28.10.2009 · Bespitzelung und Propaganda: Axel Springer und sein Konzern waren bei der Stasi Chefsache. Der Film „Enteignet Springer!“ schildert die lückenlose Überwachung bis ins engste Umfeld. Vor der Stasi war Springer nackt.
Von Michael HanfeldFür das vom Verlag geplante „Springer-Tribunal“ wäre das eine wunderbare Vorlage gewesen: eine Studie über 330 Seiten, die minutiös darlegt, wie die Stasi den Konzern ausspähte, insbesondere Axel Springer selbst. Bis in sein Vorzimmer reichte der Arm der DDR-Spionage, die keinen Aufwand scheute, den dem SED-Regime gefährlichen Verleger zu durchleuchten und zu diskreditieren.
Beeindruckend ist die Fallsammlung nicht nur ob ihrer minutiös angelegten Opulenz, sie bringt auch die einstigen Widersacher Springers im Westen in Erklärungsnot, zeigt sie doch, wie mannigfaltig die Stasi Einfluss auf die Studentenbewegung und die extreme Linke nahm. Zumal der erst in diesem Frühjahr bekanntgewordene Umstand, dass der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, Agent der Stasi war, gibt der Geschichte eine neue Wendung. Schließlich wurde Ohnesorgs Tod der Kampagnenwut der Springer-Zeitungen zugerechnet. Mit einem Stasi-Agenten als Todesschützen aber brechen die alten ideologischen Fronten und Feindbilder zusammen.
Aus dem „Springer-Tribunal“ ist bekanntlich nichts geworden, nicht aus dem ersten, das die Studentenbewegung Anfang der siebziger Jahre veranstalten wollte, und auch nicht aus dem zweiten, zu dem der Verlag die einstigen Opponenten dieses Jahr vergebens einlud – die Absicht, daraus als Sieger der Geschichte hervorzugehen, war aber auch zu unverkennbar.
Vor der Stasi war Springer nackt
Für den Film, den die ARD am Mittwoch zu diesem Thema zeigt, bildet der Gesellschaftsprotest in der alten Bundesrepublik nur eine von mehreren Folien. Tilman Jens, der Autor von „Bespitzelt Springer!“, stürzt sich vor allem auf die süffigste der Spionagegeschichten, welche Jochen Staadt, Tobias Voigt und Stefan Wolle in ihrer Studie „Feindbild Springer“ (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht) erzählen. Darin geht es um eine Frau, die Jens aus rechtlichen Gründen nicht bei ihrem wahren Namen, sondern „Rosi“ nennt, in der Studie taucht sie als „Marie R.“ auf.
Diese Rose-Marie arbeitete jahrzehntelang in der Zentrale der Springer-Macht, als Chefsekretärin des Verlegers, und führte ein ereignisreiches Doppelleben. Ihre Liaison mit einem Springer-Manager beförderte ihre Karriere im Verlag, die sie in der Beziehung zu dem Stasi-Romeo, der als „IM Gerd“ geführt wurde, zweitverwertete. „Marie R.“, heißt es in der Studie, „lieferte dem Ministerium für Staatssicherheit so ziemlich alles, was in Springers engstem Umfeld von Interesse war: vertrauliche Unternehmensvorgänge, Springers Privatkorrespondenz mit politischen Persönlichkeiten des In- und Auslands, Adresslisten und Telefonnummern, Rededispositionen, Berichte über Wohnsitze, Urlaubsaufenthalte, Terminplanungen und vieles mehr.“ Mit anderen Worten: Vor der Stasi war Springer nackt.
10 Millionen Ostmark für die Propaganda
Umso erstaunlicher ist, dass die Stasi dem Verleger zwar Schaden zufügen, ihn aber nicht erledigen konnte. Auch nicht durch die Einflussnahme auf die Studentenbewegung, deren Impetus sie zwar nicht hervorrief – wie die Studie ebenfalls festhält –, wohl aber für sich nutzte und lenkte. Die Losung „Enteignet Springer“, mit der die Demonstranten in West-Berlin gegen den Verlag zu Felde zogen, war eine des SED-Chefs Walter Ulbricht.
