Home
http://www.faz.net/-gqz-75zan
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Big Data“ Auf der Suche nach den Mustern von morgen

Sichere Zielgruppenansprache, neue Kriterien der Kreditwürdigkeit oder personalisierte Medizin: Milliarden werden in die Mustererkennung bei der Datenanlyse investiert. Doch die Schattenseite von Big Data heißt Big Brother.

© dpa Big Data war das Thema der Münchener Internetkonferenz „Digital, Life, Design“

Frauen, die im dritten oder vierten Monat schwanger sind, sind für Marketiers attraktiv. In dieser Phase vor der Geburt eines Kindes sind sie besonders offen, abseits der sonst präferierten Marken und Produkte neue Waren einzukaufen. So weit die Theorie. Praktisch weiß kein Verkäufer, welche Kundin in dieser Lebensphase steckt. Abseits der Lebenspartner dürfte es nur der Arzt wissen, und dieser unterliegt der Schweigepflicht. An dieser Stelle beginnt das „Data Mining“, mit dem aus persönlichen Kenndaten, den Informationen über eingekaufte Waren und von anderen Quellen eingekauften Informationen ein riesiger Datenberg so lange beackert wird, bis am Ende eine Liste der Kundinnen entsteht, die mit größter Wahrscheinlichkeit schwanger sind.

„Big Data“ ist das neue Modewort für die Technik, in Milliarden von Informationsfitzeln mit Hilfe von Hunderten von Variablen ein Muster zu entdecken, das Antwort auf die Frage geben kann, wer schwanger ist. Big Data war das Thema der Münchener Internetkonferenz „Digital, Life, Design“ (DLD), die von Burda Media veranstaltet wird. Unter dem Motto „Patterns that Connect“ beschäftigten sich rund achthundert Teilnehmer mit Fragen der Datenanalyse in großem Stil. Kann man Baukredite an junge Kunden vergeben, allein basierend auf der Analyse ihrer Tweets und Facebook-Bekanntschaften? Wie sehen dynamische Versicherungen aus, die mit einer Adhoc-Police darauf reagieren, wie viele Personen im Auto sitzen, wie das Wetter ist und zu welcher Tageszeit die Fahrt angetreten wird?

Mit Big Data gegen das Altern

Es fehlte in München nicht an Visionen, wie „Konsumentenwünsche ortsbasiert entschlüsselt“ werden können, und auch die Investitionen sind erstaunlich, wenn die geraunten Zahlen der versammelten Risikokapitalisten stimmen. Hundert Milliarden Dollar sollen auf dem Markt für Big Data in den nächsten fünf Jahren von einer Tasche in die andere fließen. Alle sind dabei, wenn es um Big Data geht, auch Amazon, das ein eigenes Zentrum für die Datenanalyse gebaut hat. Amazon-Cheftechniker Werner Vogels verkündete, dass in Zukunft keine Wissenschaft ohne Big Data mehr betrieben werden könne und dass sich das Data Mining in Datenbergen bereits dann lohne, wenn man gerade zehn Kunden habe. Die Vorstellung, dass Historiker der Annales-Schule nun bei Amazon Konten einrichten, belustigte den Zuhörer.

Dass die Schattenseite von Big Data den Namen Big Brother trägt, sollte die fröhliche Stimmung von Big Money partout nicht trüben. Datenschutz und Privatsphäre waren die Buhworte im Reigen der Buzzwords. Ein ständig überwachtes Auto produziert im Nebeneffekt den gläsernen Autofahrer, die laufend erhobenen persönlichen Gesundheitsdaten melden gesellschaftlich schädigende Verhaltensweisen wie den übermäßigen Alkoholkonsum. Und die schwangeren Frauen? Die amerikanische Warenhauskette Target, die ihre Kundinnen mit Hilfe von Big Data separierte, landete mit ihrer Aktion nach Darstellung der „New York Times“ einen veritablen Flop. Die angeschriebenen Super-Käuferinnen fielen aus allen Wolken, als sie in der Werbung von Target auf ihre Schwangerschaft angesprochen wurden, Familiendramen spielten sich dort ab, wo Töchter aus gutem Hause in guter Hoffnung waren.

