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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Bild“ für alle? Einfach gar keine Haltung

 ·  Zu ihrem sechzigsten Geburtstag wird uns allen die „Bild“ zwangsweise zugestellt. Nichtleser dieser Zeitung sollten wissen, was sie erwartet. Eine Vorbereitung.

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© dpa Bloß nicht auf der Verlierer-Seite stehen: Dass „Bild“ ganz vorne dabei war, als es darum ging, die Lügen Wulffs zu enthüllen, war Ausdruck der Schwäche

Ach, womöglich wäre ja wirklich etwas damit gewonnen gewesen, wenn Hans Leyendecker, der Chefenthüllungsjournalist der „Süddeutschen Zeitung“, sich etwas klarer und aggressiver ausgedrückt hätte - neulich, als er den Henri-Nannen-Preis für Enthüllungsjournalismus ablehnte, weil er ihn sich nicht mit der „Bild“-Zeitung teilen wollte.

Vermutlich hätte Leyendecker sagen sollen, dass der „Bild“-Kollege Martin Heidemanns berüchtigt für seine Recherchemethoden sei, weshalb er ihm lieber nicht die Hand schütteln wolle. Er hätte sagen sollen, dass er mit den Methoden, den Meinungen und Begriffen der „Bild“-Zeitung grundsätzlich nichts zu tun haben wolle; und dass, wofür die Zeitung ausgezeichnet wurde, nämlich ihre Enthüllung, dass Christian Wulff den niedersächsischen Landtag belogen habe, eher ein Akt des Zynismus als ein Werk der Aufklärung gewesen sei.

Keine politische Haltung?

Dem hätte man dann zustimmen oder widersprechen können, man hätte nach Argumenten und Beweisen gesucht - und womöglich hätte die Öffentlichkeit danach ein wenig klarer gesehen, was die „Bild“-Zeitung ist, was sie tut und zu welchem Zweck.

Aber Leyendecker knurrte nur, dass er ja eigentlich nichts gegen die Kollegen habe, dem Publikum schien die ganze Sache peinlich zu sein - und es ist diese Verdruckstheit, welche, seit überhaupt von „Bild“ gesprochen wird, seit sechzig Jahren also, das Gespräch über diese Zeitung so unerfreulich macht. Als im vergangenen Jahr der „Spiegel“ der „Bild“-Zeitung eine Titelgeschichte widmete, hatten die Reporter des Nachrichtenmagazins vor allem viel Moral im Gepäck und eine Arbeitshypothese, die sich fast jeden Tag widerlegen lässt: dass „Bild“ nämlich eine politische Haltung habe und dass diese Haltung dem entspreche, was in anderen europäischen Ländern die rechtspopulistischen, ressentimentgesteuerten Parteien tun. Die Zeitung hetze gegen Immigranten, verachte Minderheiten, schüre einen dumpfen Nationalismus.

Die ganze Sache ging für den „Spiegel“ auch deshalb so schief, weil der Reporter, der sich zum Interview mit dem „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann traf, sich anscheinend zu fein war, die Zeitung vorher mal genau zu lesen. Er schien zu erwarten, dass Diekmann sich geniere und entschuldige fürs Prollige und Laute, fürs Billige und Vulgäre. Und dass Diekmann das Wortduell so eindeutig gewann, lag daran, dass der „Spiegel“ seiner Behauptung, „Bild“ schreibe nur auf, was das Volk so denke, spüre und empfinde, kaum etwas entgegenzusetzen hatte.

Und je weiter man sich entfernt, desto plausibler scheint ja diese Behauptung zu sein - selbst damals, 1968, als die revoltierenden Studenten in der „Bild“-Zeitung den ideologischen Hauptgegner und den Anstifter zu den Schüssen auf Rudi Dutschke sahen, selbst damals, so schaut es heute aus, protestierten jene Studenten, die das Springer-Hochhaus in Berlin blockierten, gegen das Volk, das sie doch angeblich befreien wollten. In West-Berlin lebten eben, nachdem das liberale und produktive Bürgertum die isolierte Stadt verlassen hatte, vor allem die Verlierer, die Übriggebliebenen, welche gegen die nichtsnutzigen Bürgerkinder aus westdeutschen Wohlstandsfamilien genau das Ressentiment hatten, welches die „Bild“-Zeitung dann zu Schlagzeilen formte.

