http://www.faz.net/-gqz-8b76s

Bernd Heller und die Drohnen : Die besten Storys fliegen einem nicht zu

Perspektivwechsel: Vom Journalismus ist Bernd Heller nach mehr als drei Jahrzehnten vor der Kamera abgekommen. Heute steht er meist dahinter. Bild: Bernd Wiesen

Bernd Heller war das Gesicht des ZDF-„Sportstudios“. Er drehte den Film, in dem der Sprinter Ben Johnson sein Doping ausplauderte. Dann war der Journalist im Sender nicht mehr gefragt. Und heute? Dreht er mit Kameradrohnen.

          Bernd Heller sieht noch fast so aus wie vor zwanzig Jahren, als er das ZDF verließ. Mit der aufrechten Haltung des früheren Leistungssportlers - Anfang der Siebziger war er deutscher Vizemeister im Stabhochsprung - öffnet der Achtundsechzigjährige in grauer Strickjacke und sportlichen Schuhen die Tür in seinem Wohnhaus in Mainz. Mit einer leicht gravitätischen Geste, die ihn schon als Fernsehmoderator auszeichnete, bittet er herein, rückt seinen Stuhl im dunkel parkettierten Wohnzimmer energisch in Richtung Besucher und beginnt zu erzählen, wie er zu den unbemannten Fluggeräten kam, über die er am Abend in einem Mainzer Hotel einen Vortrag halten wird. In der Erzählung des früheren Anwalts, der einst von Hanns Joachim Friedrichs zum ZDF geholt worden war, ziehen drei Jahrzehnte deutscher Fernsehjournalismus mit all seinen Tücken vorüber.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Heller beginnt mit Ben Johnson und dem olympischen Jahrhundertskandal schlechthin, einem schicksalhaften Ereignis auch für ihn. Als Heller den kanadischen Sprinter, der wenige Monate später einen neuen Weltrekord aufstellen sollte, 1986 zum ersten Mal auf einem Foto bei den Commonwealth-Spielen sah, sagte er: „Das kann nicht sein.“ Als Sportler wusste er, wie Muskeln beim Hochleistungstraining definiert werden - solche Pakete hatte er noch nicht gesehen. Heller beschloss, eine Dokumentation über den Sprinter zu drehen, Johnsons Manager forderte hunderttausend Dollar, das ZDF bezahlte. Heller begleitete den Kanadier über Wochen hinweg und konnte, als der Sprinter vor laufender Kamera über Schmerzen im Oberschenkel und die dafür verantwortlichen „pills from bodybuilding“ klagte, einen seltenen Einblick in die Doping-Normalität eines Spitzensportlers erhaschen. Bei der Erstausstrahlung des Films blieb die Szene unbemerkt. Erst als Johnson 1988 in Seoul wenige Stunden nach einem weiteren Weltrekord des Dopings überführt wurde, ging die Aufnahme um die Welt. „Das ZDF hat sich eine goldene Nase verdient“, sagt Heller. Er selbst wurde, eher unfreiwillig, zum Doping-Experten.

          Ränkespiele im ZDF-Fernsehrat

          Bei Hellers weiteren Recherchen wiederholte sich das Muster: Experten versorgten ihn hinter vorgehaltener Hand mit immer neuen Doping-Horrorgeschichten, wenn er sie dann ins „Sportstudio“ einlud oder seine Informationen öffentlich machte, folgten die Dementis auf dem Fuß. So auch, als Heller in einem Prozess gegen Ben Johnson in Toronto aussagte und dabei einen bekannten Sportmediziner mit den Worten zitierte, mehr als achtzig Prozent aller Doping-Proben bei den Olympischen Spielen in Seoul seien positiv gewesen.

          Als die Socken noch weiß waren: Bernd Heller moderiert eine Diskussion zwischen Christoph Daum, Uli Hoeneß, Udo Lattek und Jupp Heynckes

          Heller hatte zu Beginn der neunziger Jahre wohl das Bedürfnis nach einer Fassade des „sauberen“ Sports und den Willen, Unangenehmes zu verdrängen, unterschätzt. Seine Aufklärungsarbeit wurde jedenfalls nicht honoriert. 1993 hieß es, das „Aktuelle Sportstudio“ brauche neue Gesichter. Heller war freier Mitarbeiter, er musste der Moderatorin Christine Reinhart weichen. Für diesen beruflichen Schlag macht Bernd Heller Ränkespiele im ZDF-Fernsehrat verantwortlich, in dem auch Sportfunktionäre sitzen. Auf die Frage, ob ihn das Thema „Doping“ ins Abseits befördert habe, ruft er mit fast jugendlichem Eifer aus: „Na klar, ich bin ein Doping-Opfer!“

          Heller verließ das ZDF, zunächst war er als Sportchef bei verschiedenen Privatsendern im Gespräch, schließlich wurde er Moderator bei n-tv. Als er bei der „Tele-Börse“ wegen angeblich unangemessener Fragen an einen Topmanager eine Abmahnung bekam und als die Moderationsangebote immer unattraktiver wurden, beschloss er 2005, nicht mehr vor die Kamera zu treten. „Bei den Privaten gibt es keinen ordentlichen Journalismus, das können Sie vergessen“, sagt er, „da geht es nur ums Geld.“

          „Drohnenjournalismus ist eine Illusion“

          Das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF mutierte derweil zur mitternächtlichen Fußball-Show. Die Fußball-Senderechte sind teuer, bringen Quote, also müssen andere Sportarten beiseitetreten. Hintergrundberichte gibt es nicht mehr, dafür gefällige Interviews. „Langweilig“, sagt Heller.

