25.06.2009 · Die Berichte über Berlusconis blutjunge Verehrerinnen und Partymädel werden zur Staatsaffäre. Eine Zeitungsgruppe greift Berlusconi juristisch an, weil der zu ihrem Boykott aufgerufen hat. Ein Escort-Girl packt derweil weiter aus.
Von Dirk Schümer, VenedigSo heiß der „Ferragosto“ dieses Jahr auch wird, eines steht schon fest: Ein Sommerloch wird es für Italiens Medien nicht geben. Dafür hat Silvio Berlusconi mit seinem Multiskandal um blutjunge Verehrerinnen und bezahlte Partymädel vorgesorgt. Wie sehr die Berichterstattung über Details aus dem turbulenten Nachtleben des zweiundsiebzigjährigen Politikers zur Staatsaffäre geworden ist, beleuchtet die gerichtliche Klage der „Espresso“-Zeitungsgruppe, die das gleichnamige Magazin und die linksliberale Zeitung „La Repubblica“ herausgibt. Hier hat man sich entschieden, Berlusconi auch juristisch anzugreifen, weil der Premierminister öffentlich davon abgeraten hatte, in dieser „Italien schädlichen“ Pressegruppe zu inserieren, und von einem Komplott gegen ihn raunt.
Immerhin setzte die „Repubblica“ jetzt mit einem Interview des apulischen Escort-Girls Patrizia D’Addario ihre Kampagne fort. Die kühle Blondierte hatte mit ihren Enthüllungen über erotische Politpartys Ermittlungen ins Rollen gebracht, weil inzwischen auch über den Genuss von Kokain in Berlusconis bewachten Regierungsräumen spekuliert wird. Einstweilen hatte D’Addario ihren Erklärungen wenig hinzuzufügen: Sie erzählte von zwei Einladungen in den römischen Privatpalast Berlusconis, wo rund zwanzig – dafür mit jeweils tausend Euro bezahlte – Mädchen die Nacht über dem Premierminister akklamieren mussten und mit Geschenken, Champagner und Häppchen bei Laune gehalten wurden.
Komische Details
Immerhin darf sich das italienische Voyeurpublikum an komischen Details weiden: Berlusconi zeigte seinen eingekauften Verehrerinnen offenbar ein endloses Video, das ihn mit Staatsmännern aus aller Welt triumphal vorführt. Der jugendliche „Harem“ hatte diese Projektion mit Gesängen und der „La-Ola-Welle“ zu begleiten. Über ein zweites, offenbar sehr viel intimeres Treffen mit Berlusconi in der Nacht von Obamas Wahl im letzten November wollte Patrizia D’Addario indes keine Details verraten. Einerseits zeigt sie sich verstört über einen Einbruch in ihre Wohnung, bei dem nicht nur Videodateien und Fotos, sondern sogar Wäsche entwendet worden sei. Andererseits macht sie, die einst nach gewohntem Muster für Berlusconis Liste in Bari kandidiert hatte, einen hochprofessionellen Eindruck: Sie sei – bewehrt mit Bild- und Tondokumenten – erst an die Öffentlichkeit gegangen, als Berlusconi ihr nicht bei einer Baugenehmigung in Apulien geholfen habe. Dass Berlusconi inzwischen durch das Scheidungsverfahren seiner Frau und deren Angriffe auf seine Moral unter Druck geriet, dürfte der Veröffentlichung der intimen Details förderlich gewesen sein.
Zur Europawahl steht Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi in der Kritik. Seine Gegner werfen ihm vor, bei den Kandidaten nicht auf politischen Sachverstand zu setzen. Zudem ist der Regierungschef wegen seiner ungeklärten Beziehung zu einer 18-Jährigen in der Defensive.
Ein seriöser Kommentator wie Ernesto Galli della Loggia spekuliert im „Corriere della sera“ angeekelt über die Tragweite von „Silviogate“: Italien zeige sich als „Staat in den Händen von Oligarchien, die einzig an die eigene Macht denken – ein marginales Land, das von der Welt abgeschnitten lebt und längst jeden Glauben an ein gemeinsames Projekt für die Zukunft verloren hat“. Dieses Klima spätrömischer Dekadenz empfindet man anscheinend auch in der katholischen Kirche. Die Wochenzeitung „Famiglia cristiana“ warnt vor einem „moralischen Vakuum“ im „politischen Leben des Landes“ und grollt: „Alles hat eine Grenze.“ Diverse Kardinäle äußerten Missfallen, doch befindet sich der Katholizismus im Dilemma, dass Berlusconi von der Schwulenehe über die Euthanasie bis zur Genforschung die Linie des Papstes vertritt. Mit Berlusconis frommem Vorgänger Romano Prodi, dessen Privatleben untadelig war, geriet die katholische Kirche andauernd in Konflikt, so dass man es in Kirchenkreisen – obschon wenig amüsiert über diesen triebhaften Alliierten – erst einmal bei nebulösen Mahnungen belassen dürfte.
Ob dem Premierminister der Skandal bei den Wählern überhaupt schadet oder ob ihn viele nicht eher neidvoll bewundern, werden Umfragen zeigen. Bisher wankt die politische Macht des Moguls keineswegs. Berlusconis Zeitung „Il Giornale“, die Mühe hat, die Skandale unter den Teppich zu kehren und verharmlosende Vergleiche zu Kennedy und Mitterrand zieht, ist zum Gegenangriff übergangen: Man veröffentlichte Polizeiprotokolle über einen Skandal mit brasilianischen Prostituierten im Umfeld des damaligen, linken Premierministers Massimo D’Alema. 1999 war das Verfahren gegen hochgestellte Exkommunisten unterdrückt worden. Das „Giornale“ kommentiert ironisch, die sexuellen Delikte von 1999 seien immerhin in staatlichen Diensträumen begangen worden, während Berlusconi als Privatmann in seinen Luxuspalästen machen könne, was er wolle. Ob diese etwas hilflose Verteidigungslinie hält, müssen die nächsten Enthüllungen zeigen.