dürftige Hygiene, den Lehrermangel in den Schulen, die ständige Überwachung des „privaten“ Lebens und die Indoktrination der Bürger vom Kindergarten an. Wer diese Zustände offenlegt, nimmt in Kauf, von den Staatssicherheitsorganen beobachtet zu werden und sich der öffentlichen Beleidigung in Fernsehen und Radio auszusetzen. Yoani Sánchez ist in Havanna schon mehrmals Opfer von Einschüchterungsversuchen geworden. Sie wurde in ein Auto gezerrt, geschlagen und auf irgendeiner Straße wieder rausgeworfen.

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