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Bespitzelungsburleske Die Wertegemeinschaft der Bäckereikunden

01.03.2010 ·  Emil und seine Detektive hätten wohl mehr herausbekommen als die Agentur, die für die „Bunte“ Politikern hinterherschnüffelte. Aber nach der Berliner Bespitzelungsburleske bleibt eine Frage offen.

Von Nils Minkmar
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Auf stern.de berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter der Agentur CMK, die im Auftrag der „Bunten“ etwas über Politiker herausfinden sollte, wie man das macht. Der Mann hatte die heiße Info, dass Franz Müntefering „in verschiedenen Läden auftaucht und sich dort Brötchen holt beziehungsweise Zeitungen“. Dann ist er eben auch in diese Läden rein und hat nach dem berühmten Nachbarn gefragt. Weil das nichts brachte - Berliner Bäcker geben bekanntlich gar nichts zu, nicht mal, dass sie etwas verkaufen -, hing er so lange auf dem Spielplatz des Wohnblocks herum, bis Müntefering mal aus dem Haus kam. Und wie hat der Nachfahre von Bernstein und Woodward nun herausbekommen, was auch immer er herausbekommen wollte? Gar nicht, so der Lehrfilm von stern.de weiter, denn bei so einer hochgeheimen Recherche sei man ja quasi „verbrannt“, wenn man „sein Gesicht zeigt“ in einem Laden und nach der Adresse Franz Münteferings fragt.

Aha. Womöglich sollten sich zunächst nicht der Presserat und die Gerichte mit der Bespitzelungsburleske befassen, sondern die Buchhaltung des Burda-Konzerns. Emil und seine Detektive hätten mehr herausbekommen als diese Spitzenagentur. Zum Glück haben sich diese Clownereien selbst erledigt, aber eine Frage bleibt, die die Fälle der vergangenen Woche verbindet, nämlich die nach der öffentlichen Relevanz privaten Verhaltens.

Die Grundrechte politischer Akteure meistbietend verkauft

Schlecht beraten war die Chefredaktion der „Bunten“, als sie sich verteidigte. Eine schlichte Entschuldigung wäre besser gewesen als diese Mischung aus Anwürfen gegen den „Stern“ und dem beidhändigen Griff in die Moralorgel. Aber wenigstens gibt es nun eine Diskussionsgrundlage. Nach Auffassung der „Bunten“ sind Politiker „Leitfiguren unseres Wertesystems“, deren privates Verhalten sich auf die „Moral der Gesellschaft“ auswirkt und damit „unter Umständen auch auf politische Entscheidungsprozesse“. Dann hängt die transatlantische Wertegemeinschaft und das Wohl der Republik an der Treue Oskar Lafontaines? Da wird es nicht nur manchem Saarländer ganz anders.

Das Argument ist deshalb so gefährlich, weil es zwei Sphären vermischt, die besser getrennt blieben. Denn sonst passiert zweierlei: Das Private von Politikern wird zur Geschäftsgrundlage für Bäckerbefrager der unsympathischen Sorte, die Grundrechte politischer Akteure werden meistbietend verkauft, was neben allem anderen auch für die Rekrutierung demokratischen Personals fatal ist. Noch weitreichender ist aber die andere Seite der Sache: Indem solche Berichte nicht bloß als kleine Klatschnachrichten, sondern als das große aktuelle Thema der Zeit präsentiert werden, wird die Öffentlichkeit über die Relevanz solcher Fragen schlicht getäuscht. Die Berichterstattung verstärkt sich selbst: Kaum ein privater Skandal endet heutzutage ohne Riesen-Drängel-Pressekonferenz und am besten noch anschließendem Klinikaufenthalt, für alle menschlichen Sonderbarkeiten ist ja auch schon eine Krankheit erfunden worden.

Das Publikum kann sehr wohl unterscheiden zwischen Quatsch und Leistung

Das öffentliche Leben wird zu einer permanenten Sitzung nach dem Vorbild der Anonymen, nun aber eben prominenten Alkoholiker. Dieses Drama aus Sünde und öffentlichem Schuldgeständnis, Rücktritt und Reinigung wurde auch um Margot Käßmann inszeniert. Dabei war ihre Trunkenfahrt zwar ein potentieller Anschlag auf die körperliche Unversehrtheit ihrer Mitmenschen, aber nicht auf die Wertegemeinschaft. Jeder, auch Frau Käßmann, teilt den Wert der Nüchternheit am Steuer. Dennoch handeln Menschen nicht immer nach ihren Werten, genau dort beginnt doch das Feld von Philosophie und Religion. Warum musste dieser kurze und folgenlose Rausch, über das Verkehrsgericht hinaus, auch sämtliche Medien auf allen Kanälen beschäftigen und zur Aufgabe eines Amtes führen, das doch die Fehlbarkeit des Menschen zum Thema hat? Wer am frühen Mittwochmorgen aus dem Ausland zurückkam und auf die Zeitungswand eines großen Bahnhofs blickte, musste annehmen, Margot Käßmann habe den Klimawandel gestoppt, die Schulden des Bundes beglichen und den Eurovisions-Chansonwettbewerb gewonnen, und zwar auf Schlittschuhen, wofür es Gold in Vancouver gab.

