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Barbara Sukowa zum Sechzigsten : Diese Härte des Blicks in der Traurigkeit der Augen

Sie war Mieze, Lola, Rosa und Hildegard, wurde zum Star des Neuen Deutschen Films und blieb doch immer Charakterdarstellerin. An diesem Dienstag wird Barbara Sukowa sechzig Jahre alt.

          Ihre Filmkarriere beginnt mit einem Schrei. Es ist der langgezogene, hemmungslose, heulende Schrei, mit dem die von ihrem Freund Franz Biberkopf blutig geschlagene Mieze in Rainer Werner Fassbinders Dreizehnteiler „Berlin Alexanderplatz“ das Ende ihrer Liebe beklagt. Vor diesem Schrei war Barbara Sukowa, die seit den frühen siebziger Jahren mit Talent und Fortüne in Inszenierungen von Luc Bondy, Peter Zadek und anderen auf der Bühne gestanden hatte, eine gefeierte Theaterschauspielerin. Anschließend war sie ein deutscher Star.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Fassbinder habe als Einziger das Kindliche in ihr gesehen, hat Barbara Sukowa später in Interviews erklärt. Das mag sein. Vor allem aber hat sie selbst dieses kindlich Emotionale in sich entdeckt und zum Vorschein gebracht, eine tiefe Schutzlosigkeit und Direktheit, die in dem Jahrzehnt nach der Studentenbewegung gerade nicht besonders hoch angesehen war. Sukowa indessen, in Bremen aufgewachsen und an der Berliner Max-Reinhardt-Schule ausgebildet, hatte nie vor, mit dem Strom zu schwimmen.

          Der Erfolg mit „Berlin Alexanderplatz“ und vor allem, knapp zwei Jahre später, mit Fassbinders „Lola“ war für sie das Sprungbrett in eine künstlerische Unabhängigkeit, der sie seither durch alle Auf- und Abschwünge ihres Berufslebens treu geblieben ist. Anders als ihre bestrumpfte Beine schwingende und Wirtschaftswunderlieder singende Lola hat sich Barbara Sukowa nie an den Meistbietenden verkauft. So ist die Anzahl ihrer Filmrollen kleiner geblieben als bei vergleichbaren Schauspielerinnen ihrer Generation. Zugleich aber verrät fast jeder Part, den sie gespielt hat, einiges über seine Schöpferin. Glanz auf der Bühne oder vor der Kamera müsse in bar bezahlt werden, mit eigener Lebenskraft, hat Barbara Sukowa einmal gesagt. Diese Wechselwirkung zwischen Spiel und Leben sieht man vielen ihrer Figuren an.

          Nicht Männeropfer, sondern Kämpferin

          Auch Sukowas nächste große Rolle nach Mieze hatte mit Schreien, Trauern und Verschweigen zu tun. Für Margarethe von Trotta spielte sie die Terroristin Marianne in „Die bleierne Zeit“, eine Figur, die erklärtermaßen an die reale Gudrun Ensslin angelehnt war. Dennoch gelang es Barbara Sukowa, ihr eine ganz eigene Ausstrahlung zu geben, eine Härte des Blicks und der Gestik, die von Verzweiflung ebenso sprach wie von irregeleiteter Sehnsucht. Mit der „Bleiernen Zeit“ begann eine langjährige Arbeitsbeziehung zwischen Regisseurin und Schauspielerin, die beide mal in größeren, mal in kleineren Abständen immer wieder zusammengebracht hat - zuletzt für „Vision“, Margarethe von Trottas filmische Biographie der Hildegard von Bingen, für die Sukowa erst kürzlich als beste Darstellerin mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

          Die wichtigste gemeinsame Kinoarbeit ist aber nach wie vor „Rosa Luxemburg“, der Film, der in Stil und Story ein Gegenbild zu „Berlin Alexanderplatz“ wie zu zahllosen anderen Melodramen sein sollte - die Frau nicht als Männeropfer, sondern als politische Kämpferin, Rednerin, Denkerin und selbstbewusst Liebende, deren Taten und Leiden der Stoff für Legenden sind. Dass dies alles, trotz eines Darstellerpreises für Barbara Sukowa in Cannes, bei dem deutschen Publikum nicht so gut ankam wie erwartet, steht auf einem anderen Blatt.

          Eine Art Heimkehr

          Anfang der neunziger Jahre lernte Barbara Sukowa den amerikanischen Künstler und Fotografen Robert Longo kennen und zog zu ihm nach New York. Dort lebt sie noch immer, obwohl sie sich, wie sie sagt, aus Überzeugung entschieden hat, nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen. So kommt es, dass sie nach ihren Hauptrollen in Lars von Triers „Europa“ und Volker Schlöndorffs „Homo faber“ nur noch selten in deutschen Produktionen zu sehen war. Ihr erster Auftritt nach langer Pause, als Mutter in Hans Steinbichlers Familiendrama „Hierankl“, gehörte dann aber gleich zu ihren besten. Die elektrische Energie von Steinbichlers Film entsteht ganz wesentlich aus den Blickduellen zwischen Sukowa und Johanna Wokalek, und da zeigte die einstige Ikone des Neuen Deutschen Films, dass sie sich hinter den Schauspieltalenten des heutigen Autorenkinos gewiss nicht zu verstecken braucht.

          Vor zwei Jahren spielte Barbara Sukowa dann die Lena Brücker in Ulla Wagners Verfilmung von Uwe Timms Roman „Die Entdeckung der Currywurst“. Auch das war eine Art Heimkehr: in ein Milieu, das an Fassbinders wichtigste Filme erinnerte, und in die Geschichte einer Elterngeneration, von der sich die Kinder von Achtundsechzig - mit Ausnahme Fassbinders - auf spektakuläre Weise abgekehrt hatten. Mit der Figur der so liebestollen wie -klugen Trümmerfrau Lena entwarf Sukowa ein hinreißendes Pendant zu Hanna Schygullas berühmter Maria Braun: die Frau, die nicht auf ihren Soldatengatten wartet, sondern in einem jungen Deserteur von der Straße ihr Glück findet. Selbst dem bitteren Ende ihrer Romanze gewinnt sie eine praktische Seite ab - als sie vor Traurigkeit das Currypulver ins Tomatenmark fallen läst, erfindet sie die neue Volksnahrung.

          Barbara Sukowa ist auch als Sängerin auf Tournee gegangen, sie hat Schönberg- und Schubert-Lieder eingespielt und mit Robert Longo eine Band gegründet. Für uns aber bleibt sie das Gesicht des deutschen Films, in seiner größten und zweitgrößten, heutigen Zeit. Ein deutscher Star. An diesem Dienstag wird sie sechzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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