Ein Junge bringt sich um. Er ist sechzehn Jahre alt, das Leben liegt eigentlich noch vor ihm, doch die Gegenwart wiegt so schwer, dass er keinen anderen Ausweg sieht, als sich das Leben zu nehmen. „Geh nach Hause, häng dich auf, du bist eine Schande für die Menschheit“, schreiben ein paar Mitschüler im Netz, die großen Spaß daran haben, Lucas zu mobben. Ihre Quälereien beschränken sie freilich nicht aufs Internet, auch in der Schule setzen sie ihm zu, bewerfen ihn im Unterricht, kaum hat sich der Lehrer umgedreht, mit Papierkügelchen, stundenlang.
Sie treten ihm in die Kniekehlen, bis er zu Boden geht. Sie lachen Lucas aus, diesen über zwei Meter großen Jungen, der unter Epilepsie leidet und dessen Körper ihm beim Sport oft einen Streich spielt, wo er ungelenk über Bänke läuft und es einfach nicht hinkriegt, mit einem Bein abzuspringen. „Spasti“ rufen sie ihm hinterher. Einmal steht Lucas auf einer Brücke, er will in die Tiefe springen, aber er tut es nicht. Danach wird er psychologisch behandelt. Einige Mitschüler erfahren von dem misslungenen Selbstmordversuch - selbst dafür sei er zu blöd, schreiben sie höhnisch und täuschen sich. Wenig später ist Lucas tot.
Ratlose Gesichter
Katharina Gugel und Ulf Eberle haben für ihren Dokumentarfilm „Lucas’ letzter Brief“ die Eltern des Jungen über Monate hinweg begleitet. Immer wieder sind sie in das Dorf in der Eifel gefahren und haben mit ihnen und Lucas’ Großeltern gesprochen, ebenso wie mit ehemaligen Schulkameraden und Freunden aus dem Schützenverein, wo sich Lucas wohl gefühlt hat, wo er ein akzeptierter Teil der Gemeinschaft gewesen ist.
Doch keiner der Befragten wusste etwas von den täglichen Demütigungen, keiner wusste, wie gewaltig Lucas’ Angst gewesen ist, das Klassenzimmer zu betreten. Wir blicken in ratlose, leere, in erschütterte Gesichter. Die Sätze wiederholen sich: Nein, dieses Unglück, diese tiefe Depression habe man nicht geahnt. Unvorstellbar sei Lucas’ Schritt in den Tod. Ob man selbst Schuld daran trage? Hätte man es wissen können? Ja, wissen müssen? Lucas’ Vater, ein sanfter Mann mit freundlichen Augen, kann nicht weinen, er konnte es nie, kein einziges Mal seit jenem Tag. Nun lässt er sich für einige Wochen in eine Klinik einweisen.
Die Brutalität des Mobbings
Auch der Direktor von Lucas’ Realschule äußert sich zum Tod des Jugendlichen. Er ist der Einzige, der sich offenbar keine Fragen stellt. Es sind erbärmliche Phrasen, die dieser Mann, der bräsig in seinem Bürostuhl sitzt, von sich gibt: „Wir sind als Schule hilflos“, sagt er, als sei Mobbing ein Naturereignis, das über den Menschen hereinbricht. Er habe auch keine Patentlösung, sagt er beinahe patzig, viel mehr fällt ihm nicht ein zu Lucas’ Selbstmord. Dass der Direktor einer Schule, in der sich ein derart tragischer Fall ereignet hat, keinerlei Interesse an dessen lückenloser Aufarbeitung zeigt, dass er schulterzuckend zum Tagesgeschäft übergeht, ist ein Skandal.
Kinder und Jugendliche können gnadenlos sein, wenn es darum geht, über ihr Opfer herzufallen. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, ausgestoßen zu werden. Das Internet hat die Brutalität des Mobbings um eine Dimension erweitert, die zutiefst verstört. Der eindringliche Film, den Katharina Gugel und Ulf Eberle gedreht haben, beleuchtet ein Phänomen, gegen dessen zerstörerische Kraft man mit allen Mitteln ankämpfen muss.
Was mir dazu einfällt
Jürgen Klonpries (Beinsen)
- 15.09.2012, 12:59 Uhr
Eine ungeheuer zynische Stellungname, die der mutmaßliche Lehrer
Closed via SSO (HHPPFF)
- 14.09.2012, 13:37 Uhr
Kommt alle zu mir...
Claus F. Dieterle (Claus-F-Dieterle)
- 14.09.2012, 13:24 Uhr
Und selbst, werte Diskutanten?
Harald Jentzsch (HJentzschHB)
- 14.09.2012, 13:01 Uhr
...,denn sie wissen nicht, was sie tun.
Jan Meibach (Umpalump)
- 14.09.2012, 10:57 Uhr