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Aus der Welt der Webcams Und in Amsterdam fällt ein Glas um

22.08.2010 ·  Alle reden von Streetview. Dabei fotografiert Google nur Straßenzüge. Das Leben in seiner ganzen Pracht zeigen Webcams. Wie viele weltweit installiert sind, lässt sich kaum schätzen. Man weiß demzufolge auch nicht, wann man von einer gefilmt wird und wann nicht.

Von Jörg Albrecht
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Am Strand von St. Peter-Ording ging es vergangene Woche nicht besonders gemütlich zu. Dauerregen und stürmische Böen, man konnte das live verfolgen. St. Peter-Ording hat, wie die meisten Urlaubsorte, eine Webcam. Die zeigte, wie sich die Urlauber inklusive ein paar Kitesurfern gegen den steifen West stemmten.

Ende Januar war das Wetter dort sogar noch ein bisschen unwirtlicher. Auf der Nordsee trieb Eis. Ein 40jähriger Strandspaziergänger wollte den Sonnenuntergang fotografieren und verirrte sich zwischen den Schollen. Das sah eine Frau aus dem Westerwald, die fünfhundert Kilometer entfernt vor ihrem Computer saß. Sie alarmierte die Husumer Polizei, die den Verzweifelten gerade noch rechtzeitig vor dem Erfrieren rettete.

Ist das nicht wunderbar?

An einem Abend im März vor drei Jahren setzte sich der Elektroingenieur Kevin Whitrick in seiner kleinen Wohnung im westenglischen Wellington an den Schreibtisch, loggte sich bei „Paltalk“ ein, begrüßte die anwesenden fünfzig Besucher und kam ohne Umschweife zur Sache. Er werde sich nun umbringen. Whitrick schaltete seine Webcam an, stellte sich auf einen Stuhl und steckte seinen Kopf in eine Schlinge, die vom Deckenbalken hing. Auf dem Bildschirm konnte er Kommentare lesen: „Verdammt, mach endlich weiter.“ Kevin Whitrick sprang. Sein Körper baumelte vor der Kamera. Die meisten Chatter hielten das für einen Scherz. Einer rief den Notruf an. Die Polizei fand den Toten.

Ist das nicht grauenhaft?

Willkommen in der Welt der Webcams. Ein einfaches Exemplar ist heute schon für zwanzig Euro zu haben. Bildschirme von Apple werden gar nicht mehr ohne integrierte Kamera hergestellt. Um sie zu installieren, muss man kein Informatikstudium absolviert haben; das gelingt mühelos jedem Zwölfjährigen. Mit Hilfe von Skype oder ähnlichen Diensten kann man kostenlose Videotelefonate führen. Teure Businessreisen werden in den Zeiten der Krise durch Telekonferenzen ersetzt. Beim „Chatroulette“ kommt das Gesicht eines rein zufällig ausgewählten Gesprächspartners live ins Wohnzimmer. Mit anderen Worten: Wo immer auf der Welt jemand eine Webcam einschaltet, ist theoretisch jeder eingeladen, dabei zu sein.

Das können durchaus ungebetene Gäste sein. Vor kurzem wurde ein Fall in Nordrhein-Westfalen bekannt, wo ein Hacker in die Computer von Schülerinnen eingedrungen war und so manipuliert hatte, dass er die Opfer jederzeit ausspähen konnte. Die wunderten sich irgendwann, dass die Kamera-Kontrollleuchte nicht mehr erlosch. Noch erheblich systematischer wurden Schüler in Lower Merion, einem Vorort von Philadelphia, ausgespäht. Und zwar von ihren eigenen Lehrern. Das Ganze flog erst auf, als ein 15-Jähriger vom Direktor bestellt und mit einem Foto konfrontiert wurde, das ihn daheim vor seinem Mac zeigte. Eine Handvoll Bonbons, die neben der Tastatur lagen, hatten den Verdacht geweckt, er handele mit Drogen. Das FBI ermittelte daraufhin wegen illegalen Lauschangriffs. Auf Festplatten wurden Zehntausende von Bildern gefunden, aufgenommen im Viertelstundentakt. Die verantwortlichen Lehrer wurden an eine andere Schule versetzt, aber juristisch nicht weiter verfolgt. Die Technik der Videoüberwachung gehöre zum modernen Alltag, hieß es im Untersuchungsbericht.