Dabei kann das deutsche Publikum sehr wohl unterscheiden zwischen privatem Quatsch und beruflicher Leistung. Viele haben Erfahrungen mit Irrfahrten, Rausch, Krankheiten, und den Irrungen und Wirrungen der Liebe. Wenn man den privaten Salat nicht vom öffentlichen Wirken trennen darf, wird jeder Arbeitsplatz zur Dauergruppentherapie, an dem nur noch „schonungslos aufgeklärt“ wird.

Nun gilt auch hier das Gebot der Verhältnismäßigkeit: Wenn ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat die Brustkrebserkrankung seiner Frau publik macht und zugleich eine Affäre mit einer Kamerafrau hat, mit ihr ein Kind zeugt und monatelang alle anlügt, wird es ihm zu Recht ergehen wie John Edwards, der in Schimpf und Schande stürzte. Jüngst veröffentlichte ein Meinungsforschungsinstitut für ihn den schlechtesten Wert, der je für einen lebenden Menschen ermittelt wurde. Doch meistens handelt es sich bei der Dramatisierung von privaten Skandalen um Inszenierungen der Irrelevanz und eine Irreführung des Publikums.

Wenn es nichts zu enthüllen gibt, ist daran auch kein Geld zu verdienen

Ein beeindruckendes Buch, „The Death of American Virtue“, hat nun die originäre falsche Weichenstellung begutachtet, den Lewinsky-Skandal. Ken Gormley ist Professor für Verfassungsrecht und hat auf achthundert Seiten noch einmal alle Aspekte beleuchtet und die wesentlichen Akteure besucht, einschließlich des damaligen Sonderermittlers Ken Starr. Und wenn er Clinton heute träfe, fragt Gormley ? „Ich würde ihm sagen, es tut mir leid, dass das alles geschehen ist“, antwortet ihm Ken Starr. „Nicht als Entschuldigung, verstehen Sie, aber als Ergebnis meiner Reflexion.“

Der Lewinsky-Skandal hat gezeigt, was passiert, wenn die Sphären durch Interessenvermischung verletzt werden: Es vergiftet das öffentliche Leben. Alte amerikanische Tugenden, so Gormleys Schlussfolgerung, wie die Fähigkeit, über Fraktionsgrenzen hinweg die Kunst des Kompromisses zu pflegen, sie wurden durch die Ausforschung nicht nur der Affäre des Präsidenten, sondern auch der vieler Republikaner auf Jahre hinaus unmöglich gemacht - die langfristige Folge davon, die komplette Sprachlosigkeit zwischen Republikanern und Demokraten, ist noch in diesen Tagen zu besichtigen.

Das Geifern nach privatem Kram hat noch eine andere Wirkung: Die dominierenden Medien sind so auf Optik, Scoop und Drama fixiert, dass ein unauffälliger Mann im Anzug mit allem durchkommt. Alle nicken, wenn der ehemalige Vizepräsident Cheney im Fernsehen darlegt, dass er bei Verhören für den simulierten Erstickungstod namens Waterboarding war. Diese Praxis ist von Gerichten übereinstimmend als Folter gewertet worden. Folter ist unabhängig von den Umständen eine Straftat, und auch die Unterstützung von Straftaten ist zu ahnden. Cheneys Verhalten erschüttert nun wirklich unsere Wertegemeinschaft, insbesondere die Fähigkeit des Westens, China und Iran Vorschriften zu machen. Doch Cheneys Handeln wird weder von privaten noch amtlichen Ermittlern untersucht. Es gibt ja auch nichts zu enthüllen, und also kein Geld zu verdienen - Cheney steht zu diesen Schandtaten. Lügen und Verbrechen, die im hellen Licht des Amtes begangen werden, taugen nicht zum Skandal. Das war Cheneys Lektion aus Watergate: Die Vertuschung reizt die Medien. Richtige Dinger wie die Erfindung eines Krieges dreht man also am besten offen, beispielsweise mit Ansage im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Sind erst mal Truppen unterwegs, fragt niemand mehr beim Bäcker nach, was man für einer sei.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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