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Veröffentlicht: 20.09.2014, 15:20 Uhr

Qantara.de vor dem Aus Berlin reißt eine Brücke in die arabische Welt ein

Das Internetportal Qantara.de ist eine anerkannte und beliebte Brücke in die arabische Welt. Jetzt will die Bundesregierung die Förderung einstellen, wie FAZ.NET exklusiv erfuhr. Dabei ist es heute wichtiger denn je.

von , Kairo
© Qantara.de Hat auf Facebook allein zweihunderttausend arabischsprachige Follower: Blick auf die Homepage von Qantara.de

Wie ein Blitz traf der Beschluss der Diplomaten vom Werderschen Markt die Macher von Qantara.de Anfang September: Nur noch bis Ende Dezember könne das Internetportal gefördert werden, teilten sie dem Beirat mit. Qantara ist das arabische Wort für Brücke, und für die umtriebige Redaktion am Rhein in Bonn ist es Programm: Den Dialog mit der islamischen Welt zu pflegen, zugleich aber einen kritischen Blick auf die Förderer von Gewalt in der Region zu werfen, das hat sich die kleine Mannschaft um Chefredakteur Loay Mudhoon auf die Fahnen geschrieben.

Auch das Auswärtige Amt, das Qantara.de seit 2003 fördert, war bislang voll des Lobes über die Arbeit der Website-Gestalter, die Artikel aus der islamischen Welt auf Arabisch, Englisch und Deutsch präsentieren. 2013 gab die Leitung der Abteilung Kultur und Kommunikation eine vierzigtausend Euro teure Evaluierung in Auftrag, die dem Projekt „hohe Wertschätzung und Anerkennung als mediale Brücke zwischen Deutschland, Europa und der islamischen Welt“ bescheinigte. Es sei ein „glaubwürdiges Instrument der auswärtigen Kulturpolitik Deutschlands“.

Notwendiger denn je

Davon aber wollen die Kulturdiplomaten in Berlin nun nichts mehr wissen. Obwohl die Redaktion den Forderungen der Gutachter nachkam, ihre Präsenz im Internet zu verbessern, hieß es vor drei Wochen urplötzlich aus dem Amt, dass es keine Möglichkeit mehr sehe, Qantara.de über das Jahresende hinaus zu finanzieren. Eine inhaltliche Begründung lieferte die Bundesregierung dafür nicht, auf Anfrage von FAZ.NET heißt es aus dem Auswärtigen Amt lapidar: „Qantara wird auf jeden Fall bis Ende 2014 weiter gefördert.“

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Daran hatte nie jemand einen Zweifel; das vom Amt bezahlte Evaluationsteam hatte noch im Frühjahr eine Laufzeit bis mindestens 2019 vorgeschlagen. Auch dass bestehende Honorarverträge einzelner Mitarbeiter ein so schnelles Aus gar nicht zulassen, geht unter der Schnellschlussreaktion unter, den Stecker einfach herauszuziehen. Ganz unabhängig von dem inhaltlichen Verlust, den das abrupte Ende für das kostbare Archiv mit mehr als 70.000 Artikeln aus elf Jahren bedeuten würde: Die Diskussionen um den Karikaturenstreit, die Auswirkungen des global agierenden Dschihadismus und die Auswirkungen der Einbürgerung von Muslimen in Europa, all das brachten namhafte Autoren aus dem islamischen und europäischen Kulturkreis bei Qantara.de zur Sprache. All das wäre der Öffentlichkeit von heute auf morgen nicht mehr zugänglich.

Und der Bedarf hält an, dazu genügt ein Blick in die täglichen Nachrichten: Das Zusammenbrechen staatlicher Ordnung von Jemen über Irak und Syrien bis Libyen macht Hintergrundartikel aus der Region notwendiger denn je. Bereits die arabischen Aufstände 2011 hatten das Interesse an den Umbrüchen in Nordafrika und Nahost in ungekannte Höhen getrieben: Seit 2010 hat sich die Zahl der Klicks vervielfacht, allein im Februar gab es anderthalb Millionen Zugriffe auf die Seite. 330.000 Fans hat Qantara.de auf Facebook, davon mehr als 200.000 arabischsprachige Follower. Seiner Brückenfunktion wird das Internetportal also im besten Sinne gerecht.

Provinzielle Politik

Stimmen aus den islamischen Ländern selbst, die sich kritisch mit dem Einfluss autoritärer Machthaber und Hassprediger auseinandersetzen, findet man in dieser Vielfalt auf kaum einer anderen Plattform. Bislang aber ist das Auswärtige Amt offenbar allenfalls bereit, Qantara.de für eine Übergangszeit weiter zu finanzieren; de facto steht es vor dem Aus. „Derzeit gibt es Beratungen über eine mögliche Anschlussförderung, die von den zukünftigen Haushaltsspielräumen abhängen wird“, heißt es in Berlin.

Die Einstellung des Erfolgsprojekts wird Außenminister Frank-Walter Steinmeier nicht helfen, sich gegen Vorwürfe zu wehren, sein Amt betreibe eine Militarisierung der deutschen Außenpolitik. Weitaus erklecklichere Summen als die jährlich rund 300.000 Euro, die Qantara.de kostet, steckt die Bundesregierung künftig in die Ausbildung kurdischer Peschmerga-Einheiten. Auch die Waffenlieferungen an die irakischen Kurden übertreffen die überschaubaren Investitionen in das von viel persönlichem Engagement getragene Kulturprojekt bei weitem. Der kleinliche Verweis auf „zukünftige Haushaltsspielräume“ ist Ausdruck davon, wie provinziell das Amt seine auswärtige Kulturpolitik betreibt.

Quelle: FAZ.NET

 

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