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„Bei Anruf Abzocke“ Das kauft man ihm ab!

12.12.2007 ·  Günter Wallraff ist wieder zurück auf der großen Bühne. Grund genug für das ZDF, ihm eine Dreiviertelstunde Sendezeit zu schenken. Am Dienstagabend durfte er in dem Beitrag „Bei Anruf Abzocke“ den Zuschauern den Call-Center-Skandal vorführen. Am Ende ging dann Wallraffs Obsession mit ihm durch.

Von Oliver Jungen
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Sein Name ist Programm, aber auch Nostalgie. Ihn nur auszusprechen, entführt uns zurück in die behüteten achtziger Jahre. Frank Elstner moderierte damals „Wetten dass...?“ Die Wälder starben vor sich hin, weil der Regen sauer war. Kaum einen Haushalt gab es, in dem nicht Günter Wallraffs Reportage aus der Bild-Redaktion zu finden war, kaum ein Bücherregal ohne seinen J'accuse-Klassiker „Ganz unten“, dessen Coverbild sich ebenso tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat wie jenes treudoofe Zwieback-Kind.

Dann trennten sich die Welten: „Wetten dass...?“ hat immer weitergemacht, von Jahr zu Jahr abgehalfterter, und so den eigenen Mythos unterhöhlt. Wallraff dagegen verschwand für lange Zeit von der, nun ja: Bild-Fläche. Man hörte hin und wieder von ihm, so etwa in den ernsten Angelegenheiten Menschenrechte in der Türkei oder Fatwa gegen Salman Rushdie. Vor allem in Köln war der ruhelose Aktivist stets präsent. Doch in der breiten Öffentlichkeit war es um Wallraff still geworden, so dass sein Mythos überdauern konnte.

Karikatur seiner selbst

Seit wenigen Monaten ist Günter Wallraff zurück auf der großen Bühne. Aber als wäre ihm daran gelegen, die Größe seiner einstigen Undercover-Einsätze im Nachhinein herunterzuspielen, tritt er nun als Karikatur seiner selbst auf. Dabei gäbe es in der Gesellschaft wahrlich genug Angriffspunkte für eine investigative Ein-Mann-Eliteeinheit wie Wallraff. Doch statt sich etwa dem grassierenden Lobbyismus an die Fersen zu heften, hat sich der wieder verdeckt arbeitende Ermittler - diesmal unter dem Pseudonym Michael G. - auf das nicht eben brennend scheinende Problem des Call-Center-Unwesens versteift.

Seine Recherchen führten nicht nur zu einem Aufmacher für die erste Ausgabe des neuen Zeit-Magazins im Mai dieses Jahres, sondern auch zu einem gemeinsam mit Pagonis Pagonakis angefertigten, fünfundvierzigminütigen Fernsehbeitrag, der am Dienstagabend im ZDF ausgestrahlt wurde: „Bei Anruf Abzocke“. Selten aber dekonstruiert sich ein kritisches Vorhaben derart gründlich selbst.

Am Rande der Legalität

Wallraff hat sich in zwei Kölner Call-Center eingeschleust, die am Rande der Legalität operieren, und dort verdeckte Aufnahmen angefertigt. Diese stellen den Leitfaden des Beitrags dar, leider - da aus der Hüfte gefilmt - oft in schlechter Bildqualität und häufig mit nachgesprochenem Ton. In einem Fall ging es um Systemlottoscheine, die offenbar weniger hohe Gewinne zulassen als versprochen. Diese „Unverfrorenheit“, mit der man ahnungslosen Menschen suggeriere, sie hätten die Chance auf einen Millionengewinn, „schockiert“ den Spion im Namen des Verbrauchers.

Im anderen Fall hatte Wallraff stark überteuerte Jugendschutztafeln an Gastwirte zu verscherbeln. Meist fielen ausländische Gastwirte auf den sich offiziell gebenden Anruf herein. Das zu demonstrieren, dient ein Besuch bei Dönerbuden-Besitzer Özdal Özalp, der das für fünfundneunzig Euro erstandene Schild in die Kamera hält. Dumm gelaufen, keine Frage.