Mehr zum Thema

Zum Schluss der DLD sprach der amerikanische Investor Peter Thiel vor einem vollbesetzten Haus. Thiel ist mit Investitionen in den Zahlungsdienst Paypal und das soziale Netzwerk Facebook zum Superstar der Szene geworden. Überdies ist Thiel die Galionsfigur der technolibertären Szene in den Vereinigten Staaten, die den Staat so weit wie möglich abschaffen möchte. Auch Thiel investiert in Big Data, etwa mit Palantir Technologies, die Analyse-Software für die Terroristensuche an den amerikanischen Heimatschutz liefert. Den ergriffen lauschenden Zuhörern erklärte Thiel seine Lebensweisheiten, einmal in der Version für Intellektuelle als „Imperativ der eigenen Nonkonformität“, einmal etwas allgemeiner gegen den landläufigen Pessimismus: „Lebe dein Leben, als ginge es immer weiter.“ Thiel glaubt (und investiert) daran, dass Menschen mit der entsprechenden personalisierten Medizin zweihundert oder dreihundert Jahre alt werden können. Auch dafür braucht man Big Data, denn Altern ist nur ein Problem mangelnder Informationen über Körperprozesse.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Startup Palantir Der mysteriöse Datensammler

Schon mal gehört? Ein Unternehmen namens Palantir soll 20 Milliarden Dollar wert sein. Doch nicht der hohe Wert macht das Unternehmen so interessant, sondern vor allem seine Geldgeber: Ein berühmter Deutsch-Amerikaner - und die CIA. Mehr Von Roland Lindner, New York

29.06.2015, 17:03 Uhr | Wirtschaft
Porträts aus Daten Der Computer als Pinsel

Der spanische Künstler Sergio Albiac nutzt Daten aus dem Internet - beispielsweise Tweets, Facebook, SMS oder Informationen der Ortungsdienste - die er in selbstgeschriebene Computerprogramme einspeist. Die generieren aus den Daten Porträts realer Personen. Der Künstler übersetzt Datenmengen in Kunstwerke, die zum Teil wie selbstgemalt wirken. Mehr

18.02.2015, 16:45 Uhr | Feuilleton
Jaron Lanier im Gespräch Warum wollt ihr unseren Quatsch?

Online-Konzerne wie Facebook, Amazon und Google sind Großmächte geworden und fordern die Welt heraus. Wieso unterwerfen wir uns ihnen auch noch freiwillig? Ein Gespräch mit Jaron Lanier über die freundliche und unheimliche Macht von Silicon Valley. Mehr Von Mathias Müller von Blumencron

02.07.2015, 14:23 Uhr | Feuilleton
Doping-Videografik Auf Abwegen an die Spitze

Doping ist die Schattenseite des modernen Leistungssports Eine Videografik erläutert Methoden des Dopings und den Kampf für einen sauberen Sport. Mehr

09.03.2015, 11:30 Uhr | Sport
Industrie 4.0 Ein Plädoyer für die digitale Kontaktpflege

BMW-Großaktionär Stefan Quandt ruft Europas Unternehmen dazu auf, Apple, Google & Co Paroli zu bieten. Wichtig sei vor allem, den eigenen Kontakt zum Kunden zu verteidigen. Mehr Von Carsten Knop

25.06.2015, 17:16 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.01.2013, 14:43 Uhr

Glosse

Humor für Leute ohne Humor

Von Julia Bähr

Angeblich lieben Frauen Männer, die sie zum Lachen bringen. Aber wer erbarmt sich all der drögen Langweiler? Eine neue Software könnte deren Chancen massiv erhöhen. Mehr 6 4