12.01.2010 · Arte hat ein neues Programm, das sich an deutschen Sehgewohnheiten orientiert. Deshalb gibt es dort Filme zu sehen, die man bei einem Kultursendler nicht unbedingt erwartet hätte - und die besser woanders liefen.
Von Michael HanfeldEs war einmal ein deutsch-französischer Kultursender. Der hieß Arte und beruhte auf einem Gentlemen's Agreement zwischen zwei Staatsmännern, dem französischen Präsidenten François Mitterrand und dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl. Im Windschatten der deutschen Einheit setzten sie - der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth war in ihrem Bunde der Dritte - einen transnationalen Sender aufs Gleis. Am 2. Oktober 1990 schlossen der französische Staat und die deutschen Bundesländer den Gründungsvertrag, rund anderthalb Jahre später, am 30. Mai 1992, ging Arte auf Sendung.
Ein europäischer, die Völker verständigender Kanal sollte es werden und wurde es auch, neben Deutschen und Franzosen tragen heute Sender aus Belgien, Finnland, Österreich, Polen, Schweden, der Schweiz, Spanien und sogar aus Großbritannien zum Programm bei. Die Federführung bei Arte teilen sich die Gründernationen paritätisch, wenn auch die Franzosen mit dem mehrmaligen Senderchef Jérôme Clément lange Zeit die Zeichen setzten. Heute steht Arte Gottfried Langenstein vor, der beim ZDF für die Satellitenprogramme, darunter vor allem 3sat, zuständig ist.
Durchbruch in Deutschland?
Unter seiner Ägide und der des Programmdirektors Christoph Hauser, der vom Südwestrundfunk kommt, soll gelingen, was Arte (Etat 2007: 366 Millionen Euro) bislang versagt blieb - der Durchbruch beim deutschen, von einer Vielzahl öffentlich-rechtlicher und privater Programme verwöhnten Publikum. Auf auch für einen Nischensender niedrige 0,9 Prozent Marktanteil kam Arte bei den hiesigen Sehern im vergangenen Jahr, das soll sich nun steigern. Deshalb gibt es seit diesem Monat ein neues Programmschema, das die deutschen Sehgewohnheiten berücksichtigt: Das Hauptprogramm am Abend beginnt um Viertel nach acht, nicht mehr um neun Uhr, gegen 22 Uhr läutet Arte den zweiten Teil des Fernsehabends ein, die Nachrichten laufen schon um 19 Uhr, zur ZDF-„heute“-Zeit.
So darf man also sagen: Es war einmal ein deutsch-französischer Kultursender, der sich im - nimmt man den Gründungsvertrag - zwanzigsten Jahr seines Bestehens darauf besann, vor allem um die eine Hälfte des avisierten Publikums zu kämpfen. Das ist das eine. Das andere ist, mit welchen Mitteln der Kultursender Arte auf Kundenfang geht, und dabei geht es nicht um das leidige, jahrein, jahraus diskutierte Thema der Sendezeiten. Es geht um das inhaltliche Profil, um den feuilletonistischen Mehrwert, den dieser Sender sich auf die Fahnen geschrieben hat, der sich nach eigenem Bekunden „an alle weltoffenen und neugierigen Bürger in Europa wendet“. Dabei gehe es um „innovatives Fernsehen“ und „Grundwerte“, als da wären: „Offenheit, Respekt und Wärme“.
Die Avantgarde soll's richten
Offenheit, Respekt und Wärme, das sind hehre Begriffe, sie auf das Programm herunterzubrechen und dabei doch auch ein wenig populär, auf gar keinen Fall elitär und bitte auch nicht von vorgestern zu sein ist eine anspruchsvolle Aufgabe. An diesem Dienstagabend glauben die Programmgestalter sie mit zwei Krimiserien zu bewältigen: Dem von der Kritik hochgelobten, vom Publikum ob seiner Sperrigkeit aber verschmähten „KDD- Kriminaldauerdienst“ vom ZDF, dessen dritte und letzte Staffel vor zwei Jahren produziert wurde. Das ist Avantgarde vom Härtesten und Feinsten, die, um in alten Kritikerjargon zu verfallen, mit den „Sehgewohnheiten“ bricht. Charaktere, mit denen man sich identifizieren könnte, findet man hier schwerlich, es herrscht allgemeine, schwerste Depression, alle sind korrumpierbar - heute Abend ist zu sehen, wie ein Polizist einen anderen an einen Gangsterboss verrät, der mit dem Kollegen auf seine Art umzugehen weiß. Da kommt kein Held um die Ecke geritten, um die Welt zu retten, sie ist und bleibt aus den Fugen.
