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„Blaubeerblau“ im Ersten : Der Tod und ein ungelebtes Leben

  • -Aktualisiert am

Zu Schulzeiten war Hannes (Stipe Erceg, rechts) ein Star. Im Hospiz steht ihm allein Fritjof (Devid Striesow) zur Seite Bild: BR

Wie verhalten sich zwei Männer, die sich in der Schule nur bekämpft haben und sich nun im Hospiz wiedertreffen? Devid Striesow und Stipe Erceg spielen in „Blaubeerblau“ unerträglich gut.

          Jetzt, denkt man manchmal, muss es aber auch mal gut sein mit Devid Striesow. Immer wieder dieses Gesicht, diese oft verhuscht oder auch überkontrolliert wirkende Physiognomie, dieses Linkische in Blick und Gesten, dieses Gehemmte im Gang, das sich auf halbem Weg durch den Film so unerwartet zu lockern vermag, so, dass man nie weiß, was jetzt aus der Figur wird, wohin sie geht, was sie macht und was noch alles aus ihr werden kann. Devid Striesow spielt Menschen, die einen immer überraschen. Er spielt Aufbruchsrollen. Viele davon.

          Mit Claudia Michelsen spielte er in „12 heißt: Ich liebe dich“ einen Verhöroffizier der Stasi, der sich in sein Opfer verliebt. Bekannt ist er als Bella Blocks Assistent Jan Martensen. Zuletzt gab er in „Riskante Patienten“ den sanftheitsbewegten Heilpraktiker Jan Hollerbach, der auf Grund diverser äußerer Umstände gründlich ausrastet, mit blutigen Folgen. Man könnte meinen, dass Devid Striesows weiches Dutzendgesicht, an dem die Kamera jede Verkrampfung und jedes Zügelloswerden abliest, für die Besetzung von Männern, die in Lebenskrisen geraten, in Deutschland zurzeit per se erste Wahl ist. Unter Umständen mag man so etwas nicht besonders, besonders als Vielschauer.

          Aufregungen und Überraschungen

          Gibt es denn keine anderen Schauspieler in Deutschland, die beispielsweise in „Blaubeerblau“ den Architekten Fritjof, zu Schulzeiten genannt Fritte (wegen des ehemals fettigen Haars) oder Friedhof (wegen seines lethargischen Temperaments), hätten verkörpern können? Einen Typen, der sein Leben im Wartestand, immer auf Sicherheit bedacht, Aufregungen und Überraschungen sorgsam vermeidend, verbringt und dessen heimliche Sehnsucht, dessen Unerfülltheit nur sein Hobby, das Vogelbeobachten, verrät?

          Einen, der sich von seiner Mutter (Margit Bendokat) immer noch die Hemden bügeln lässt, die Füße unter den Esstisch der Eltern steckt, mit der Freundin (Lisa Maria Potthoff) lieber alles im Unverbindlichen belässt und nur nervös wird, als die Chefin (Dagmar Manzel) ihm den Auftrag erteilt, das Aufmaß der Räume eines Sterbehospizes zu besorgen?

          Der Coole und der Depp

          “Blaubeerblau“ läuft im Rahmen der Themenwoche „Leben mit dem Tod“ im Ersten, und man kann diesen Beitrag, sensibel und mit großer Leichtigkeit in Szene gesetzt von Rainer Kaufmann, durchaus verdienstvoll nennen. Berührungsängste sollen abgebaut werden, und das gelingt. Ohne zu verschweigen, dass der Tod ein Skandal ist und bleibt, geht es dem Film um die Frage, was gutes Sterben sein könnte oder sein sollte und was Sterbebegleitung für die Überlebenden bedeuten kann. Das ist aber nur die sozusagen allgemeinbildende oder pädagogische Seite der Medaille.

          Das viele Klippen der Peinlichkeit umschiffende, weitgehend unsentimentale Drehbuch von Beate Langmaack zeigt auf der anderen Seite die Geschichte einer tiefen Männerfreundschaft oder -liebe. Hannes (zum Heulen gut: Stipe Erceg) war früher der Star der Schule, jetzt wohnt er zum Sterben im Hospiz. Pankreaskrebs im Endstadium. Fritjof, die lächerliche Gestalt, und Hannes, der Anführer, begegnen sich wieder. Keine Zeit bleibt nun noch für die üblichen Männlichkeitsrituale, die Zeit der gegenseitigen Liebesdienste ist gekommen. Hannes führt, für einen kurzen, großzügigen Moment, Fritjof mit seiner Schwester Sabine (warmherzig: Nina Kunzendorf) zusammen. Fritjof erfüllt Hannes, ohne Rücksicht auf seinen ehemaligen Deppenstatus, den einen Herzenswunsch.

          Einige Menschen sterben in „Blaubeerblau“, einem wenig pathetischen Film über die Feier des Lebens, über die Liebe und den erfüllten Augenblick. Und Devid Striesow also spielt Fritjof, den die Begegnung mit dem Tod nicht aus der Bahn wirft, sondern im Gegenteil ganz zu sich selbst und seinem bisher ungelebten Leben führt, so anrührend und wahrhaftig, wie es in einem Fernsehfilm, der das Sterben zum Thema hat, nur vorstellbar ist. Wir würden keinen anderen als ihn in dieser Rolle sehen wollen.

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