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Bambi-Verleihung Die bleiben alle auf dem Teppich

30.11.2007 ·  Hungrige Reporter, hilflose Boxer, muskulöse Hostessen und der Fehltritt einer Schauspielerin, der Sabine Christiansens Kleid zerstörte: Beobachtungen am Rande der Bambi-Verleihung.

Von Matthias Hannemann
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Ein Gang, ein Spalt, ein Blick hindurch, ein leises Schubsen und Kichern. Das ist, so wissen die Bücher: ein Geheimnis zur Vermittlung der reinsten Magie, und die Filmwelt weiß dies erst recht, mit dem Vorhang, mit dem Türspalt, mit dem verstohlenen Blick durchs Schlüsselloch ja ständig spielend. Dreihundertfünfzig Meter lang ist der rote Teppich, den sie, als sei dies ein kurfürstlicher Empfang, in Düsseldorf zur Verleihung des „Bambis“ ausrollen, des ältesten deutschen Medienpreises.

Dreihundertfünfzig Meter!, raunen die Blätter, raunen ganze Wartezimmer bei Ärzten seit Tagen, und so kriecht dem Leser alsbald ein Schauer über den Nacken: Derart bedeutend, dieser Abend? Selbst im Regen stapfen treue Fernsehfans zum Kongresszentrum hinüber, wo zwei Scheinwerfer den Himmel nach Sternen absuchen und schwere Luxuskarossen vorfahren, Star-Gäste wie Gast-Stars, im Blitzlichtgewitter der Fotografen, entlang der pitschnassen Bewunderer der Fest-Gala entgegenhasten.

Ein Fließband der Medienfabrik

Drinnen freilich, nach den ersten fünfzig Metern, kaschieren die dreihundert Restmeter des Teppichs bloß einen überlangen, aber unumgänglichen Messeflur. Er führt von der Garderobe herüber zum Saal, ein Fließband gewissermaßen der scheppernden großen Medienfabrik, auf das sie vorne einige hundert Menschen legen, die immer dann zu Stars bearbeitet werden, wenn eine Kamera zwei Meter überblicken darf.

Alles nur Show? Natürlich, banale Frage. Denn sie funktioniert, den implodierten Einfall der Stadt Düsseldorf, den Rhein als „größten roten Teppich der Welt“ per Künstlerhand zu illuminieren, einmal abgerechnet. Hinter den Stellwänden, beiderseits des Teppichs drücken sich wiederum Zaungäste die Nase platt, Hunderte von Hostessen, dienstmädchenhaft einen Blick durch die Fugen auf den Aufmarsch erhaschend. Und selbst die in feinsten Zwirn gewickelten Gäste werden sich an diesem Abend gelegentlich dabei ertappen, statt auf die Bühne zuweilen auf einen der Monitore zu schauen - weil wahrhaftig erst das ist, was im Fernsehen erscheint.

Hinreißend! Bezaubernd!

Unterwegs, auf einem Treppenabsatz, irgendwo bei Meter einhundertfünzig: Zwei aufgetakelte Boulevard-Journalisten, hinter denen zehn Meter für Fotografen reserviert sind. „Wie war noch mal Ihr Name?“, ruft die eine von ihnen immer wieder, und die andere schreibt den Namen auf. „Ist das Ihre neue Frau, dort? Ach, Ihre ...“, sie läuft rot an, „na dann: Was für ein Kleid, was für ein Parfüm? Hinreißend! Bezaubernd!“.

Die Gäste auf dem Teppich bleiben artig stehen. Sie zuppen ihre Ausschnitte zurecht, als die ersten Kameras aufmerksam werden, sie atmen durch, fahren zu Hochform auf, antworten einige nichtssagende Phrasen und lächeln im Geschrei der Fotografen, unter denen sich die Namen allmählich ebenfalls herumgesprochen haben.

Und schon ist es auf dem roten Teppich wieder still, staut sich der Star-Auflauf für eine Viertelstunde, gänzlich unbeobachtet, sehr entspannend.

Stilvoll und ruhig

Bis eine junge Frau die Namenskärtchen entgegennimmt, die jeder Gast am Eingang erhielt. Zwei Schritte eilt sie nach vorn. Dort steht der Gastgeber des Abends, Hubert Burda. Und der lächelt ein sehr freundliches, ein einnehmendes Lächeln. Liest dezent die Namen, nickt dabei, sucht persönliche Worte zu finden. Und dann sagt er „Herzlich willkommen“, zu jedem einzelnen, mit einem Handschlag. Sehr stilvoll und ruhig, wie fast alles an diesem Abend.

