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BBC-Skandal Toxisches Arbeitsklima

 ·  Neues Material in der Affäre um den Kinderschänder Jimmy Savile liefert erschreckende Einblicke: Die BBC erweist sich als Schlangengrube, in der jeder dem anderen die Schuld in die Schuhe schiebt. Der Sender wankt

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Die Veröffentlichung von neuem Material über den Skandal um den als Kinderschänder enttarnten BBC-Moderator Jimmy Savile hat weitere Einblicke in den Zustand der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt ermöglicht. Die Protokolle der Untersuchung zur Savile-Affäre vertiefen das Bild der Führungskrise, des Misstrauens, der mangelnden Kommunikation zwischen den Abteilungen und der bürokratischen Enge, die Nick Pollard, der ehemalige Leiter von „Sky News“, in seinem im Dezember vorgelegten Bericht zutage befördert hat.

Ein Mitglied von Pollards Untersuchungskommission nannte das Arbeitsklima „toxisch“. Für diese Feststellung findet man reichlich Belege. In dieser Schlangengrube scheint jeder dem anderen die Schuld an der unseligen Kette von Ereignissen zuschieben zu wollen, die im vergangenen Herbst in Gang kam, als durchsickerte, dass die BBC kurz nach dem Tod von Savile eine Recherche ihrer Sendung „Newsnight“ über die Vorwürfe gegen den einst wie eine nationale Institution gefeierten Moderator auf die lange Bank geschoben hatte und sich damit in den Verdacht brachte, Saviles Missbräuche vertuschen zu wollen.

Vorwurf der Verschleierung

Saviles „Schattenseite“ war in der BBC bekannter, als der Sender eingestehen wollte. Aus den Aussagen von neunzehn Zeugen geht hervor, dass gleich nach Saviles Tod im Oktober 2011 Beiträge auf der BBC-Website, die Savile der sexuellen Belästigung beschuldigten, von einem mit der Filterung der Zuschriften beauftragten Vertragsunternehmen zensiert wurden. „Schrecklich viel sentimentaler Quatsch über jemanden, der schon 1972 wegen Kindesmissbrauchs hätte eingesperrt werden sollen“, lautete einer der blockierten Kommentare.

Savile sei ein Pädophiler gewesen. „Einer meiner besten Freunde wurde 1972 von diesem Fiesling Savile missbraucht. Er hat es nie überwunden. Hat sich 1985 umgebracht.“ Ein anderer schrieb: „Tut mir leid in die Suppe der Kondolenten zu spucken, aber er war berüchtigt in Scarborough (seiner Heimatstadt in Nordengland, d. Red.). Ich hätte meinem Sohn nie erlaubt, auf seinem Schoß zu sitzen.“ Der ehemalige BBC-Generaldirektor George Entwistle erklärte die Eingriffe mit der Sorge vor Falschmeldungen, wie sie im Zusammenhang mit dem Savile-Skandal bereits aufgetreten seien.

In den Vernehmungen haben BBC-Mitarbeiter heftige Kritik an Kollegen geübt mit der Folge, dass etwa drei Prozent der sich auf 3000 Seiten belaufenden Abschriften der Vernehmungen und des internen Schriftverkehrs auf Anraten der Anwälte geschwärzt werden mussten wegen möglicher Rufschädigung und Beeinträchtigung von laufenden Ermittlungen sowie zum Schutz der Anonymität. Das trug der BBC wiederum den Vorwurf der Verschleierung ein.

Hörfunk-Menschen

Das Ausmaß des organisatorischen „Chaos und der Verwirrung“, die Pollard der BBC bereits im Dezember bescheinigte, wird jetzt noch deutlicher. Besonders scharf ging der „Newsnight“-Moderator Jeremy Paxman mit dem Sender ins Gericht. Die Handhabung der Savile-Affäre sei genauso verachtenswert wie das Verhalten des Senders in den Jahren, in denen Savile als große Fernsehpersönlichkeit aufgebaut worden sei. Paxman führte die Versagen auf institutionelle und wirtschaftliche Veränderungen zurück. Die Mittel der „Newsnight“-Redaktion seien beschnitten, das Personal reduziert, die Sendezeit verlängert worden.

Das schaffe keine befriedigenden Verhältnisse für schwierige redaktionelle Entscheidungen. Paxman stellte ein „Einziehen der Hörner“ seit der Knebelung der BBC im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das umstrittene Dossier der Regierung Blair zu Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen fest. Er bemängelte außerdem, dass die Spitze der Nachrichtenabteilung mit „Hörfunk-Menschen“ besetzt worden sei. Diese Personen gehörten einer anderen Kultur an, meinte Paxman.

Kritik an aufgeblähter Bürokratie

Dagegen stehen Aussagen der vom Hörfunk kommenden Helen Boaden, der Leiterin der BBC-Nachrichtenabteilung, die als späte Folge des Savile-Skandals vom designierten Generaldirektor Tony Hall wieder in den Hörfunk versetzt wird. Boaden warf der „Newsnight“-Redaktion vor, herablassend auf andere Nachrichtenressorts zu schauen. Sie verglich das Ressort mit einer Kolonialmacht, die sich den Anforderungen der neuen Welt nicht stelle.

Im Schlamassel von Vorwürfen und Schuldzuweisungen macht Lord Patten, Vorsitzender des BBC-Trust, ein Zwittergremium zwischen Aufsichtsbehörde und Aufsichtsrat, das zugleich die Interessen der Öffentlichkeit und die der BBC zu wahren hat, keine gute Figur. Obwohl er bereits seit Mai 2011 im Amt ist und den unglückseligen Entwistle auf den Posten des Generaldirektors gehievt hat, tadelt er die aufgeblähte Bürokratie des Senders, das „fieberhafte Herummurksen“ Entwistles und die die chinesische Führung übertreffende Zahl leitender Angestellter, als habe er nichts mit alledem zu tun. Der im März vom Vorsitz der Covent-Garden-Oper in seine alte Heimat BBC zurückkehrende Lord Hall, der den Augiasstall ausmisten soll, hat jetzt jede Menge zu tun.

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