21.09.2009 · Sie haben unsere Welt programmiert: Nerds blieben bislang am liebsten unter sich und waren beinahe unsichtbar. Doch mit dem Aufstieg der Piratenpartei betreten sie nun auf einmal die Welt der Politik. Was hat das zu bedeuten?
Von Frank SchirrmacherRichtlinien für Lesermeinungen
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Sehr geehrter Herr Schirrmacher, ...
... bei Julia Seeligers Artikel in der taz handelt es sich nun wirklich nicht um eine "kluge Analyse" sondern um eine rein tendenziöse Polemik mit der klaren Intention, einen gefährlichen, direkten Konkurrenten der Grünen zu diskreditieren.
Der bislang einzig gehaltvolle sachliche Beitrag zur Piratenpartei findet sich im Handelsblatt.
Gerade eine Podiumsdiskussion zwischen Volker Beck (GRÜNE) und J. Seipenbusch (PP) angeschaut, um nicht zu sagen: erlebt. Dauervorwurf von Beck: Ihr liefert keine Antworten: Wie wollt ihr das Urheberrecht reformieren, wie soll euer neues Patentrecht im Detail aussehen usw. (Abgesehen vom lustvollen Schwingen der alten Nazikeule wg. Interview mit der "Jungen Freiheit")
Die Antwort von Herrn Seipenbusch war so richtig wie prägnant. Sinngemäß: Wir haben in diesem Moment vielleicht noch keine Antwort, die durchdacht und geplant inenerparteilich homogen mitgetragen wird. Aber wir wollen anfangen, die richtigen Fragen zu stellen.
Genau da sehe ich sowohl eine erfrischende Ehrlichkeit als auch einen angemessenen Respekt vor den Herausforderungen, die auf uns zukommen. Die Wissensgesellschaft wird nicht von heute auf morgen gebaut. Aber es ist doch ein respektabler Anfang, sich überhaupt zu fragen, ob man dorthin will - und dann, wie es gemacht werden könnte.
Als 20jähriger angehender Student werde ich nicht nur für die PP stimmen, sondern fühle mich in ihrem intellektuell offenem Klima sowie der tollen Streitkultur so wohl, dass ich noch diese Woche meinen Mitgliedsantrag ausfüllen und abschicken werde.
Ahoi..!
hat die 'Nerds' für sich entdeckt und entdeckt sie leicht euphorisch nun auch seinen Lesern. Das ist im übrigen zu begrüßen.
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Vielleicht muß man zwei Ebenen der Wahrnehmung dabei unterscheiden: da ist einmal das breite Spektrum an Akteuren und Aktivitäten, die unter die Begrifflichkeit von den 'Nerds' fallen. Das reicht im Zweifel vom vorschulischen PC-Bastler bis zu den wissenschaftlichen Anwendungsprogrammierern und der Erforschung von DNA- und Quantencomputern.
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Das andere ist die Prozeßhaftigkeit, die hinter dieser Entwicklung hervorscheint. Die Computerisierung der Welt ist ja kein bislang unentdecktes Phänomen; von ihr ist schon länger die Rede. Gleichwohl scheint sie im Mainstream-Bewußtsein noch nicht so recht angekommen. Erst recht nicht, was sich für die verschiedensten Bereiche der Evolution durch sie für Konsequenzen ergeben, zum Beispiel im Zusammenwirken mit den Biowissenschaften. Das ist das eigentliche politische Thema, das die Weltgesellschaft verändern wird.
(Forts.)
natürlich auch denjenigen, die Schirrmacher als „nerds“ bezeichnet, aber ebenso (und nicht zu knapp) aus jungen und jüngsten Wählern (und Noch-nicht-Wahlberechtigten), die, folgt man ihren Postings, sich wenig oder kaum für das Programm interessieren; ferner einer großen Zahl von Enttäuschten und Frustrierten, die jede halbwegs erfolgversprechende Alternative zu den etablierten Parteien unterstützen; und nicht zuletzt einer schwer einzuschätzenden Zahl Rechter, die den radikalen Freiheitsbegriff der Piraten für sich nutzbar machen wollen.
Aus diesem Sammelsurium eine „neue politische Intelligenz“ herauszulesen ist Blödsinn.
Selbst wenn es diese gäbe und sie so wäre, wie Schirrmacher sie beschreibt: Was für ein Instrument soll denn bitteschön mathematische Logik in der Politik sein? Das Zusammenleben der Menschen in einem demokratischen Staat läßt sich nicht nach logischen Gesetzmäßigkeiten gestalten, sondern nur durch den Austausch und die Konsensbildung über die ihr zugrundliegenden Werte und Normen. Eine politische Strömung, die bestrebt ist, den demokratischen Diskurs durch vermeintlich objektive Kriterien zu ersetzen, denen sich alle zu unterwerfen haben, macht mir jedenfalls mehr Angst als irgendwelche Netzsperren.