„Das wäre ja wie Big Brother“

Genau so ist es. Mit Webcams lassen sich nicht nur Kinderzimmer oder Hauseingänge ausspionieren, sondern auch Eisbären im Zoo. Entfernungen spielen keine Rolle: Die amerikanische Nasa zeigt Live-Bilder von einer Webcam an der Außenwand der Internationalen Raumstation. Allerdings nur, solange die Besatzung schläft. Während der Arbeit sollen die Datenverbindungen zur Erde frei bleiben. Die Kamera ist zur Erde und ins All gerichtet, Bilder aus der Station zeigt sie nicht. „Das wäre ja wie Big Brother“, sagt eine Sprecherin.

Davon ist die übrige Menschheit nicht mehr allzu weit entfernt. Wie viele Webcams weltweit installiert sind, lässt sich kaum schätzen. Etliche Millionen werden es sein. Man weiß demzufolge auch kaum, wann man von einer gefilmt wird und wann nicht.

„Waschen, Legen, Föhnen – im Web“ nannte der Westdeutsche Rundfunk Anfang des Jahres einen Filmbeitrag, für den der Autor Friseurstuben und andere Geschäfte in Nordrhein-Westfalen besuchte. Weder die Kundin im Pulheimer Frisiersalon, die sich gerade die Locken richten ließ, noch der einsame Gast beim Italiener in Aachen ahnten, dass sie gerade online zu bestaunen waren. „Viele verstoßen massiv gegen das Bundesdatenschutzgesetz“, kommentierte Bettina Gayk, Sprecherin des Landesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit. Im Extremfall seien Bußgelder bis zu 300 000 Euro fällig.

Was darf man überhaupt, und was nicht?

Der in Köln ansässige Taschen-Verlag, der für Kunst- und Erotikbände bekannt ist, schickte monatelang Aufnahmen aus seinen Filialen ins Internet. Auf einigen war deutlich zu erkennen, welches Buch ein Kunde gerade in der Hand hatte. Als Journalisten des Norddeutschen Rundfunks darüber berichteten, wurden die Ladenkameras abgeschaltet. „Für uns war das eigentlich nur eine Spielerei“, sagte eine Verlagssprecherin.

Was darf man überhaupt, und was nicht? Im öffentlichen Raum ist das Filmen mit Webcams eine juristische Gratwanderung. Geschäftskunden beispielsweise müssen per Aushang darauf hingewiesen werden, dass ihre Bilder im Internet veröffentlicht werden. Außerdem muss es einen kamerafreien Bereich geben, in den sie sich zurückziehen können. Die Beschäftigten müssen schriftlich zustimmen, wenn der Chef zu Werbezwecken eine Kamera installieren will.

Draußen auf der Straße sieht das wieder anders aus. Der Nachbar von gegenüber kann jederzeit nachholen, was Google Streetview vorgemacht hat: Er darf mein Haus fotografieren oder filmen. Geregelt ist das in Deutschland nach Paragraph 59 des Urhebergesetzes, der die sogenannte Panoramafreiheit garantiert. Demnach darf man „Werke, die sich bleibend an öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen befinden“, mit Mitteln der Malerei oder Lichtbildnerei vervielfältigen und verbreiten.

Google beruft sich Paragraphen

Ursprünglich bezog sich das nur auf gehobene Architektur oder Kunstwerke. Doch in seinem „Friesenhaus-Urteil“ hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass auch das ungenehmigte Fotografieren eines x-beliebigen fremden Hauses zulässig ist. Es muss nur von einer allgemein zugänglichen Stelle aus geschehen. Auf diesen Paragraphen beruft sich Google jetzt bei seiner flächendeckenden Bestandsaufnahme deutscher Häuserfronten. Man darf zu Aufnahmezwecken allerdings nicht auf eine Leiter steigen, um etwa hinter Mauern zu linsen. Dort gilt nämlich der erst 2004 ins Strafgesetzbuch aufgenommene Paragraph 201a, der die „Verletzung des höchtspersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ verbietet.

Japanische Touristen können also ungestraft nicht nur Schloss Neuschwanstein knipsen, sondern auch jede Mietskaserne. Aber was ist, wenn dabei Personen ins Bild geraten? Wenn sie nur „Beiwerk“ zum abgelichteten Objekt sind, ist auch das statthaft. Anders könnten Deutschlands Städte und Gemeinden auch nicht ihre Rathäuser, Marktplätze oder sonstigen Sehenswürdigkeiten im Internet präsentieren. Denn dann würden sie das individuelle „Recht am eigenen Bild“ verletzen, das wiederum nach Paragraph 22 des Kunsturheberrechtsgesetzes geschützt ist.