Nutzbar machte die Stasi ihre Erkenntnisse unter anderem in einem zehn Millionen Ostmark teuren Propagandafilm, den Tilman Jens in sein Stück einbaut. In dem DDR-Film wird Springer in jeder erdenklichen Weise verleumdet, mal als Mann mit Nazi-Verbindungen, mal als Homosexueller mit ausgeprägtem Lotterleben.
Dass die Stasi das Propagandastück fütterte, ist einem der Autoren, Harri Czepuck, auch heute nicht peinlich. Tilman Jens holt ihn vor die Kamera: Auf das Stasi-Material über die Finanzierung und die personelle Zusammensetzung des Springer-Konzerns habe man guten Gewissens zurückgreifen können. Für den Stasi-Forscher Jochen Staadt ist die Sache klar: Die Stasi war Spiritus Rector des Drehbuchs.
Der Filmautor Jens versammelt in fünfundvierzig Minuten hochkarätige Gesprächspartner. Der hochbetagte Springer-Vertraute Ernst Cramer schildert, dass man zwar mit Bespitzelung im Verlag, aber dann doch nicht mit einem solch umfassenden Verrat wie dem von „Marie R.“ rechnete – in Springers Büro kam jeder an alles heran. Warum sie den gesamten täglichen Schriftverkehr weitergab, dazu will sich die einstige Sekretärin, die 1987 nicht den Stasi-Romeo, sondern den (inzwischen verstorbenen) Manager im Springer-Verlag ehelichte, dessen Geliebte sie war, heute nicht äußern. 1993 kam sie in Hamburg vor Gericht, das Verfahren gegen sie wurde gegen eine Geldbuße von 8000 Euro vorläufig eingestellt und im Jahr darauf zu den Akten gelegt. Die Fragen von Jens wollte sie nicht beantworten, sie rief den Anwalt. Den einstigen Romeo mit bürgerlichem Namen Gerd Dressler besucht Jens auch. Er finde es „ulkig“, dass der WDR bei ihm auftauche, sagt der einstige Spion und schließt die Tür.
Springer war Chefsache
Die Causa Springer, das zeigt die Studie, und das zeigt der Film, war für die DDR-Führung eine Staatsangelegenheit und für den Stasi-Chef Erich Mielke Chefsache: Er habe es sich nicht nehmen lassen, den Fortgang der operativen Aktionen gegen Springer persönlich zu überwachen, der Mann war schließlich eine Gefahr für den Sozialismus.
Persönlich in Gefahr wiederum brachten die Informationen, die dem Spitzelapparat der DDR zukamen, diejenigen, zu denen Springer Kontakt hielt und für die er sich einsetzte. Für den jungen Nico Hübner zum Beispiel, der den Wehrdienst in der NVA verweigerte, in Haft kam und Ende der siebziger Jahre von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Tilman Jens holt dazu einen ehemaligen Gutachter vor die Kamera, der damals eine vernichtende psychologische Expertise über den Angeklagten verfasste, heute ist der Mann von der Sache zwar augenscheinlich peinlich berührt, will sich aber nicht mehr so genau erinnern, er arbeitet heute wie damals für das Deutsche Rote Kreuz.
Tilman Jens reißt ein paar weitere Episoden der Stasi-Springer-Geschichte an, nennt einige Journalisten, die als IM wirkten, erwähnt den Fall eines Redakteurs, der später zum „Focus“ ging und dann dort aussortiert wurde – in der Studie kann man die Fälle haarklein nachlesen.
Nach dem Tod Benno Ohnesorgs, meint Tilman Jens in seinem Film mit Blick auf die jüngsten Erkenntnisse im Fall Kurras, hätte die Parole nicht, wie damals skandiert, „Mörder Springer“, sondern, den Fakten entsprechend, „exakter ,Mörder Mielke‘“ heißen müssen.
Derlei Zuordnungen sollte man heute – wie Studie und Film es tun – ohne ideologische Aufwallung, ohne hergebrachte Feindbilder und auch ohne „Tribunal“ treffen können, die Erkenntnisse mögen für den einen oder anderen störend sein und nicht zu privat zurechtgelegten Legenden passen, aber sie sprechen für sich. An Springer, meint Tilman Jens, sei die Stasi trotz allem „recht erbärmlich gescheitert“, und das sei „beinahe ein Happy End“. Von vielen Aktionen der Stasi wird man das nicht sagen können.