Erstens ist „nerd“ ein völlig schwammiger Begriff, der alle von Schirrmacher selbst über den Comicsammler bis zum Programmierer bezeichnen kann. Es gibt keine einheitliche „nerd“-Bewegung.
Zweitens gibt auch keine Internet-„Gemeinschaft“: „das“ Internet sind alle, die es nutzen, von den Mitgliedern des Chaos Computer Clubs bis zu Ursula von der Leyen, die mal nachschauen will, ob ihre Netzsperren funktionieren.
Was es gibt, ist eine Partei, die mit einem kruden, disparaten Programm und einem ungewöhnlichen Namen ein gewisses Mass an Aufsehen erregt hat. Aber auch wenn es zutrifft, dass die Wurzeln der Piratenpartei im internetaffinen Kontext liegen, so ist die Partei auch im Netz nach wie vor umstritten. Ihre Anhängerschaft hingegen, urteilt man nach den Diskussionen auf ihrer Homepage und in den zahlreichen Foren, setzt sich aus verschiedensten Gruppierungen zusammen:
(1) Laut Parteiprogramm (S. 18) ist es Ziel, Privatpersonen ohne kommerzielle Interessen Nutzung und Kopie von Werken uneingeschränkt zu ermöglichen. Etwa im Falle von Büchern bedeutet das für alle Autoren, die noch keine "alternativen Geschäftsmodelle" entwickelt haben: Die privaten Leser ihrer Bücher oder Artikel fallen als Käufer weg; die einzigen, die noch bezahlen müssten, sind Bibliotheken, also ausgerechnet diejenigen öffentlich geförderten Institutionen, die bisher Mittellosen den Zugang zu Wissen ermöglicht haben (und die nach der Änderung wohl ihre Funktion als Archive behalten würden). Ich halte das für eine extreme Relativierung der Idee des geistigen Eigentums mit völlig inakzeptablen Folgen.
(2) Remixes: Wenn jemand ein triviales Remix (z.B. Weglassen des Tons) als eigenes Kunstwerk ausgeben will, kann er mit dem ursprünglichen Urheber in Kontakt treten und verhandeln. Bei nicht-trivialen Remixes gibt es sicher Grenzfälle, die man im Laufe der Zeit durch Verfeinerung der Rechtsprechung klären muß. Ein paar Seiten Parteiprogramm mit ein paar pauschalen Ideen genügen da nicht.
(3) Geschäftsmodelle: Urheber können schon jetzt Lizenzen vergeben und ihre Geschäftsmodell wählen. Warum soll man das für alle erzwingen?
@Mandy Zwickau (mandy.zwickau): Jeder Mensch hat das Recht zu wissen
Sehe ich absolut auch so. Möchte nicht auf einem Haufen Geld dumm sterben.
Ich habe 1998 Schröder gewählt, 2002 und 2005 Schwarz-Gelb. Heute bin ich in der Piratenpartei.
Ich vertrete hier bei FAZ konservative Meinungen, dennoch habe ich kein Problem damit zu bekennen, dass ich in fast allen Punkten mit der Piratenpartei übereinstimme, denn was die CDU/CSU heute verkauft ist keine konservative Politik, sondern meiner Meinung nach schlicht gefährlich für unser Land, wenn es um die Freiheit der Meinungsäußerung, die Freiheit des Internets und unser aller Offline Freiheit geht.
Ach ja, Schirrmacher habe ich auch schon kritisiert, damals bei seiner meiner Meinung nach immer noch unverständlichen Kritik an Martin Walser.
Entscheidend ist, dass die Intellektuellen der jungen Generation erkennen, dass das fasthalten am alten Links-Rechts-Schema nur dem Machterhalt durch einen Scheinwahlkampf dient. Sie haben das Spiel durchschaut, das dazu dient den Muff der letzten 30 Jahre aufrecht zu erhalten. Diese Generation will nicht einfach am Althergebrachten festhalten, sondern Neues schaffen und den Stillstand in diesem Land aufbrechen, den die alten Links-Rechts-Kämpfer als Basis ihres Machterhalts benötigen, da sie sonst von Veränderungen aus den Ämtern gedrängt werden könnten.
Frank Schirrmacher beklagt, daß seinen Artikeln früher etwas fehlte.