Die Technik schreitet fort

Die üblichen Webcam-Übertragungen aus Görlitz an der Neiße oder Alfeld an der Leine bieten deshalb meist einen Blick aus der Vogelperspektive, der mangels Auflösung keine Gesichter erkennen lässt. Doch die Technik schreitet fort. Im High-Definition-Format wird sich das ändern. Kommt eine Software hinzu, mit deren Hilfe man Gesichter erkennen und mit Namen, Adresse, Geburtsdatum und gegebenenfalls bei Facebook dokumentierten persönlichen Vorlieben verbinden kann, ist das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“ des Bürgers wohl ein für allemal in der Tonne gelandet.

Im Vorfeld der geplanten Volkszählung von 1987 haben die Deutschen weit geringere Zumutungen energisch zurückgewiesen. Noch heute hätte Googles Streetview keine Chance, wäre es ein staatliches Projekt. Doch in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich parallel zum Datenschutzgedanken eine zweite Mentalität herausgebildet, für die das Wort Exhibitionismus fast schon eine Untertreibung ist.

Neben der Verbreitung von Informationen dient das Internet vor allem der Selbstdarstellung. Die Webcam war von Anfang an ein willkommenes Mittel. Die erste ihrer Art stand im Flur vor dem sogenannten Trojan Room des alten Rechnerlabors der britischen University of Cambridge und zeigte im Graustufenbild den jeweiligen Füllstand der institutseigenen Kaffeemaschine. Anfangs hatten nur die Mitglieder im lokalen Netz Zugriff; so konnten sie sich manchen vergeblichen Gang sparen. 1991 wurde die Kamera ans Internet angeschlossen. Als die Kaffeemaschine acht Jahre später den Geist aufgab, hatten ihr bereits 2,3 Millionen Besucher bei der Arbeit zugesehen. Nach einer Reparatur durch den Hersteller wurde sie anschließend bei Ebay versteigert; seitdem versieht sie ihre Dienste bei Spiegel online an der Hamburger Brandstwiete.

Das Leben ist zwar phantastisch, aber vor allem phantastisch öde

Der erste Mensch, der sich freiwillig rund um die Uhr vor einem Millionenpublikum im Internet präsentierte, war Jennifer Ringley. Die damals zwanzigjährige Amerikanerin installierte im April 1996 eine Webkamera in ihrer Studentenwohnung. Sieben Jahre lang ließ sie sich bei allen Verrichtungen des Alltags beobachten. Die Adresse www.jennicam.org zog bald Dauerbesucher an, die sich mal in die Protagonistin verliebten, mal boshaft wurden und ihr schließlich Verrat vorwarfen, als sie Bezahlung verlangte. Manche sahen eine ganz neue Form von Authentizität am Werk, andere attackierten Jennifer Ringley als „miese, quotengeile Schlampe“. Dabei nahm sie nur vorweg, was später zahllose Container-Shows im Fernsehen boten.

Jennifer Ringley lebt heute als Webdesignerin mehr oder weniger anonym in Kalifornien. Die Zahl ihrer Nachahmer ist Legende. Blendet man notorischen Schmuddelkram aus, bleiben immer noch unfassbar viele Menschen, die ihren Vorgartenzwerg, ihr unaufgeräumtes Schlafzimmer oder sich selbst samt Freunden und Bekannten ohne jeden Zwang bloßstellen. Internetportale wie ww.com leben davon. „How you use the site is up to your imagination“, heißt es in den Geschäftsbedingungen, „as long as its legal, were fine with it“.

Wer sich mal ein paar Tage lang in diese Welt begibt, kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass das Leben zwar phantastisch, aber vor allem phantastisch öde ist. Eine Melancholie des banalen Nichts durchzieht die traurige Gesellschaft von Big Brother. Nach einer Woche Dauerbeobachtung bleibt als aufregendster Moment der, in dem in einem Amsterdamer Waschsalon ein Glas vom Automaten fiel. Danach gebückt hat sich niemand. Die hier gezeigten Webcams und andere mehr finden Sie unter www.faz.net/webcams.

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Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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