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Auschwitz-Gedenken in der ARD : Die wahr gewordene Welt eines Albtraums

Dokumentaristen des Grauens: die Alliierten-Kameramänner Sergeant Harry Okaes und Sergeant William Lawrie Bild: MDR/IWM Film

Schrecken mit Hitchcock: Die ARD gedenkt der Befreiung von Auschwitz mit dem herausragenden Dokumentarfilm „Night Will Fall“. Die darin enthaltenen Originalaufnahmen englischer Soldaten sind von erschütternder Direktheit.

          Warum fahren sie nach Auschwitz? Die jungen Leute wissen es nicht alle so genau. Interessant werde es sein, den Horizont erweitern. Und helfen zu verstehen, was geschehen ist. Auch um sich selbst besser zu verstehen, wollen einige dorthin. Angesichts des physischen Orts der Judenvernichtung, der Zeugnisse des industriellen Massenmords, der Entmenschlichung, der perversen medizinischen Experimente, der Brutalität im Einzelnen, der Schicksale von Millionen Menschen, die entmenschlicht wurden und in der Gedenkstätte wieder einen Namen bekommen, spielen die vorab gestellten Fragen nach den Motiven keine Rolle mehr. In Auschwitz verstehe jeder, was der Holocaust bedeutet, was ein Genozid ist, sagt ein Lehrer in der Reportage „Ich fahre nach Auschwitz“, der seine Schüler dorthin begleitet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Bild, das sich am 27. Januar 1945 den sowjetischen Soldaten bot, die Auschwitz erreichten, wussten die Kameraleute, die die Truppe als Kriegsberichterstatter begleiteten, zunächst gar nicht aufzunehmen. Wie sollten sie das unfassbare Grauen am besten dokumentieren? Die Leichenberge, die Krematorien, deren Schornsteine noch rauchten, die wie Geisterwesen erscheinenden Überlebenden. Den britischen Soldaten, die Bergen-Belsen befreiten, und den Amerikanern, die nach Buchenwald und Dachau kamen, ging es nicht anders.

          Sie bezeugten Verbrechen, die so ungeheuerlich waren, dass man Berichte darüber nicht fassen mochte. So hatte etwa die BBC Zweifel an den Schilderungen ihres Reporters Richard Dimbleby aus Bergen-Belsen. „Ich fand mich in der Welt eines Albtraums wieder“, hatte er berichtet. „Tote Körper, manche halb verwest, lagen verstreut auf der Straße und entlang der Bahngleise. Auf jeder Seite der Straße standen braune Holzhütten. Da waren Gesichter an den Fenstern. Die ausgemergelten Gesichter sterbender Frauen, die zu schwach waren, nach draußen zu kommen. Sie drückten ihre Gesichter gegen die Fenster, um das Tageslicht zu sehen, bevor sie starben. Und sie starben, jede Stunde und jede Minute.“

          Verhinderte Aufführung - aus Rücksicht auf Deutschland

          Der Produzent Sidney Bernstein, den die Briten umgehend losschickten, die Verbrechen in den Konzentrationslagern zu dokumentieren, bat die Kameraleute, die im Krieg schon viel Leid gesehen hatten, auch wenn sie davor zurückscheuten, so nah wie möglich ranzugehen. Sie sollten Bilder mit Beweiskraft und für einen Lehrfilm machen, für einen Film, der zeigt, was Menschen Menschen antun können, was geschieht, wenn in Ideologie gegossener Hass den Firnis der Zivilisation zerreißt. An diesem Film hätten sich nicht nur die Deutschen ein Beispiel nehmen sollen, sondern die ganze Welt.

          Im Herbst 1945 war Bernstein mit den Arbeiten fast fertig. Als Berater hatte er den damals schon berühmten Regisseur Alfred Hitchcock hinzugezogen, der lange, ungeschnittene Einstellungen wählte. Er unterlegte den Film mit Landkarten, um allein dadurch zu zeigen, wie unwahrscheinlich es war, dass kaum jemand etwas von dem Massenmord gewusst haben wollte. Die Menschen wussten es. Sie wollten es nicht wissen, nicht sehen, nicht hören, nicht riechen. Als die britischen Soldaten im April 1945 in das Dorf Belsen kamen, waren sie beeindruckt von der scheinbar perfekten Idylle. Doch dieser Geruch? Es war der Gestank Tausender Leichen, die nur einen Steinwurf entfernt verwesten. Gezeigt wurde der Film, der den Namen „German Concentration Camp Survey“ bekam, nie.

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