Das war gut so und es wäre auch jetzt noch gut. Wenn er sich des Themas der Nerds/Quants und ihrer Besonderheiten annimmt, wird deutlich, daß sie, die Zusammenhänge, die Geschichten dazu eher oberflächlich behandelt werden und etliche Fehler sich einschleichen, wovon der ein und andere in den Vorkommentaren benannt werden. Sehr häufig ist festzustellen, daß stets dann, wenn das Feuilleton sich "harter" Themen auf unnachahmliche Art annimmt, das Ergebnis irgendwie mißglückt - mal auf die eine (Hanfeld hängte kürzlich Persönliches ins Geäst der Guttemberg-Tanne) oder andere (Geyer lebt vor einigen Wochen Linkes feuilletonistisch aus) oder eben auf diese Weise. Aber es hat auch etwas, das Scheitern bei derartigen Gelegenheiten erleben zu können. Ganz umsonst war es also nicht.
Ein bemerkenswerter Kommentar des FAZ-Herausgebers. Er hat in der Tat recht, mit dem Internet ist eine Revolution im Gange, wie sie die Menschheit noch nicht erlebt hat. Bücher wie das "Cluetrain Manifesto", Surowieckis "Wisdom of the Crowds" oder Michael Maiers "Die ersten Tage der Zukunft" haben die theoretischen Grundlagen geliefert. Es bleibt abzuwarten, ob sich die traditionellen Eliten dem Zug der Zeit anschließen oder aber in Abwehrhaltung verharren, wie leider die meisten Medien. Herr Schirrmacher bildet, wieder einmal, eine Ausnahme zum Mainstream.
Sechs Tage vor der Bundestagswahl stehen schwarz-gelb und rot-rot-grün ziemlich pari.
Frage: Aus welchen Lager werden sich denn - falls die Nerd-Eloge im Leitmedium etwaige Parteipräferenzen und Wahlabsichten ändert - potentielle "Piraten"-Wähler rekrutieren?
Aus dem "bürgerlichen" doch wohl eher nicht...
Teile (die Stimmen des "linken" Lagers) und herrsche...
21. September 2009 12:11
Was hat Herr Schirrmacher in diesem Zusammenhang bloß...
Klaus P. Lücke (microplan2002)
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Danke, Herr Lücke, 100 % pro.
Was hat Herr Schirrmacher in diesem Zusammenhang bloß
... gegen die 'Quants' ("Eine besonders gefährliche Gruppe sind die quants, die quantitativen Analysten; sie schrieben die Software für die Finanzprodukte, die die Katastrophe brachten") ?? Unsinn!! Erstmal haben die 'Quants', außer dass sie - wie viele andere auch - 'programmieren', nur wenig mit den zitierten 'Nerds' zu tun. Quants sind Anwendungsprogrammierer, die Programmierung ist nur Werkzeug zur benutzerfreundlichen Umsetzung finanzmathematischer und statistischer Methoden. Die Ansätze der 'Nerds' (eher Systemprogrmamierer) sind andere. Weiterhin hat die 'Programmierung' finanztechnischer Produkte nicht die 'Katastrophe' gebracht. Die dafür Verantwortlichen - wenn man diese überhaupt konkret benennen kann - sitzen im Management der Finanzinstitute; oder auch in den Zentralbanken (denn diese haben das künstliche Geldmengenwachstum, das durch das Auflegen der Finanzprodukte erzeugt wurde, ohne Zögern zugelassen), oder in der Politik, die ja gerade in wirtschaftsliberaler Manier die institutionellen, rechtlichen und regulatorischen Voraussetzungen für die 'Finanzblase' geschaffen hat. Quants für die Finanzkrise verantwortlich zu machen ist dasselbe, als ob man die Autobauer für eine Massenkarambolage bestrafen würde ...
Piraten? Diesmal noch nicht...
Auch ich habe nun Bekanntschaft mit einem Piratenstand gemacht. Auf Fragen zum sozialen wurden sinnvolle Antworten ohne große Umschweife und Hinterlistigkeit gegeben. In den Gesichtern der 3 Stand- Betreuer lag Ernsthaftigkeit - und vor allem, was mir bei anderen Parteien fehlt - Zuversicht und Ehrlichkeit. Fragen zur Politik stellte ich keine, da ich die Piraten (noch) nicht wählen werden.
Die Piraten sind nicht länger nur eine Gruppierung die vor PCs sitzt, sondern ein riesiger "Zusammenhalt" aus vielen Personen, die etwas verändern wollen. Sollte es ihnen nun noch gelingen, auch in allen anderen Bereichen der Politik zu agieren und damit umzugehen, steht ihnen die Tür in den Bundestag weit offen.
