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Big Data : Wer hat die privaten Daten verraten?

  • -Aktualisiert am

Bild: obs/T-Systems

Die Begeisterung darüber, dass das Netz ein Sozialwerkzeug ist, kippt in Angst vor dem Verlust der eigenen Intimsphäre. Big Data gefährdet unsere Privatheit, unsere Privatsphäre, unsere persönliche Autonomie.

          Big Data gefährdet unsere Privatheit, unsere Privatsphäre, unsere persönliche Autonomie. Seit die Aktivitäten der amerikanischen NSA Gegenstand öffentlicher Erörterung geworden sind, steht die Warnung vor dieser Gefährdung und dem Verlust von Privatheit im Mittelpunkt der Debatte.

          Zuvor dominierten euphorische Diagnosen über die Demokratisierung des Wissens, Howard Rheingolds 1993 ausgerufene demokratische Kultur in virtuellen Gemeinschaften wurde stilbildend; dann begann man Smart Mobs zu vertrauen, schrie auf Twitter auf und beschwor kollaborative Systeme mit kollektiver Intelligenz.

          Big Data ist anders. Vielleicht erzeugt Big Data tatsächlich so etwas wie Kollektivität - aber eine andere, als sich die Aktivisten der Netzgemeinde erhofft hatten, letztlich eher so etwas wie collected collectivities.

          Big Data erzeugt keine sozialen Gruppen, sondern statistische Gruppen. Big Data digitalisiert die Spuren analoger Praktiken: Bewegungsprofile auf Straßen und im Netz, Kaufverhalten, Gesundheitsdaten, Freizeitverhalten, Teilnahme an Social Networks et cetera. Zum anderen entstehen dadurch statistische Gruppen, die in der analogen Welt so gar nicht vorkommen, etwa potentielle Käufer bestimmter Produkte, Verdächtige in Rasterfahndungen oder gesundheits- und kreditbezogene Risikogruppen.

          Nichts zu suchen, aber viel zu finden

          Hier dreht sich nun die Argumentationsrichtung um. Social-Networking im Internet lebte noch von dem Traum, Ressourcen privat-authentischer Kommunikation in öffentliche Kommunikation zu speisen. Nun dringt das Netz umgekehrt von außen in die Privatsphäre ein - wo es nichts zu suchen hat, es aber viel zu finden gibt.

          Die Alltagsreaktion auf die Big-Data-Bedrohung ist letztlich eine sehr traditionelle. Es ist der Versuch, die eigene Privatsphäre gegen Zugriff von außen zu schützen. Letztlich ist Privatheit das normative Kriterium der Kritik an den neuen Möglichkeiten des Internets und der bigdatagestützten neuen Such- und Findepraktiken. Es lohnt sich deshalb, der Privatheit mehr Aufmerksamkeit zu widmen, denn es besteht der Verdacht, dass die Kritik an Big Data bisweilen eine Form von Privatheit retten will, die es nie gegeben hat.

          Privatheit ist schon länger ein öffentliches Kampffeld. Dass das Private politisch sei, war eine der wirksamsten Kritiken sozialer Bewegungen, etwa der Kulturrevolution von 1968 oder später der Frauenbewegung. Sie entdeckten gewissermaßen die Gesellschaftlichkeit des Privaten. Die Entstehung staatlicher Kontroll- und Normalisierungsinstanzen, die Sammlung von Daten über die Bevölkerung, die Steuerung kollektiver Verhaltensweisen, die datengestützte Form der Sozialplanung, die Versorgung von Bevölkerungen, die auf arbeitsteilige Produktion von Konsum- und Substitutionsgütern angewiesen sind - all das erforderte eine Sammlung von Daten, für die neue Instanzen gesucht wurden, die genau das gemacht haben, was Michel Foucault beschrieben hat: Sie haben nicht gesprochen, sondern geschwiegen.

          Den ersehnten Schutz vor der neugierigen Macht gab es nie

          Als 1872 das „Statistische Amt des Deutschen Reiches“ gegründet wurde, galten die Daten nicht umsonst als Staatsgeheimnis. Sie wurden nicht veröffentlicht, weil man genau wusste, dass sie das eigentliche Machtmittel zur Steuerung der Gesellschaft sind. Und man musste sich erst daran gewöhnen, dass man mit statistischen Daten auf merkwürdige Regelmäßigkeiten stieß, obwohl die Menschen doch alles, was sie tun, aus freiem Willen tun. Es waren schon damals Big Data, die erst jenes „Volk“ erzeugten, das man da führen sollte. Vorher wusste man nichts über das Volk. Es war da. Jetzt wird es gezählt.

          Die Kritik an Big Data ist eine oberflächliche Kritik, wenn sie wirklich daran glauben sollte, dass man Schutzrechte gegenüber dem Staat oder anderen einfordern kann. Denn man weiß, dass die Staatlichkeit des modernen Staates seit dem 18. Jahrhundert gerade darin gründet, dass er sich mit Daten versorgt, seit es so etwas wie eine zentrale Planung von Bevölkerungen gibt.

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