Mann, Mann, Frau und Kind

Und als, in den Schröder-Jahren, den Christiansen-Jahren, den fast schon vergessenen Hans-Olaf-Henkel-Jahren das Volk sich täglich anherrschen lassen musste, wie faul und verwöhnt, wie satt und bequem es doch geworden sei, da konnte man in „Bild“ immer beides lesen: den Tagesbefehl, den Gürtel gefälligst noch enger zu schnallen. Und die Klage der Leute, die sich den Gürtel kaum noch leisten konnten. Ob es da einen Widerspruch gab, schien die Redaktion wenig zu kümmern. Und nach welchen Kriterien man entschied, ob irgendeine arme Sau als Opfer oder als Schmarotzer beschrieben wurde, das erschloss sich einem von außen eher selten.

In der vergangenen Woche widmete „Bild“ eine halbe Seite der Geschichte einer Familie, in welcher der Mann, nach langen Ehejahren, seine Homosexualität entdeckt habe. Jetzt sei sein Geliebter eingezogen, und alle, Mann, Mann, Frau und Kind, lebten glücklich unter einem Dach. So viel zum homophoben Ressentiment, mit dem man anscheinend auch keine Zeitung mehr verkaufen kann.

Bild lesen oder „Überhauptnichtmehrlesen“

Dass „Bild“ so häufig missverstanden wird, liegt wohl daran, dass man, als bürgerlicher Mensch, mit Manieren, Geschmack, einem Sinn für Diskretion, die Zeitung intuitiv verabscheut, weil sie genau diese Werte leugnet und verhöhnt. Weil man aber zugleich vom Volk nichts Schlechtes denken will, kann man sich das Verhältnis zwischen „Bild“ und den Lesern nur als Verblendungs- und Verblödungszusammenhang, als Hetze, Manipulation und Meinungsmache vorstellen.

Das Gegenteil ist aber genauso falsch. Die Behauptung, „Bild“ schreibe, was die Mehrheit denke, beruht auf demselben Denkfehler wie die Behauptung von ARD und ZDF, der Blödsinn, den sie im Programm haben, sei, was die Mehrheit wolle. Die Mehrheit schaut immer nicht zu, die Mehrheit liest die „Bild“-Zeitung nicht; selbst wenn es stimmt, dass zwölf Millionen Menschen sie täglich lesen, bleiben 51 Millionen Wahlberechtigte, die das nicht tun.

Es geht also um die Minderheit jener, die mit „Bild“ keine Geschmacksprobleme haben, es geht um eine Minderheit, der es reicht, sehr große Überschriften und sehr kleine Texte zu lesen, und weil die besten Ohren nicht immer und überall hören können, was diese Minderheit so denkt und meint, haben wir es hier eher mit Konstruktionen und Modellen als mit authentischen Stimmen zu tun. Die „Bild“-Redaktion konstruiert die Meinungen der Minderheit der „Bild“-Leser, welche wesentlich durch die Lektüre der „Bild“ bestimmt werden. Das ist kein Manipulationszusammenhang, das ist eher die Hölle der Selbstreferenz. Und es liegt im Wesen solcher Systeme, dass sie das Offene und Weite der Welt, den freien Blick und den hohen Himmel mit jener Spiegelunendlichkeit verwechseln, in welcher das Immergleiche nur sich selbst anschaut. Seit Jahren sinken die Zahlen der Leser und der Käufer - was auch daran liegen mag, dass der Schritt vom „Bild“-Lesen zum Überhauptnichtmehrlesen ein sehr kleiner ist.

Dass „Bild“ also ganz vorne dabei war, als es darum ging, die Lügen und Halbwahrheiten des Christian Wulff zu enthüllen, war eher Ausdruck der Schwäche als eine Demonstration der Macht: Man wollte nicht, wie beim Fall Guttenbergs, am Schluss auf der Seite des Verlierers stehen.

Haltung und Moral stören nur, wenn solche Strategien entwickelt werden - und wie eine Zeitung aber aussieht, der beides fehlt, konnte man neulich besonders deutlich sehen, als „Bild“ den wunderbaren Schauspieler Liam Neeson zeigte, wie er, offenbar betrunken, aus einer Bar kam, und auf seiner Hose war ein großer, nasser Fleck.

Hat das Volk solche Bilder gefordert? Dienen sie der Wahrheitsfindung? Darf man sich vorstellen, dass alle jene, die von den Profiten der „Bild“ leben und sich dabei so seriös und konservativ geben, sich wenigstens an solchen Tagen dafür ein bisschen schämen?

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Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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