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„Baron Münchhausen“ im Ersten Wahr ist das gut Erzählte

In der gelungenen Münchhausen-Verfilmung der ARD steht eigentlich der moderne Mann im Vordergrund: Eine Aufschneider von Format, der sich gern von den Frauen regieren lässt.

© ARD/SWR/Stephanie Kulbach/Montag Vergrößern Jan Josef Liefers in der klassischen Pose des Baron Münchhausen.

Zum Schluss obsiegt die Physik, ein Heißluftballon steigt in den blauen Himmel über der Festung des Großen Sultans. Zauberei, denken die Osmanen. Kommen vom Standpunkt einer Geschichte des Wissens aus nicht viele der „Lügengeschichten“ des Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen Blicken in die Glaskugel gleich? Ein Besuch auf dem Mond, Hochgeschwindigkeitsverbindungen: Kann uns das noch schocken? Und ist nicht selbst der Kanonenkugelritt, gleich zu Beginn zu bestaunen, das Gegenstück zur unbemannten Drohne?

Aber es sind gar nicht die mirakulösen Taten des Fähnrichs aus dem niedersächsischen Bodenwerder, die in der wunderbar perückenverrückten ARD-Weihnachtsverfilmung des Münchhausen-Stoffs im Vordergrund stehen, sondern es ist der moderne Mann: ein Aufschneider mit Format, der zwar den Helden markiert und über Verantwortung lacht, sich gerne von starken Frauen übertölpeln und regieren lässt. Zauberei, denken die Osmanen.

DIe Damen triumphieren

Drei Damen sind es, die hier triumphieren, nämlich die freche Landadelige Constanze von Hellberg (eine fast nur aus Locken und Lächeln bestehende Jessica Schwarz), in die unser Pikaro gleich verschossen ist, weiterhin die Münchhausen verfallene und Intrigen nicht scheuende Zarin Katharina die Große (eine grandiose, in zirkuszeltgroßen Röcken versinkende Katja Riemann) und vor allem, darauf liegt der Fokus des Zweiteilers, das heimatlose, kluge und unendlich niedliche Zirkusmädchen Frieda (hinreißend gespielt von den Zwillingen Helen und Isabelle Ottmann).

Eines Tages - in der ersten Sekunde des Films - taucht Frieda bei dem freiheitsliebenden Münchhausen auf, nennt ihn ihren Vater, verschweigt aber wohlweislich den Tod der Mutter. Dass der Schaumschläger die kesse Göre ins Herz schließt, muss kaum erwähnt werden. Dass er sie sorgerechtsbesorgt trotzdem erst einmal von sich stößt, als er vom Tod der Mutter erfährt, wohl auch nicht.

Rücksichtlos kitschig

Mit wem der Baron es lächelnd aufnimmt, das sind die noch größeren Aufschneider, die Machos ohne Herz, allen voran der eingebildete Obertrottel von Sultan (Tayfun Bademsoy). Dieser Münchhausen unter der phantasiesprühenden Regie von Andreas Linke ist ein maßgeschneidertes Epos für eben den Jan Josef Liefers, den wir kennen und lieben. Es ist Professor Karl-Friedrich Boerne im Quadrat, es ist der „Madagascar“-Löwe Alex in bollywoodesker Bonbonbuntheit. Und etwas Besseres könnte uns zu Weihnachten gar nicht passieren: großes, vergnügtes, rücksichtslos kitschiges Familienfernsehen voller Kalorien und Wärme und Kusslippenzartheit.

Wir sind also in einem Märchen, nicht in einer Legende. Das hat seine Gründe, denn die Verfilmung hat es mit großen Vorgängern aufzunehmen, allen voran der vielleicht erstaunlichsten Filmproduktion aus dem „Dritten Reich“. Joseph Goebbels hatte diese nicht nur propagandafreie, sondern geradezu russophile, auf jeden Fall sehenswerte Produktion von 1943 persönlich in Auftrag gegeben; mit dem Abfassen des Drehbuchs wurde per halbgeheimer Sondererlaubnis der eigentlich mit Berufsverbot belegte Erich Kästner betraut.

Diese filmisch wohl interessantere Version begann mit einem Coup, den zu übertreffen sich die ARD-Variante gar nicht erst anschickt: Man sieht Hans Albers als Münchhausen in einem Ambiente des achtzehnten Jahrhunderts, bis nach einigen Minuten ein Lichtschalter ins Bild rückt. Es war ein Maskenball, wir sind in der Gegenwart. Der Baron ist ein Nachfahre des berühmten Lügenbarons, dessen Geschichte er nun erzählt. So viel Vorsicht qua Rahmenhandlung war wohl geboten, wollte man die Heldentaten nicht denunzieren.

Ein Mann unserer Tage

Und heldisch ist durchaus, was Hans Albers in der Folge unternimmt, erinnert an heutige Superheldenfilme, die seit der Infantilisierung der Massenkultur keinen Rahmen mehr benötigen. Andreas Linke und Drehbuchautor Marc O. Seng bescheren uns dagegen einen gebrochenen Helden, der seinen Egoismus überwindet und die Liebe wagt. Ein wenig von Johnny Depps Anarcho-Pirat Jack Sparrow steckt auch in ihm, aber doch eine gute Portion mehr Bürgerlichkeit. Kriege, Schlachten, Prügeleien interessieren ihn so wenig, dass er sich, wo immer möglich, flugs und mit Tücke aus der Affäre zieht.

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Ein Mann unserer Tage. Außerdem handelt es sich um eine Liebeserklärung an die Macht des Erzählens, nicht nur da, wo es mottogleich ausgesprochen wird - „Wenn du eine Geschichte erzählen willst, dann tu es mit dem Herzen, ob sie wahr ist oder nicht“ -, sondern auch in den Aufforderungen des kleinen Mädchens, sich doch gefälligst einen besseren Schluss, ein weiteres Abenteuer auszudenken. Baron Münchhausen darf hier wieder der Geschichtenerzähler sein, der er tatsächlich war.

Der Wandel der Nymphen

Der oberste Osmane scheint derweil einen talibanesken Rückfall erlitten zu haben, denn planschten in der Version von 1943 noch haufenweise barbusige Nymphen in seinem Pool, ist heuer auch innerhalb des Harems Vollverschleierung inklusive Gesichtsgardine angesagt. Das aber, so viel sei angedeutet, kommt unserem Heldentrüppchen auf Befreiungsmission wiederum sehr entgegen. Man sehe selbst. Wer sich Weihnachten keine löbliche Fernsehabstinenz auferlegt hat, der ist richtig im Ersten.

Baron Münchhausen läuft am 1. und am 2. Weihnachtstag, jeweils um 17.45 Uhr, im Ersten.

Quelle: F.A.Z.

 
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