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Veröffentlicht: 28.06.2015, 13:40 Uhr

Artikel im Einzelverkauf Wie Apple und Facebook den Journalismus filetieren

Apple und Facebook wollen mit neuen Diensten die Regie über den Nachrichtenmarkt übernehmen. Den Zeitungen bleibt die Zulieferung einzelner Artikel. Über Auswahl und Präsentation entscheiden intransparente Algorithmen.

von Adrian Lobe
© AP Immer hübsch lächeln: Susan Prescott von Apple stellt die neue News App vor

Wenn Apple ein Produkt vorstellt, ist das wie eine Zauber-Show: Gebannt schaut die Welt darauf, welche technische Errungenschaft der Konzern aus dem Hut zaubert. Als Apple auf seiner Entwicklerkonferenz ankündigte, eine personalisierbare News-App anzubieten, horchten die Verlage auf: Yahoo News, Google News, jetzt auch Apple News – was hat das zu bedeuten?

Die Apple-Ankündigung sei für Verlage eine der wichtigsten seit Jahren, sagte Joshua Benton vom Nieman Journalism Lab. „Binnen zwei Stunden vernichtete Apple sein bisheriges Zuhause für News-Apps auf dem iPhone und iPads.“ Bei Apple News sollen Beiträge aufs schönste präsentiert werden – mit Bildern, Bildergalerien, mit Audios, Videos, Karten und Animationen. Das Design ist schlicht, so wie man das von Apple gewohnt ist. Mit der Sammlung journalistischer Beiträge sollen Apple-Kunden Nachrichten direkt auf ihr Gerät erhalten. Fast zwanzig Medienhäuser sind zum Start dabei, darunter „New York Times“, Condé Nast, CNN und der „Economist“.

Das Steve-Jobs-Moment des Journalismus

Das Modell erinnert stark an Facebooks „Instant Articles“. Der Nutzer gelangt ohne den Umweg einer Nachrichtenseite zu den Texten. „Wir werden nicht mehr loyal gegenüber einem Nachrichten-Anbieter sein, sondern eher loyal zu Orten, die uns Nachrichten mit den Produkten, die wir mögen, liefern“, schrieb Matt Galligan, Mit-Gründer der News-App „Circa“, auf dem Portal „Medium“. Ihm selbst hat das kein Glück gebracht: Das Start-up hat kein Geld mehr, der Dienst ist bis auf weiteres eingestellt.

„Nachrichten folgen der Musik“ heißt es bei „Medium“. Gemeint ist die Umwälzung der Musikindustrie 1999. Damals bot die Tauschbörse Napster Musikdateien über das Internet an. Dagegen gab es Klagen, im Sommer 2001 ordnete ein Richter an, den Dienst vom Netz zu nehmen. 2002 meldete Napster Insolvenz an. Die Musikindustrie tat sich in der Folge schwer, Vertriebsmodelle im Netz zu finden – bis Steve Jobs mit iTunes auf den Plan trat. Das Nachrichtengeschäft befinde sich heute in einer ähnlichen Lage, so der Analogieschluss. Hat der Journalismus sein Steve-Jobs-Moment?

Apples Spiel

Ken Doctor, Medienexperte beim Nieman Journalism Lab, sagt im Gespräch mit der F.A.Z.: „Musik wurde per Download verkauft, und das veränderte das Musikgeschäft nachhaltig. Für Zeitungen ist das nun ein bedeutender Test. Sie müssen ausloten, wie viel Inhalt sie anbieten wollen und ob sie in der Lage sein werden, diesen durch Anzeige refinanzieren können.“ Apple lockt: Wenn Verlage die Anzeigen neben ihren Stücken auf Apple News selbst verkaufen, dürfen sie die Werbeeinnahmen behalten. Übernimmt Apple die Vermarktung, springen für die Medien siebzig Prozent der Anzeigenerlöse heraus.

Die Vorstellung, dass Nutzer in einer Art iTunes für Zeitungen Artikel wie Musiktitel konsumieren, hat Charme. Doch es ist ein zweischneidiges Schwert. Die Verlage begeben sich in vollständige Abhängigkeit. Und ist es Apples Spiel, bleibt es Apples Spiel.

Mit den neuen Diensten von Facebook und Apple verschwindet die Gatekeeper-Funktion der Medien. Zwar stammen die Artikel von Journalisten. Doch welche Inhalte angezeigt werden, entscheiden häufig Algorithmen. Und Facebook bestimmt ganz selbstverständlich, welche Inhalte bei dem Netzwerk laufen und welche nicht. Das bestätigte der Chief Product Officer Chris Cox gerade erst in einem Interview – was den „Community Standards“ widerspricht, fliegt raus. Was für Standards sind das? Facebook ist wiederholt durch Zensur aufgefallen. 2012 wurde ein Cartoon des „New Yorker“ zensiert, der die Brustwarzen einer Frau abbildete. In Russland verbannte Facebook ein Foto eines sich küssenden homosexuellen Paars. In der Türkei blockierte Facebook nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ eine Seite, die Bilder Mohammeds zeigte.

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„In der Bestimmung dessen, wer reden und auf dem Globus gehört werden kann, hat Facebook mehr Macht als jedes Verfassungsgericht, jeder König oder Präsident“, sagte der amerikanische Rechtsprofessor Jeffrey Rosen. Facebook verbürgt sich nicht für die Meinungsfreiheit, sondern für Profit. Auch Apple hat schon Anwendungen mit erotischen, religiösen oder satirischen Inhalten verschwinden lassen. So wurde die App „Obama Trampoline“, die verschiedene Größen der amerikanischen Politik auf einem Trampolin im Oval Office springen ließ, kurzerhand gelöscht. Eine App mit Karikaturen des Zeichners Mark Fiore lehnte Apple unter dem Hinweis ab, sie gäben Personen der Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preis. Apple zensiert und bestimmt – vollkommen intransparent –, was moralisch vertretbar sein soll.

Apple heuert nun auch selbst Journalisten an. Die werden sich auf die allein auf Opportunität gründende inhaltliche Linie einstellen müssen. Facebook hat 1,4 Milliarden Nutzer, Apple hat 800 Millionen Endgeräte an den Mann gebracht: Das Silicon Valley beliefert die Welt mit Nachrichten. „Die Tech-Konzerne wissen, dass dreißig bis vierzig Prozent ihres Traffics auf Nachrichten beruhen“, sagt der Medienanalyst Ken Doctor. „Sie wollen ein integrierte Schaltstelle für ihre Nutzer schaffen.“ Über die laufen dann freilich nur „Nachrichten“, die den Konzernen ins Geschäft passen. Die Entwicklung, die sich mit Apple News abzeichnet, ist klar: Es geht um individualisierte Applikationen, zu denen liefern Presse-Verlage das Rohmaterial. Sie sind Zulieferer, und dies vielleicht nur für den Übergang – bis die Konzerne alles in eigener Regie machen.

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