http://www.faz.net/-gqz-8kzp6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 03.09.2016, 08:33 Uhr

Flüchtlingskrise und Medien Hinterher sind nicht alle schlauer

Vor einem Jahr öffneten sich die Grenzen, mehr als eine Million Menschen kam ins Land. Angela Merkel sagte: „Wir schaffen das“. Es folgten Übergriffe und Anschläge. Die Medien waren dabei. Doch in welcher Weise?

von ,
© dpa Ankunft auf dem Münchner Hauptbahnhof: Ein Flüchtling hat ein Bild von Angela Merkel im Gepäck.

Vor einem Jahr, am 4. September 2015, öffneten Deutschland und Österreich ihre Grenzen. Die desolate Lage der Flüchtlinge, die in Ungarn gestrandet waren, schien dies zu erzwingen. Darauf zumindest lautete die Erklärung der Bundeskanzlerin, die zu den Folgen, die ihre Entscheidung hatte, von diesem Tag an bis heute drei Worte sagt, von denen es im Fernsehen stets heißt, sie seien ein Diktum für die Geschichtsbücher: „Wir schaffen das.“

Ursula Scheer Folgen: Michael Hanfeld Folgen:

Viele Medien, allen voran das öffentlich-rechtliche Fernsehen, scheinen ihr darin recht geben zu wollen. Wochenlang dominierten Bilder die Nachrichten, die dankbare Flüchtlingen und ihre begeisterte Aufnahme - etwa am Hauptbahnhof in München - zeigten. Wer Angela Merkels Mantra mit dem Fragewort „Wie“ verbindet - Wie schaffen wir das? - hat einen schweren Stand. In der jubilierenden „Zeit“, in der euphorischen „Bild“-Zeitung und in den Fernseh-Talkshows, die im vorherrschenden Meinungsstrom ganz vorne mitschwimmen, zeigt sich das Woche um Woche. Wer kritisch nachfragt, auf Risiken hinweist, fragt, ob überhaupt jemand weiß, wie viele Menschen ins Land gekommen und wo diese geblieben sind, gerät schnell ins Abseits. Angela Merkel indes trat zweimal in der ARD, in der Sendung von Anne Will auf, um ihre Position darzulegen und wurde dabei wenig hinterfragt. Von journalistischer Distanz keine Spur.

Abweichende Meinung unter Generalverdacht

Und jetzt, ein Jahr später? Da verrät Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der „Zeit“ im Magazin „Cicero“, was ihn „im zurückliegenden Jahr so sehr geärgert hat“: „dass eine von der Politik der Bundesregierung abweichende Meinung, manchmal auch schon kritische Fragen, unter den Generalverdacht gestellt wurden, man habe etwas gegen Flüchtlinge oder betreibe das Geschäft der Populisten“. Schwer zu verstehen findet der Chefredakteur „die anfängliche Euphorie unter Journalisten“. „Wir“ seien „zumindest in der Anfangszeit geradezu beseelt“ gewesen „von der historischen Aufgabe, die es nun zu bewältigen galt“, schreibt di Lorenzo und nimmt seine eigene Zeitung („wenigstens anfänglich“) nicht aus. Wobei man hinter „anfänglich“ und das „Wir“ wohl Fragezeichen machen darf.

Ohne die monatelange wohlwollende Berichterstattung, die ein Sorgen, Kritik und Ängste weglächelndes Willkommensklima medial verstärkte, sind die Wegduckreflexe nach der Silvesternacht von Köln kaum zu erklären. Aber auch nicht ohne die fremdenfeindlichen Ausschreitungen, die sich im sächsischen Heidenau schon im August 2015 gegen ein Asylbewerberheim gerichtet hatten. Heidenau stand als Menetekel rechter Gewaltbereitschaft im Raum, die sich gegen alles Fremde richtet.

42159708 © dpa Vergrößern Die Silvesternacht auf der Kölner Domplatte.

Doch dann wurden in Köln massenweise Fremde zu Tätern, und die Reaktionen darauf ließen mit Händen greifen, wie Berichterstattung mit Fürsorge verwechselt wurde. Behörden, Politik und Medien zeigten sich überfordert. Am Morgen nach den hundertfachen sexuellen Angriffen im Hauptbahnhof und auf der Domplatte ließ die Kölner Polizei die Presse wissen, zum Jahreswechsel habe auf den Straßen eine „ausgelassene, weitgehend friedliche Stimmung“ geherrscht. Lediglich auf dem Bahnhofsvorplatz hätten Böller für eine drohende Panik gesorgt, die Beamten seien jedoch „gut aufgestellt und präsent“ gewesen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Zurechtgerüttelte Menschenleiber

Von Hannes Hintermeier

Wer es pünktlich zur Leipziger Buchmesse schaffen will, der muss so einiges mitmachen – diesmal in der S-Bahn statt in der Straßenbahn. Mehr 0