Genau das, sagen die Freunde der Veranstaltung, macht den Unterschied aus zwischen einer „Bambi“-Verleihung und trubeligen Möchtegern-„Events“ wie dem „Deutschen Fernsehpreis“.

Von diesem Streicheltier ganz zu schweigen, das mit seinen fast sechzig Jahren immer größer zu werden scheint. Vier Meter hoch ist das Goldreh im Foyer, um das einige Tänzerinnen und eine Mumie mit nacktem Oberkörper herumschlingen wie in Zeitlupe, begleitet von belanglosen Filmgeigereien.

Muskulöse Hostessen

Alle warten. Johannes B. Kerner etwa sucht nach einem Mikrofon. Weltstar Sophia Loren, die einen „Bambi“ für ihr Lebenswerk entgegennehmen will, rauscht an den Häppchen und Sektkelchen vorbei, um im letzten Winkel der Vorhalle ihre Ruhe zu haben. Einige Schauspieler verwechseln die uniform gekleideten Sportlerinnen der Fußball-Nationalmannschaft fast mit einem Dutzend besonders muskulöser Hostessen.

Wer wirklich wichtig ist wie Hollywood-Star Tom Cruise oder Königin Rania von Jordanien, eine der Hoffnungsträgerinnen für die Zukunft des Nahen Ostens, der kommt erst spät, den kürzesten Weg zu den Gala-Tischen suchend. Es ist dies die beste Überlebensstrategie für einen Abend, bei dem alleine die Fernsehübertragung eine Stunde länger dauern wird als geplant. Denn daran, dass sich diese „Bambi“-Verleihung in die Länge zieht, kann weder der glänzend gelaunte, die Mediengesellschaft genüsslich zerlegende Harald Schmidt als Moderator noch ein pragmatischer Marathon der Ovationen und erst recht der allgegenwärtige Tele-Prompter etwas ändern, der verzweifelt immer mehr an Fahrt aufnimmt, um stoische Langsamredner zu mehr Tempo zu bewegen, oder ein alarmrotes „0:00“ ausstrahlt, wenn die Dankeshymnen kein Ende nehmen.

Keine Wahl für Maske

Vorne, auf der Bühne, hat Boxer Henry Maske keine Wahl: Obwohl soeben für sein „Comeback“ mit einem „Bambi“ belohnt, muss er noch einige Minuten Andrea Bocelli und Sarah Brightman mit „Time to say Goodbye“ erdulden, als hätte er diesen Song nicht längst schon satt. Hinten, wo es keiner mitbekommt, stiehlt man sich für einige Minuten aus dem Saal, um eine Zigarette zu rauchen oder telefonisch festzustellen, dass Düsseldorf nach Mitternacht tatsächlich von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Das hungrige Knurren an allen Tischen ist im Fernsehen glücklicherweise nicht zu hören. Überhaupt: Von draußen, ob nun durch das große Schlüsselloch der Mattscheibe oder aber, mit den Vorspeisetellern in der Hand, durch den Türspalt an den Seiten-Eingängen geschaut, sieht dies alles weiterhin aus wie das glücklichste aller Feste, erst recht nach Mitternacht, als die Live-Übertragung vorüber, das mehrgängige Essen im Anmarsch und Ulrich Wickert auf die Idee verfallen ist, seine Tischgäste mit einem balancierten Teelicht auf dem Scheitel zu unterhalten.

Der Tappser der Frau Landgrebe

Nur die Journalisten, die zwischen den Werbe-Theken der Sponsoren auf das Ende des Dinners warten sollen (und die Veranstaltung bis zum Beginn der „Nacht der Stars“ also ebenfalls fast nur per Monitor erleben), drehen endlos Däumchen, schauen armen Teufeln beim Staubsaugen des roten Teppichs zu, interviewen sich gegenseitig oder geben lästermaulend Geschichten weiter wie jene von der Schauspielerin Gudrun Landgrebe, die auf dem roten Teppich, mit einem Tappser, das Prachtkleid Sabine Christiansens zerfetzte.

Ihr Fluchen soll noch herzhafter geklungen haben als das der Taxifahrer vor der Kongresshalle. Seit Stunden warten sie auf das Ende der Veranstaltung mit ihren 1300 Gästen - und werden auch dann bloß feststellen müssen, dass eine Karawane schwarzer Leihwagen für einen standesgemäßen Abtransport der Gäste bereits vorbereitet worden ist.

Beim „Bambi“ überlassen sie wirklich nichts dem Zufall.

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