Sie haben meiner Meinung nach die meisten Sympathien in der Bevölkerung. Jedoch werden sie aufgrund fehlender Erfahrung im Umgang mit der Politik wohl noch nicht gewählt.
Doch lasst sie die nächsten vier Jahre Öffentlichkeitsarbeit machen und Bücher über Politik lesen und wir haben zur nächsten Bundestagswahl eine große Stimmenanzahl für die Piraten. Darauf freue ich mich!
Wer tagtäglich mit Strukturierung, Aufgaben- und Problemanalyse und der Umsetzung in logische Anweisungen zu tun hat, wird wenig Verständnis für den derzeitigen Politbetrieb aufbringen, dessen Entscheidungen und Handlungen mehr von politischem Kalkül als von Logik geprägt sind.
Diese "Nerds" sind es gewohnt, in Kategorien wie "Aktion und Wirkung" zu denken, sie legen einen Pragmatismus an den Tag, den ich mir von der "etablierten" Polit-Industrie auch wünschen würde - eine Politikerkaste, die bereits seit längerem in einer Parallelwelt lebt, die den Bezug zur Wirklichkeit weitgehend verloren hat und in derselben wohl kaum lebensfähig wäre.
Es melden sich nun endlich diejenigen zu Wort, die's letztendlich tun anstatt nur darüber zu reden.
Ja, das habe ich gesehen. Die wesentliche Forderung ist, daß Bildung für alle zugänglich und "frei" (wie man sich dort ausdrückt) sein muß. Das ist schön, aber so oberflächlich, daß ich es nicht als programmatische Leistung anerkennen kann. Im übrigen stellen LINKE und SPD dieselbe Forderung auch -- die tun das allerdings mit viel mehr Details und auch wesentlich genaueren Angaben zur Finanzierung.
Die Jugend sieht die Politik nunmal anders.
Guter Beitrag soweit wie ich finde. Da ich selber Jung bin und ich mich selbst nicht durch die Parteien so vertreten fühle wie ich es gerne hätte noch kurz eine spannende Umfrage aus dem StudiVz, in dem nunmal viele 1000de junger Menschen zuhause sind: Dort ist auch eine Sonntagsumfrage gestartet und diese Jungen menschen würden momentan: (Stand: 21.09.2009 um 10:46) so wählen:
22,5% CDU
17,78 Piraten
16,6% SPD
14,4% FDP
11,07% Grünen
9,28 Linke
8,34 Sonstige
Und bei dieser Umfrage fühle ich mich gut vertreten. Denn wie ich finde: Frau Merkel ist gut, deshalb CDU und die Piraten als zweite Partei weil Sie einen anderen Blick haben auf die Dinge, wie die alteingesessenen Politiker alle jenseits von 40 oder 50! Ich als Junger Mensch werde in der Politik nicht genug berücksichtigt. Ich soll meine Rente selbst bezahlen durch Riester, habe vom Gehalt Abzüge wie nie und soll dafür sorgen, dass sich die demographische Pyramiede umdreht und wieder mehr Junge für die älteren Arbeiten bzw. sich später dann um mich kümmern? Da frage ich mich: warum gebe ich denn knapp 50% meines Geldes an Steuern und Sozialversicherungen ab? Vielleicht ändert sich mal was mit dieser "Nerd Revolution" zum guten für mich.... der selbst in der IT arbeitet...
"Es gibt Fragen, über die der Bundestag regelmäßig entscheiden muß, ob er will oder nicht, z.B. der Haushalt und die Gesundheitsreform. Es gibt außerdem Bündnisse wie NATO und UN, die Regierung und Parlament auf bestimmte Handlungsweisen festlegen. "
Und die Abgeordneten der etablierten Parteien sind dazu in der Lage? Oder nicken die nur Gesetzesvorlagen ab?
Es war auch schon vor 30 Jahren alles frei.
Man musste nur in eine Bibliothek gehen und bekam alle Bücher für lau, 0,00 Euro ausgeliehen und konnte sie entweder direkt lesen, ohne zu zahlen, oder kopieren, was damals illegal war.
Die Rücker der intellektuellen Durchdringung
Der Artikel ist ja ganz nett aber der Kern der Sacht ist doch simpler.
Menschen die sich zu den Piraten hingezogen fühlen sind das intellektuelle Rückrad unsere Industriegesellschaft. Und dieses Rückrad ist es einfach leid von korrupten Dilettanten und Geisterfahrern in Politik und Management fremdbestimmt zu werden.