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RTL-Serie „Deutschland 83“ : Nukleares Bogenschießen

Grünzeug: Martin (Jonas Nay, vorn) und Axel (Ludwig Trepte) im Manöver Bild: RTL / Nik Konietzny

Auf der Berlinale zeigt das deutsche Fernsehen, dass große, aufwendige Stoffe nicht nur den Amerikanern vorbehalten sind. In der Serie „Deutschland 83“ verhindert ein junger Spion so gerade eben den Dritten Weltkrieg.

          Martin Rauch hat keine große Lust, ein Held zu sein. Den Dienst bei der Nationalen Volksarmee versieht er zwar voller Überzeugung, auch rattert er die letzten Erklärungen des Genossen Erich Honecker aus dem Effeff herunter. Aber die drei Stasi-Agenten, die ihn daheim überfallen und seltsame Fragen stellen – Spielen Sie Schach? Spielen Sie Klavier? Kennen Sie sich beim Fußball aus? –, sind nicht sein Fall. Seine unangenehme Tante Lenora ist es nicht und schon gar nicht ihr Kollege, der ihn zuerst mit eiskalt aufgesetzter Freundlichkeitsmiene ausquetscht, dann seine Hände sehen will und ihm – mir nichts, dir nichts die Finger bricht. „Wir haben einen Auftrag für Sie. Sie werden Ihrem Land dienen.“ Eine Tasse Kaffee? Danach wird es schwarz um ihn.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Als er aufwacht, ist er nicht mehr in Kleinmachnow, sondern in Bonn. Er heißt auch nicht mehr Martin Rauch, sondern Moritz Stamm. Er ist jetzt Oberleutnant der Bundeswehr und sitzt im Vorzimmer von General Edel. Der ist mit der Planung des Manövers „Able Archer“ (fähiger Bogenschütze) betraut, mit dem die Nato ihre nukleare Reaktionsfähigkeit bei einem Angriff der Truppen des Warschauer Pakts testet. In Moskau und Ost-Berlin hält man das Manöver allerdings für die tatsächliche Vorbereitung eines Atomschlags. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan hat den Ostblock gerade wieder das „Reich des Bösen“ genannt. Die Stationierung der Pershing-II-Raketen ist im Gange, die Friedensbewegung reiht Menschenketten auf. In der Ost-Berliner Stasi-Zentrale wird in diesen ersten Tagen des November 1983 derweil ein Endzeitszenario gewälzt. Martin Rauch soll es als Agent wider Willen verhindern. Die Stasi will an den Geheimplan der Nato ran.

          Die Simulation geriet beinahe zum Ernstfall

          Was wäre, wenn? Das war im Kalten Krieg die ewige Frage. Was wäre, wenn die Panzerverbände der Roten Armee die innerdeutsche Grenze überschritten? Wann stünden sie am Rhein? Von welchem Punkt an würde die Nato einen Nuklearschlag erwägen? Wie würde der Warschauer Pakt reagieren? Wer macht den ersten Zug? Die Pläne der Strategen in Ost und West waren reine Spieltheorie. Sicher war nur eins: Einen Sieger gab es nicht. Wer zuerst auf den roten Knopf drückte, starb als Zweiter. Binnen zwanzig Minuten wären Hunderte Millionen Menschen verglüht, in Russland, in den Vereinigten Staaten, vor allem aber in Zentraleuropa mit Deutschland als Schlachtfeld mittendrin.

          Auf diesem Szenario, das heute durch Wladimir Putins kriegerische Expansionspolitik ein Revival erlebt, gründet die Geschichte, welche die Serie „Deutschland83“ erzählt: Ein junger Mann wird von der Stasi als Spion in den Nato-Stab eingeschleust, der das Manöver „Able Archer“ durchführt. Simuliert wird ein Atomkrieg, der die beiden deutschen Staaten in eine nuklear verseuchte Wüste verwandelt hätte. Die Sache war damals in der Tat so realistisch angelegt, dass die Sowjetunion dies für die Vorbereitung eines Angriffs hielt und ihre Nukleartruppen in Alarmbereitschaft versetzte. In der DDR und in Polen stationierte Bomber wurden mit Atomwaffen bestückt. Es fehlte nicht viel, und ein Missverständnis hätte den Dritten Weltkrieg ausgelöst: den Atomschlag, den Stanislaw Petrow, Oberst der russischen Raketentruppen, ein paar Wochen zuvor verhindert hatte. Er hatte die Meldung des Frühwarnsystems, amerikanische Raketen seien im Anmarsch, richtig eingeschätzt: als Computerfehler.

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