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„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ bei Arte : Der ganze Proust in einem Film?

Die zarteste Versuchung: Leider spielt Micha Lescot Prousts jungen Mann so biedermeierhaft, dass dessen Annäherung an die angebetete Albertine (Caroline Tillette) unfreiwillig komisch wirkt Bild: Jacques Morell/Arte

Sie wagt das Unmögliche und scheitert : Nina Companées alles andere als opulente Verfilmung von Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gerät zum Puppentheater.

          Über allen Bemühungen, Marcel Prousts berühmten Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu verfilmen, liegt der Schatten des Werks selbst. Im letzten der sieben Bände, der die Handlung bis in die Zeit um den Ersten Weltkrieg vorantreibt (und damit in die erste Blütezeit des Kinos), liest man: „Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Verbindung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben - eine Verbindung, die bei einer einfachen kinematographischen Wiedergabe verlorengeht, je mehr sie sich auf sie zu beschränken vorgibt - eine einzigartige Verbindung, die der Schriftsteller wiederfinden muss, um für immer in einem Satz die beiden verschiedenen Glieder miteinander zu verketten.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Man kann diesen Kernsatz zum Prinzip von Prousts Schreiben auch kürzer fassen: Film muss sich als eine eigene irreale Kunstform bewähren, denn die Kunst der Wirklichkeitsschilderung leistet Literatur besser. Eine Verfilmung seines Romans wäre Proust ein Graus gewesen. Dennoch gab es namhafte Versuche; die bekanntesten sind Volker Schlöndorffs „Eine Liebe von Swann“ (1984), „Die wiedergefundene Zeit“ von Raoul Ruiz (1999) und Chantal Akermans „Die Gefangene“ (2000). Sie alle fanden opulente Bilder und einen speziellen Fokus, weil sie sich jeweils auf nur einen Teil des Zyklus beschränkten.

          Arhythmien des Herzens

          Nina Companéez, eine französische Regieveteranin, aber hat nun das Unmögliche gewagt und geht aufs Ganze: Sie hat für Arte die komplette „Suche nach der verlorenen Zeit“ verfilmt. Wirklich die ganze? Nein, ausgerechnet „Unterwegs zu Swann“, der als Auftaktband die meisten Leser gefunden und mit „Eine Liebe Swanns“ auch das zugänglichste, weil in sich abgeschlossene Teilstück des Riesenwerks zu bieten hat, bleibt in der zweiteiligen, zusammen immerhin fast vierstündigen Fernsehproduktion außen vor. Nur gelegentlich sind Erinnerungssprengsel aus dem ersten Buch in die Handlung integriert - die Madeleine-Szene natürlich, die erste Begegnung des Erzählers mit Gilberte, das Warten auf den Gutenachtkuss der Mutter, die Kirche von Combray -, aber Nina Companéez hat ihr Filmkonstrukt bewusst ohne Unterbau errichtet, um sich den gravierenden Zeitsprung vom kindlichen zum erwachsenen Erzähler zu sparen.

          „Was wir Wirklichkeit nennen“: Der junge Mann (Micha Lescot, li.) freundet sich mit dem angesehenen Maler Elstir (Jean-Claude Drouot, re.) an
          „Was wir Wirklichkeit nennen“: Der junge Mann (Micha Lescot, li.) freundet sich mit dem angesehenen Maler Elstir (Jean-Claude Drouot, re.) an : Bild: Jacques Morell/Arte

          Somit ist, wenn heute Abend beide Teile nacheinander bis nach Mitternacht auf Arte in deutscher Synchronfassung (die sich eng an der von Luzius Keller revidierten klassischen Übersetzung durch Eva Rechel-Mertens orientiert) laufen, von Beginn an schon alles bereitet für die Fokussierung dieser Adaption: die Liebe des Erzählers zu Albertine. Sie war auch der Gegenstand von Akermans Film, aber die belgische Regisseurin versetzte Prousts Figuren in das gegenwärtige Paris. Companéez bleibt konsequent im Zeitgefüge des Romans, und die Titel des jeweils gerade erreichten Teils dienen als Kapiteleinteilungen des Mammutfilms - wobei sich die Regisseurin den Spaß erlaubt, den zweiten Teil mit „Les Intermittences du coeur“ (Arhythmien des Herzens) beginnen zu lassen, einer bloßen Zwischenüberschrift im Teilband „Sodom und Gomorrha“, die aber ursprünglich der Titel des Gesamtwerks hätte werden sollen.

          Flucht in die Künstlichkeit

          Mit der Reise in den fiktiven Nordseebadeort Balbec, wo sich die beiden jungen Leute kennenlernen werden, hebt also alles an. Doch schon die ersten Blicke auf das Grandhotel erweisen, dass diese Fernsehverfilmung ihren Kinovorläufern in einem Punkt nicht folgen wird: der Opulenz. Die Herausforderung durch die große Leinwand fehlt. Keine Spur von der Eleganz der Belle Époque, weitgehend unbewegt bleibt die Kamera, streng kadriert werden die Akteure eingefangen, und nur bisweilen gibt es einen Schnitt ganz nahe an ihre Augen heran - Prousts Roman ist hier nicht mehr Gesellschaftsporträt, sondern Kammerspiel, und für eine gewisse Zeit darf diese Kargheit sogar unser Interesse beanspruchen, weil dadurch der Text in den Mittelpunkt tritt, den Nina Companéez, die auch die Adaption besorgte, geschickt auf Erzählstimme und Dialoge verteilt hat.

          Aber irgendwann im Lauf des Abends gerät das Ganze zum Puppentheater, was nicht zuletzt am affektierten Spiel der zahlreichen Darsteller liegt. Die Flucht in die Künstlichkeit, die in den Vorspannen zu beiden Teilen des Films dadurch vorbereitet wird, dass man den Akteuren bei der Kostümprobe zusieht (ein Trick, den Ariane Mnouchkine in ihrem Théâtre du Soleil vorgemacht hat), ermüdet, wenn die Manier zur Masche wird. Companéez hat zwar eine beachtenswerte Auswahl französischer Schauspieler für ihren Proust-Film gewonnen, darunter mit Dominique Blanc als Madame Verdurin und Didier Sandre als Baron Charlus auch hochdekorierte. Aber wieder einmal, wie schon bei Ruiz und - aus anderen Gründen - mit Jeremy Irons als Swann bei Schlöndorff, scheitert die Besetzung der Hauptrolle. Micha Lescot gefällt sich allein in der Anverwandlung an das auf Fotos dokumentierte Aussehen Prousts durch alle Lebensstufen, hat aber zusätzlich das Unglück, in Momenten des Lächelns wie der geschminkte Michael Jackson, in Momenten der Ernsthaftigkeit wie der indische Filmstar Shahrukh Khan auszusehen. Das verhindert jedes Eintauchen in Prousts Welt.

          Wem es also nach verlorener Zeit gelüstet, der bekommt heute Abend bei Arte einiges geboten. Allerdings nicht im Sinne Prousts.

          Auf der Suche nach der verlorenen Zeit läuft um 20.15 Uhr (Teil 1) und 22.10 Uhr (Teil 2) auf Arte.

          Quelle: F.A.Z.

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