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Veröffentlicht: 17.02.2017, 18:02 Uhr

„300 Worte Deutsch“ auf Arte Man wächst zusammen

Ein Film aus einer Zeit, in der die Debatte um Zuwanderung noch etwas weniger hartherzig geführt wurde: „300 Worte Deutsch“ versucht die Integration mit Humor.

von Heike Hupertz
© ZDF Das wird man ja wohl noch sagen dürfen: Dr. Ludwig Sarheimer (Christoph Maria Herbst) ist unerbittlich.

Nein, Dr. Ludwig Sarheimer (Christoph Maria Herbst) ist kein Rassist, ein Rechter schon gar nicht, die Frisur mit der seitlich in die Stirn fallenden Haarsträhne ist bloß Zufall. Der Leiter der Ausländerbehörde in Köln trauert halt eben um die verlorenen Gebiete im Osten und hat etwas gegen „Überfremdung“ der deutschen Kulturnation. Bei „Multikulti“ wird ihm schlecht. Sein „Schlesienzimmer“ in der Behörde ist mit nostalgischen Trachten, Karten und Fahnen ausgestattet. Mit Vorliebe führt er seufzende Abordnungen der Landsmannschaft hindurch.

Wenn er nicht gerade Abschiebebescheide ausstellt, eilige Duldungsverlängerungen verliert oder seine Sammlung von Kreuzritterfiguren entstaubt, regt er sich, ganz strombergmäßig und politisch völlig inkorrekt, über die „Kanaken“ auf, die Deutschland unterwandern wollen. Ab und an besucht er eine Prostituierte mit dem Künstlernamen Daisy (Arzu Bazman), die eigentlich Aishe heißt, und zieht seine Cowboynummer ab. Sekretärin Connie (Nadja Uhl) erträgt die Tiraden des Chefs geduldig und denkt an den nächsten Zug. Mit dem Einzelhändler Emre (Aykut Kayacik) spielt sie Schach und tauscht schmachtende Blicke. Sarheimers Neffe Marc Rehmann (Christoph Letkowski), ein großherziger Loser, unterstützt das Amt seit kurzem als Integrationshelfer. Die fast dreißigjährige Dauerfehde des Onkels mit dem Vorsteher der türkischen Gemeinde, Hodscha Demirkan (Vedat Erincin), liegt weit außerhalb von Rehmanns Vorstellungsvermögen.

Deutschunterricht im heißgeliebten Schlesienzimmer

Neuerdings wird das schöne Schlesienzimmer von Kopftuchträgerinnen belagert. Die emanzipierte Germanistik- und Psychologiestudentin Lale Demirkan (Pegah Ferydoni) erteilt ausgerechnet dort frisch eingeflogenen „Importbräuten“ (Dr. Sarheimer) Deutschunterricht. „300 Worte Deutsch“, so der Filmtitel, ist die Mindestanforderung zum Bestehen des Tests, den Angeheiratete zur Anwendung der Nachzugsregelung nachweisen müssen. 300 Worte im aktiven, 650 im passiven Wortschatz. Wobei es natürlich „Wörter“ heißen müsste, nicht „Worte“. Sprachliche Inkonsequenzen, die den jungen Frauen, die allesamt in der Türkei in arrangierte Ehen mit Kölnischen Migranten verheiratet wurden, verdächtigerweise ziemlich egal sind. „Ist das die Grammatikbrigade von Istanbul oder was?“ Die Spitzentestergebnisse aus der Türkei machen Dr. Sarheimer misstrauisch. Er besteht auf Wiederholung des Tests in zwei Wochen, ansonsten sollen alle abgeschoben werden.

300 Wörter reden, 650 verstehen. Statt dem Lehrplan zu folgen, bringt Lale ihren Schülerinnen Sätze mit höchst praktischem Nutzen bei. „Respekt“ ist beinahe das erste Wort. Statt „Was kostet ein Apfel?“ wird „Lass’ mich in Ruhe“, „Ich will nicht“, „Du kannst mich mal“ und „Männer sind Schweine“ memoriert und fehlerfrei im neuen Heim angewandt. Der Hodscha versteht die Welt nicht mehr. In der Gemeinde droht ein Aufstand. Derweil seine eigene Tochter Lale nicht heiraten will, obwohl er ihr einen sorgfältig ausgesuchten Kandidaten nach dem anderen vorstellt.

© Arte Fernsehtrailer: „300 Worte Deutsch“

Schon 2013 ist diese mal federleichte, mal brüllend komische und hier und da auch abgeschmackte Komödie entstanden. Die Unbeschwertheit, mit der sie die Dauerthema kulturelle Differenz behandelt, wirkt inzwischen wie aus einer optimistischeren Zeit fast verzweifelt hinüberwinkend. 2016 hat Regisseur Züli Aladag mit dem zweiten Teil der Trilogie „Mitten in Deutschland: NSU“ („Die Opfer – Vergesst mich nicht„), ein im Ton vollkommen anderes, ein meisterlich gestaltetes Requiem für die Opfer des rechtsradikalen Mordtrios vorgelegt. Erzählt wird dort aus Sicht der anfangs vierzehnjährigen Semiya (Almila Bagriacik, die hier Arzu, eine der jungen Bräute, spielt), Tochter des zuerst ermordeten Blumenhändlers Enver Simsek.

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Die Inszenierung des Familiensinns, die in beiden Filmen, in der Komödie wie der Tragödie, eine zentrale Rolle spielt, ist jedoch durchaus vergleichbar und ähnlich. „300 Worte Deutsch“, wie humorvoll auch immer, ist mitnichten ein reines Witzstück. Die gelegentlich alberne, vor allem aber liebenswürdig-spielerische Haltung in Fragen der Integration, die das Buch von Ali Samadi Ahadi, Arne Nolting, Gabriela Sperl und Züli Aladag bestimmt, wünscht man sich wohl vergeblich zurück.

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