          Er gründete eine Filmproduktionsfirma und macht seither Imagefilme und Dokumentationen, ist als Vortragsredner und Mediencoach für Manager unterwegs. Als Ein-Mann-Orchester entwickelte der Produzent Heller ein Faible für die Technik. Er besitzt vier Kameras - eine für Reportagen und drei für Imagefilme, die er zum Teil parallel einsetzt. Und dann ist da noch - die Drohne, ein sogenannter Oktokopter, Herzstück seiner Firma Circle Line Media.

          Mit diesem Oktokopter dreht Bernd Heller Imagefilme und Präsentationsfilme für Immobilienentwickler.

          Nun spricht Heller auf Einladung des Deutschen Journalisten-Verbands über das Thema Drohnenjournalismus, das seit einiger Zeit Konjunktur hat. Mancherorts war schon von einer Medienrevolution die Rede gewesen. Doch was sagt Heller dazu? Er sagt, dass es eigentlich keinen Drohnenjournalismus gibt und wahrscheinlich auch nicht geben wird. Warum? Heller macht es kurz: Nimmt man die Aufstiegsgenehmigung, welche die Flugaufsichtsbehörde bei jedem kommerziellen Drohnenflug ausstellen muss, nimmt man die Einwilligung, die der Eigentümer des Startgrundstücks zu erteilen hat, denkt man an die Sondergenehmigungen für Flugkontroll- und Flugverbotszonen, berücksichtigt man weiterhin, dass eine Drohne nur auf Sicht, das heißt mit weniger als vierhundert Meter Abstand, geflogen werden darf und dass die Akkus maximal zwischen zehn und zwanzig Minuten Flugzeit erlauben, sind nach Hellers Auffassung, außer nach Naturkatastrophen, journalistische Recherchen oder gar Investigationen so gut wie unmöglich. Allein der Lärm, den Drohnen veranstalten, vernichtet jeden Überraschungseffekt, vom Schutz der Privatsphäre ganz zu schweigen. Während der Vierschanzentournee wurde Heller mit seiner Drohne nach eigener Aussage in zwanzig Minuten viermal von der Polizei kontrolliert. Die Gesetzeslage soll im kommenden Jahr noch verschärft werden. Für Heller, der seine Drohne hauptsächlich für kommerzielle Filme oder im Auftrag von Immobilienentwicklern nutzt, die ihren Kunden mit den Aufnahmen demonstrieren, welche Aussicht bei einem geplanten Objekt zu erwarten ist, steht daher fest: „Drohnenjournalismus ist eine Illusion.“

          Es ist schon eine Pointe, wie der persönlich vom Journalismus abgekommene Heller hochfliegende Drohnenszenarien erdet. Die guten Geschichten, sagt er, liegen nach wie vor auf der Straße. Das ist heute nicht anders als vor dreißig Jahren, als ein Sportler namens Ben Johnson plötzlich anfing, von irgendwelchen Muskelpillen zu reden.

          Weitere Themen

          Traumziel Mittelalter

          Romanphänomen Iny Lorentz : Traumziel Mittelalter

          Das Buch „Die Wanderhure“ brachte Iny Klocke und Elmar Wohlrath den Durchbruch: Das Paar schreibt unter dem Namen Iny Lorentz Bestseller in Serie, gerade erschien eine weitere Fortsetzung. Aber wie verfasst man gemeinsam ein Buch?

          Topmeldungen

          Jens Spahn will CDU-Chef werden.

          Union : CDU-Politiker warnen vor Spahns Migrationspakt-Vorstoß

          Abstimmung auf dem Parteitag und möglicherweise eine spätere Unterzeichnung – CDU-Vorsitz-Kandidat Jens Spahn sieht den Migrationspakt skeptisch. Führende Parteifreunde haben eine andere Meinung.
          Lächelnd im Konfettiregen: Alexander Zverev wandelt endgültig auf den Spuren von Boris Becker und Michael Stich.

          ATP-WM in London : Alexander Zverev überrollt Djokovic

          Das hätte ihm kaum jemand zugetraut: Der Hamburger besiegt den Weltranglistenersten in zwei glatten Sätzen und gewinnt beim ATP-Finale in London den bislang größten Titel seiner Karriere.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.