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Indien-Abend bei Arte : Von Europa aus gesehen

  • -Aktualisiert am

Ist das nicht exotisch? Joanna Lumley sieht sich für Arte in Indien um. Bild: © Burning Bright Production

Arte gestaltet zum Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens einen Indien-Abend (fast) ohne Inder. Sie laufen zwar durchs Bild, aber das ist eher Deko. Nur eine Reportage macht es anders.

          Ohne einen Blick auf die britische und europäische Geschichte wäre der Themenabend, den Arte heute zum 70. Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens zeigt, sicherlich unvollständig. Befremdlich ist allerdings, dass der Sender Indien fast ausschließlich durch die kolonialhistorisch-wehmütige Brille wahrnimmt. Das zeigt sich von Beginn an, da es heißt: Am 15. August 1947 entlässt Großbritannien sein „Juwel in der Krone“, das schließlich in Pakistan und Indien geteilt wird, aus der Kolonialherrschaft. Inder und Pakistaner kommen als Objekte der Geschichtsschreibung vor, zu Wort aber kommen sie kaum.

          Der Spielfilm „Reise nach Indien“ (David Leans Klassiker nach einem Roman von E. M. Forster) als auch Joanna Lumleys Reisereigen „My India. Ein Trip“ bedienen das elegisch-nostalgische Erinnerungsgenre noch mehr oder weniger elegant. Joanna Lumley, bekannt als sehr blonde Patsy in der Comedy „Absolutely Fabulous“, ist Spross einer Kolonialistenfamilie und reist in bunten Gewändern durch farbenfrohe Erlebniswelten.

          Sie sind im Bild, kommen aber nicht zu Wort: Joanna Lumley mit zwei Männern des hinduistischen Wüstenstamms der Raika.
          Sie sind im Bild, kommen aber nicht zu Wort: Joanna Lumley mit zwei Männern des hinduistischen Wüstenstamms der Raika. : Bild: © Burning Bright Production

          Ebenso oberflächlich geraten, vor allem aber eine verschenkte Chance für die seriöse Betrachtung eines bemerkenswerten Kapitels des Ersten Weltkriegs, ist der Dokumentarfilm „Leb’ wohl, mein indischer Soldat!“, der im Anschluss läuft. Irritierend wirkt schon der Entwurf des Films, der als Dokumentation angekündigt ist, dessen Fiktionalisierungen aber weit über das übliche „Re-Enactment“ historischer Szenen hinausgehen. Der indisch-französische Film von Vijah Singh nimmt seine Ausgangsfrage aus einem inszenierten Küchentisch-Gespräch der (echten) Urenkelin eines unbekannten indischen Soldaten, der im Ersten Weltkrieg auf französischem oder belgischem Boden kämpfte, mit ihrer (geschauspielerten) Enkelin, die sich stehenden Fußes auf den Weg macht, die Geschichte der indischen Einheiten, die im Frühherbst 1914 zur Unterstützung der Briten angeworben und in Marseille angelandet wurden, zu rekonstruieren und „ihren“ Ururgroßvater zu finden.

          Die Darstellerin Paloma Coquant spielt in „Leb’ wohl, mein indischer Soldat!“ die Fiktion einer im Bild dauerpräsenten rasenden Reporterin, die aus persönlichen Motiven um die Welt reist, um ihrer (falschen) Großmutter, Monique Soupart, der echten Urenkelin eines Inders, der bei einem Fronturlaub die Liebe einer Französin fand, Auskunft und Seelenfrieden zu schenken.

          In der Reportage „Gewalt im Lande Gandhis“ sieht Indien etwas anders aus: eine Müllsammlerin auf der Suche nach Verwertbarem.
          In der Reportage „Gewalt im Lande Gandhis“ sieht Indien etwas anders aus: eine Müllsammlerin auf der Suche nach Verwertbarem. : Bild: © SWR

          Coquant befragt Historiker und liest Briefe, die indische Soldaten nach Hause schrieben. Es geht in den Himalaja, um einer Gedenkzeremonie für einen gefallenen, mit dem Victoria-Kreuz geehrten Kriegshelden beizuwohnen. Sie lässt sich im orientalischen Royal Pavilion in Brighton dessen Funktion als Kriegshospital für Inder erklären. Eines der größten Mankos dieser hybriden „Dokumentation“ ist, dass sie aus ihren interessanten Funden und Bildern wenig macht, weder inhaltlich noch filmisch. Abgefilmte Postkarten, zeitgenössische politische Karikaturen, Schauplätze und Aufnahmen aus Schützengräben werden in anekdotischem Impetus aneinandergereiht, bevor das rein Familiäre übernimmt und arg auf die Tränendrüse gedrückt wird.

          Außerhalb von Paris, im Schloss Philiomel, dem ehemaligen Hauptquartier der Britisch-Indischen Armee, führt die (falsche) Enkelin mit der (echten) Urenkelin vor dem Bild des (echten) Großvaters von Monique Soupart, Sohn des unbekannt gebliebenen indischen Soldaten, eine Räucherstäbchen-Zeremonie mit Ganesha-Figur, Blütenblätteropfern und Yogi-Gebetshaltung am dahinfließenden Bach auf. Schnitt auf den Ganges. Und ein Gedicht aus dem Off. Nachkommen der Familien, deren männliche Mitglieder als Angehörige der indischen Berufsarmee nach Frankreich gingen, werden nicht befragt. Es wird nur über sie gesprochen, kurz sieht man Betende. Einen Kontrapunkt zur eurozentristischen Perspektive setzt nur die Dokumentation „Indien – Gewalt im Lande Gandhis“, die den Themenabend beschließt.

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