Darauf setzt Arte den denkbar größten Kontrast: „Suburban Shootout“, eine britische Serie mit dem deutschen Ergänzungstitel „Die Waffen der Frauen“, die schon einmal auf dem Privatsender Comedy Central lief. Und da wäre sie, um es vorwegzunehmen, auch besser geblieben. Denn die „Kultserie“ mit ihrem angeblich typisch britischen, schwarzen, schrägen Humor sieht so aus, als habe Quentin Tarantino „Desperate Housewives“ inszeniert: In dem scheinbar idyllischen Kleinstädtchen Little Stempington bekämpfen sich zwei Hausfrauengangs, sie erpressen Schutzgelder, foltern, sprengen Geschäfte in die Luft und nehmen ganze Straßenzüge unter Feuer. Die Verbrechensrate liegt offiziell bei nahe null. Warum das so ist, das erschließt sich der neu hinzugezogenen Joyce Hazledine (Amelia Bullmore) wesentlich schneller als ihrem Mann, dem Ordnungshüter. Der wäre - im Drogenschwips - lieber auf einer Swingerparty mit von der Partie, welche Camilla Diamond, die eine der beiden Gangsterchefinnen, veranstaltet, als dass er die Augen öffnete, seine Frau hingegen wird aus dem Vorgarten weg in ein Verbrechen hineingezogen, das sie, ganz die Unschuld aus der Großstadt auf dem verruchten Lande, unwillentlich vollendet. Sie musste nur auf den roten Knopf des kleinen schwarzen Kastens drücken, den ihr Camilla in die Hand presst.
Altlasten und Vorzeichen
Es war einmal ein deutsch-französischer Kultursender, bei dem solche Serien nicht liefen und der solchen Flintenweiberklamauk anderen überließ. Es war einmal ein Sender, der nicht nur - wie angeblich jetzt - dreiundzwanzig Stunden Dokumentarprogramm pro Woche sendete, sondern ein ganz und gar anderes Programm zeigen wollte. Und es war einmal ein Sender, auf dessen Popularisierungs-, um nicht zu sagen Vulgarisierungstrip die AG Dok - die Arbeitsgemeinschaft freier Dokumentarfilmer, Autoren und Regisseure mit rund 850 Mitgliedern - nicht durch eine politisch gemeinte Preisverleihung hinweisen musste. Sabine Rollberg, die Leiterin der Arte-Redaktion beim WDR, bekam diesen „Dickes Fell“ genannten, mit 5000 Euro dotierten Preis im vergangenen Herbst - „für den Erhalt und die Pflege des Kino-Dokumentarfilms als Bestandteil öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme“. Kompliziert erscheinende Stoffe und die Handschrift von Autoren seien im „quotenorientierten Sendebetrieb“ nicht mehr gefragt, schrieb die AG Dok und hat nicht unrecht. Es war einmal ein deutsch-französischer Kultursender, der nahm als Altlast eine tiefgründige Serie ins Programm, die ein öffentlich-rechtliches Hauptprogramm nicht mehr aushielt und eine zweite, knallbunte, von der man sich fragt, ob man sie als Vorzeichen sehen soll.
KDD -Kriminaldauerdienst läuft heute um 22.15 Uhr, Suburban Shootout um 23 Uhr bei Arte.
Vulgarisierungstrip - mit einem Wort
C M (Cristiano)
- 12.01.2010, 23:15 Uhr
KDD
Mops Mustermann (hrrrmpf)
- 12.01.2010, 23:54 Uhr
Fernsehlos
Jürgen Zwiebel (Konspirant)
- 13.01.2010, 01:39 Uhr
Aufschrei der "Ich gehe in die Oper, weil ich kulturell soooo interessiert bin"-
Sebastian Jülich (BaestyTC)
- 13.01.2010, 01:45 Uhr
nur noch Karambolage?
Johann Maynard (johannmaynard)
- 13.01.2010, 02:54 Uhr