13.01.2009 · Der Verkauf des Berliner Verlags von der Investorgruppe Mecom an den Traditionsverlag DuMont Schauberg zeigt, was passiert, wenn man von dem Geschäft mit der Presse nichts versteht. David Montgomery geht und hinterlässt ein Desaster erster Ordnung.
Von Michael HanfeldDass es auf dem Finanzmarkt mit rechten, mit rationalen Dingen zugeht, glaubt ja nach dem welterschütternden Bankencrash des vergangenen Jahres, der eine globale Wirtschaftskrise ausgelöst hat, niemand mehr. Dass am Wesen der Finanzinvestoren niemand genesen, Unternehmen – Zeitungshäuser zumal – vielmehr zuschanden gehen können, dass zeigt das Scheitern von David Montgomery auf denkbar eindrückliche Weise. Mit größtem Aplomb war er Ende 2005 mit dem Kauf des Berliner Verlags in den deutschen Zeitungsmarkt eingestiegen, das Herzstück eines paneuropäischen Medienkonzerns sollten die Zeitungen in Deutschland sein, die Berliner Blätter und die „Hamburger Morgenpost“, die Montgomery – Schulden machend wie üblich – hinzukaufte.
Und was ist jetzt? Jetzt stößt der britische Investor die Blätter ab, um, wie es in der Mitteilung der Mecom heißt, sich „auf das Kerngeschäft“ zu konzentrieren. Doch wo soll er liegen, des Pudels Kern, wenn nicht hier? Und Montgomery gibt noch einen drauf. Man sei zufrieden mit den Verkaufsverhandlungen, sei überzeugt, für die Aktionäre Werte geschaffen zu haben, und glaube, dass sich die deutschen Unternehmen nun – durch das Investment der Mecom – „in einem besseren Zustand“ befänden als zuvor. Die Worte, mit denen sich Montgomery aus Deutschland verabschiedet, kann man nur als Realsatire verstehen.
Gekürzt, gepresst, vernichtet
Denn er hat das Gegenteil von dem vollbracht, was er behauptet. Er hat sinnlos gekürzt, zusammengepresst, was nicht zusammenpasst, Werte vernichtet und nicht ein einziges Mal so etwas wie eine verlegerische Strategie erkennen lassen. Bei 650 Millionen Euro soll der Schuldenstand der Mecom liegen, die Aktie ist kein Wert-, sondern ein Witzpapier, und die Analysten sind nicht davon überzeugt, dass die Mecom mit dem Verkauf ihrer deutschen Zeitungen gerettet wäre. Ein Desaster erster Ordnung.
Des einen selbstverursachtes Leid ist des anderen Freud. Denn mit einem Mal und binnen vierundzwanzig Monaten steigt der einst regionale Verlag M. DuMont Schauberg zur Nummer drei in der deutschen Presselandschaft auf. Einen Umsatz von rund 626 Millionen Euro hat der Verlag 2007 erzielt und mit einem Gewinn von etwas mehr als neun Millionen Euro abgeschlossen. Zu den 3564 Mitarbeitern des Hauses kommen nun neunhundert hinzu, und die Titel von DuMont reichen aus dem Kernland Nordrhein-Westfalen mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, der „Kölnischen Rundschau“, dem „Express“ und einer Beteiligung am Bonner „General-Anzeiger“ inzwischen zur „Frankfurter Rundschau“ und nun der „Hamburger Morgenpost“, der „Berliner Zeitung“, dem „Berliner Kurier“, dem Magazin „Tip“ und der online erscheinenden „Netzeitung“ bis nach Israel, wo sich der Verlag vor zwei Jahren mit fünfundzwanzig Prozent an der „Haaretz“-Gruppe beteiligt hat.
DuMonts Liste kann sich sehen lassen, es scheint in diesem Land noch Verleger zu geben, die an ihr Medium glauben, sonst hätten die Kölner nicht den doch erstaunlich hohen Preis von 152 Millionen Euro für ihre neue Dependance in Berlin bezahlt.
Ein Zeitungsimperium auf Pump
Dort atmen sie auf und weinen dem Investor keine Träne nach. Den vierten Verkauf innerhalb von sechs Jahren haben die Berliner erlebt, die „Hamburger Morgenpost“ verzeichnet den siebten Verkauf in ihrer Geschichte. „Alle Befürchtungen“, schreibt der Betriebsrat, die man beim Verkauf an Montgomery hatte, seien eingetreten: „Keine Investitionen in Marken, Personal, Technik und Unternehmen, keine Print- und Onlinekonzepte. Stattdessen irrationale Umsatzvorgaben und ständiger Schuldenzuwachs, Rücklagen geplündert, Gewinne abgezogen.“ Laut der letzten Bilanz hätten die deutschen Zeitungen der Mecom 104 Millionen Euro an Schulden abdecken müssen. Verantwortungsvolles Wirtschaften sieht anders aus. Und mit der Wirtschaftskrise und den besonderen Herausforderungen für Zeitungen hat es nichts zu tun. Montgomery hatte einfach keinen anderen Plan als den, auf Pump zu kaufen und auf Teufel komm raus zu streichen und zu nehmen. Dass daraus ein paneuropäischer Zeitungskonzern entstehen könnte, nimmt ihm niemand mehr ab.
Nun fragen sich alle, wie es die Verleger von DuMont richten wollen. Für eine Übergangszeit dürften sie in Berlin Uwe Vorkötter zum Chefredakteur machen, der ja von dort Mitte 2006 als Chefredakteur zur „Frankfurter Rundschau“ wechselte. Zuvor hatte sich DuMont Schauberg schon um den Berliner Verlag bemüht, aber gegen Montgomery den Kürzeren gezogen, der allein zum Zuge kam, weil das Kartellamt dem vorherigen Eigentümer Holtzbrinck untersagt hatte, die „Berliner Zeitung“ mit dem „Tagesspiegel“ zu vereinen – eine vor allem im Nachhinein wirtschaftlich abstruse Entwicklung nahm ihren Lauf.
Dass es ein gemeinsames „Newsdesk“ in Berlin für die Zeitungen in der Hauptstadt und in Frankfurt gäbe oder der Mantel für beide Blätter nur noch in einer Redaktion entstünde, diese Spekulation hat der „Rundschau“-Chef Vorkötter als „Quatsch“ zurückgewiesen. An redaktionelle Synergien wird DuMont Schauberg jedoch schon denken. Die Berliner aber wissen, dass sie das Gröbste hinter sich haben. Ihrem alten Eigentümer Montgomery verabschieden sie mit der Empfehlung, sich auch von seinen Zeitungen in Norwegen, Polen, den Niederlanden und Dänemark zu verabschieden – „genießen Sie Ihr Ferienhaus in Umbrien, nur bleiben Sie dem Zeitungsmarkt fern“.