Fast eine Million Werbeanrufe

Es würde aber wohl niemand bestreiten, dass es die dubiosen Geschäftspraktiken, von denen berichtet wird, tatsächlich gibt. Jeder Telefonbesitzer dürfte schon von solchen 'Drückern' belästigt worden sein. Fast eine Million Werbeanrufe soll es in Deutschland täglich geben. Besonders auf alte Menschen, die das Gespräch nicht unfreundlich beenden möchten, haben es die Kundenfänger abgesehen. Aber mit dieser Gefahr wird die bestehende Rechtsordnung spielend fertig, da braucht es keinen Wallraff. Die um Beistand angegangene Bundesjustizministerin Brigitte Zypries scheint denn auch etwas erstaunt über den Eifer des guten Mannes von Ehrenfeld. Den Vorschlag, am Telefon abgeschlossene Verträge nur nach schriftlicher Bestätigung als rechtsgültig anzuerkennen, lehnt sie ab unter dem etwas kryptischen Hinweis auf die für das Opfer zunehmende Beweislast.

Da für die erwünschte Skandalisierung des Themas selbst der Dauergebrauch der Vokabel „trickreich“ nicht ausreicht, schicken die Autoren immer wieder Verbraucherschützer vor, die konstatieren, dass der gegenwärtige Zustand unhaltbar sei. Daneben bedient sich Wallraff der bekannten Aussteiger-Inszenierung, auch wenn die Ex-Mitarbeiter durchweg Uninteressantes zu berichten haben. Weibliche Call-Center-Trickbetrüger sollen demnach schon mit umworbenen Kunden geflirtet haben. Eine wiederum heimlich (das heißt: optisch mies) gefilmte und zudem komplett neu eingesprochene Mitarbeiterschulung eines Call-Centers wird präsentiert, als handele sich um ein Terroristen-Trainingscamp: „Psychologie, Manipulation und Schlagfertigkeit: alles, um den Widerstand des Kunden zu brechen“. Zu erfahren ist hier lediglich, dass der Satz „Wir nehmen die Bankdaten auf“ weniger abschreckend klingt als der Satz „Ich bräuchte ihre Bankverbindung“.

Überanstrengung bis zum Kipppunkt

Bis zu diesem Zeitpunkt wirkt die Reportage allenfalls überanstrengt. Ihren Kipppunkt jedoch erreicht sie im letzten Drittel, wenn Wallraff einen Call-Center-Betreiber (und, wie missbilligend angemerkt wird, S-Klassen-Besitzer) mit seinen Recherchen konfrontiert, diesen aber nicht zu beeindrucken vermag. Vielmehr gesteht sein Gegenüber freimütig ein, im Telefonmarketing handele es sich zu neunzig Prozent um heikle Angelegenheiten. Auch die Mitarbeiter präsentieren stolz ihre besten Verkaufsstrategien. Der sich echauffierende Ankläger attestiert fehlendes Unrechtsbewusstsein. Dennoch leidet seine Autorität. Und inzwischen dürfte auch beim letzten Zuschauer der Gedanke aufgekommen sein, dass man hier nicht nur trickreiche Verkäufer vorgeführt bekommt, sondern zugleich einem unverschämt geschickten Verkäufer aufsitzt: Die geballte Vermarktung der nicht allzu aufwendigen Undercover-Aktion dürfte sich gut ausgezahlt haben.

In der Schlusssequenz schließlich ist man auf Fremdschämniveau angelangt. Hier geht die Call-Center-Obsession mit Wallraff durch. Als während eines Interviews mit einem übertölpelten Telefon-Lottoschein-Käufer den Gesprächspartner ein Anruf im Auftrag seines Mobilfunk-Anbieters erreicht, worin ihm ein günstigerer Tarif angeboten wird, gibt Wallraff den Exorzisten und ruft permanent: „Name und Telefonnummer!“ Die Dame nennt sofort ihren Namen. Da schnappt sich der Mann, der bei Bild Hans Esser war, das Handy, um persönlich weiterzuverhandeln: Er sei ein guter Freund, der Angerufene „ein älterer Herr“ (will sagen: eine senile Kartoffel, die sich auch Lottoscheine hat andrehen lassen).

Es folgt ein verbissenes Telefonat: „Wo sind denn die Vorteile gegenüber anderen Gesellschaften?“ Die Anruferin pariert die Einwürfe souverän: „Andere bieten das auch an, aber Sie sind ja bei uns im Vertrag“. Schließlich scheint Wallraff den Dreh gefunden zu haben. Ruppig fragt er: „Welche Telefonnummer haben Sie?“ Es lässt sich kaum leugnen, dass die Sympathien hier der Dame aus dem Call-Center gelten: „Das sag ich Ihnen nicht. Ich find Ihre Art irgendwie sehr seltsam.“

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