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Arte und WDR kneifen : Wie soll man über Judenhass berichten?

Eigentlich müsste es für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zwingend erscheinen, das Thema Antisemitismus aufzugreifen. Aber bisweilen scheinen „technische“ Argumente dagegen zu sprechen. Unser Bild zeigt einen Teilnehmer der Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ im September vor drei Jahren in Berlin. Bild: dpa

Ein Dokumentarfilm über neue Formen des Antisemitismus wird sehr gelobt. Aber Arte und der WDR wollen ihn nicht zeigen, weil er nicht „ausgewogen“ sei. Die Autoren verstehen die Welt nicht mehr.

          Formfehler gilt es zu vermeiden. In der Meldestelle, im Finanzamt, beim Visumsantrag. Sie können uns teuer zu stehen kommen. Ein Gespräch über den Sinn der Reglements mit den Beamten führt zu nichts, außer zu wiederholten Hinweisen auf die Regeln und den Verstoß. Einen Formfehler werfen nun gewissermaßen auch die Beamten von Arte und dem WDR den beiden Münchner Dokumentarfilmern Joachim Schröder und Sophie Hafner vor. Ein ursprünglich vorgesehener dritter Koautor eines vereinbarten Films über den „Antisemitismus in Europa“ sei abgesprungen, der Proporz der Drehorte sei vertragswidrig verändert worden, argumentiert der Programmdirektor des Senders Arte, der Franzose Alain Le Diberder. Die „Ausgewogenheit des Projekts“ leide darunter.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Arte wird den neunzigminütigen Film nicht zeigen. „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ lautet sein Titel. Die Autoren drehten dafür eineinhalb Jahre in Frankreich, Deutschland, Ungarn, Israel und Gaza. Sie waren bei alten Linken und neuen Rechten, auf der Straße, in Pariser Vororten, unter Flüchtlingen, unter jungen palästinensischen Intellektuellen, die ihrer politischen Vertretung unversöhnliche Israelfeindlichkeit und Korruptheit unterstellen. Es kommen nicht nur die üblichen Verdächtigen, nicht nur der brüllende und schäumende Antisemitismus zur Sprache. Sondern der latente, der neue „Alltags-Antisemitismus“, der sich als Israelkritik chiffriert.

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          Da gibt es Mythen von israelischen Wasservergiftungen und von ethnischen Säuberungen, die semantisch anschließen an diejenigen aus dem späten Mittelalter von der Brunnenvergiftung und jüdischem Ritualmord. Die neue Rechte spricht von der „Krake“ der Wallstreet, die Linke vom israelischen Gift, Palästinenser von der „Besatzung“ als alleiniger Ursache des Terrorismus auf der Welt.

          In der Dokumentation, über die sich der Rundfunkgebührenzahler nun kein eigenes Urteil bilden darf, spielen auch die vielen hundert Nichtregierungsorganisationen in Israel und Palästina eine Rolle. Von denen sind eine Reihe mit israelfeindlichen Parolen oder der Unterstützung von Boykottaktionen aufgefallen. Dazu gehören auch Geldflüsse von kirchlichen Organisationen wie „Pax Christi“ oder „Brot für die Welt“. Die erhalten deutsches Steuergeld.

          Der enttäuschte Filmautor Joachim Schröder fragt sich bis heute, wie genau die Anforderung, über den Antisemitismus „ausgewogen“ zu berichten, umzusetzen sei. Er versuchte in den vergangenen Monaten jedenfalls vieles, um sein Werk doch noch öffentlich zu machen. Immerhin 165 000 Euro brutto erhielt seine Produktionsfirma „Preview Production“ von Arte für den Film, der WDR war der Kooperationspartner – versandetes Gebührengeld. Eine Reihe von Gutachten, die der Dokumentarfilmer von wissenschaftlichen und publizistischen Experten einholte, nützte seinem Anliegen nichts. Nicht nur das: die „Partner“ vom WDR und von Arte gingen darauf nicht ein.

          Antisemitismus, unübersehbar: Bei einer Fußballpartie zwischen Dynamo Dresden und Energie Cottbus tauchte Ende 2005 dieses Banner im Cottbusser Fanblock auf.
          Antisemitismus, unübersehbar: Bei einer Fußballpartie zwischen Dynamo Dresden und Energie Cottbus tauchte Ende 2005 dieses Banner im Cottbusser Fanblock auf. : Bild: dpa

          Dabei kamen sie von beachtenswerten Absendern. Der Münchner Historiker Michael Wolffsohn schrieb: „Das ist die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich leider hochaktuelle und wahre Doku zu diesem Thema.“ Der Publizist und Historiker Götz Aly nennt den Film eine „beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung“, und „die Intensität der Recherche verleiht dem Film eine ungewöhnliche Kraft.“ Die besondere Leistung des Film sei es, „das weiche, halb verborgene Ressentiment der vielen“ aufzuzeigen. Man hätte das doch gern gesehen, auch wenn die Europaquote verfehlt wurde.

          Von Leidenschaft für den Film ließen sich die Programmverantwortlichen des WDR nichts anmerken. Der Intendant Tom Buhrow leitete die Protestbriefe Schröders an Fernsehdirektor Jörg Schönenborn weiter. Der antwortete technisch: „Wenn in diesem Fall Programmdirektor Alain Le Diberder aus formellen Gründen das Projekt in der vorliegenden Form nicht annimmt, respektiere ich diese Entscheidung.“ Die weitere Diskussion delegierte er an seinen Kulturchef Matthias Kremin. Der legte auf Schröders Einwand, dass doch wenigstens der WDR den Film ausstrahlen könne, abermals die angeblichen Verletzungen der „vertraglichen Grundlage“ dar: zu wenige europäische Länder kämen vor, zu viel Palästina.

          Dies sei „inhaltlich sicher ebenfalls interessant und relevant, aber nicht das Ergebnis der vereinbarten und zu erbringenden Leistung“, so Kremin im Stil eines Handelsvertreters. Bizarr mutet dann sein Argument an, weshalb denn der WDR den Film nicht zeige: „Wir können und wollen uns nicht dem Vorwurf aussetzen, auf Kosten von Arte WDR-eigenes Programm zu finanzieren.“

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          Ein Formfehler, den Arte den Filmautoren vorwirft, ist die Abwesenheit von Ahmad Mansour als Koautor. Der deutsch-palästinensische Publizist, ein engagierter Kritiker des Islamismus, wollte die Dreharbeiten ursprünglich begleiten. Mansour sollte „die Ausgewogenheit des Projekts garantieren“, schreibt Arte-Chef Diberder – so, als garantiere nur die Beteiligung eines Mannes mit arabischem Nachnamen „Ausgewogenheit“. Weil jedenfalls Ahmad Mansour Vater wurde und sich überlastet fühlte, trat er zurück und wirkte nur noch als Berater mit. Auch Mansour bekundete das schriftlich, und auch für wie gelungen und wichtig er den Film halte. Auch darauf gingen Arte und der WDR nicht ein.

          In Frankreich sei das politische Klima nicht danach, ein solches Filmprojekt zu wagen, schrieb der Publizist Matthias Küntzel: „Die Abneigung gegen Israel scheint in Frankreich zuweilen stärker zu sein“ als in Deutschland. Auch demonstrierten die Herren von Arte und dem WDR eine Abneigung, über ihre zu reden. Zu einem persönlichen Gespräch mit den Filmautoren war niemand bereit.

          Quelle: F.A.Z.

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