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TV-Doku zu Erdogan : Er ist der Boss vom Bosporus

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Der Putschversuch war für ihn „ein Geschenk Gottes“, denn er bescherte ihm unbegrenzte Macht: Recep Tayyip Erdogan. Bild: AP

Wie konnte es kommen, dass sich Recep Tayyip Erdogan zum Sultan der Türkei aufschwingt? Arte zeichnet den Weg eines Mannes nach, dem schon früh alles zuzutrauen war.

          Soeben hat der türkische Staatschef der EU, der Nato und den Vereinigten Staaten mit einer Orientierung der Türkei in Richtung Osten gedroht. Auch wenn man sich an derartige Nachrichten aus Ankara zu gewöhnen scheint, ist es gut, sich klarzumachen, wie unvorstellbar ein solches Verhalten noch vor einem Jahrzehnt gewesen wäre. Auch damals hatte Erdogan viel Macht auf sich vereint, trieb als Ministerpräsident aber die Aussöhnung mit Kurden und Armeniern voran und hielt Kurs auf Europa.

          Guillaume Perrier und Gilles Cayatte lassen ihr Filmporträt über Erdogan mit dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli beginnen. Seit diesem Tag scheint sich das türkische Regime von allen diplomatischen Rücksichten befreit zu fühlen. Was zuvor schon das Regierungshandeln bestimmt hat - der Kampf gegen die Opposition, das gewaltsame Vorgehen gegen jede politischen Ambitionen der Kurden, das brüskierende Auftreten gegenüber dem Westen -, wird der Bevölkerung nun als nationale Aufgabe verkauft. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, ist ein Rückblick das geeignete Instrument.

          Es gab einmal zwei Erdogans

          In der Retrospektive gibt es zwei Erdogans: Da ist der Vertreter einer Aufbruchsstimmung, auf den hier ausgerechnet sein Intimfeind Bezug nimmt, Selahattin Demirtas, der inzwischen inhaftierte Vorsitzende der prokurdischen Partei HDP: „Religionsfreiheit, freie Meinungsäußerung. Sogar für die Rechte der Homosexuellen hatte er sich früher ausgesprochen. Erdogan galt als mutiger und entschlossener Politiker.“ Hart gegengeschnitten sind die Worte von Kadri Gürsel, einem jüngst ebenfalls festgenommenen Kolumnisten der Zeitung „Cumhuriyet“: „Archivaufnahmen aus den achtziger Jahren zeigen Erdogan als glühenden Islamisten.“ Gürsel unterstellt, es handele sich um den klug geplanten Aufstieg eines „Volkstribuns“. Die Zugeständnisse an westliche Werte seien nie ernst gemeint gewesen. Dieser Frage geht die ganz auf Gesprächen mit Gegnern, ehemaligen Mitstreitern und Kennern Erdogans aufbauende Dokumentation nach: Handelt es sich um eine Reise vom Licht in die Finsternis oder um einen mehrere Jahrzehnte überspannenden Coup d’État?

          Dass man Erdogan schon zu seiner Zeit als Oberbürgermeister von Istanbul (1994 bis 1998) gezielt als neuen Hoffnungsträger inszenierte, wie ein früherer Berater sagt, deutet noch nicht zwingend auf die letztere Lesart hin. Viele der Gesprächspartner räumen zudem ein, dass Erdogan durchaus für eine Modernisierung Istanbuls gesorgt hat und als nicht korrupt galt. Mit der Entmachtung der Islamisten durch den Militärputsch 1997 endete diese Phase. Während seiner Haft sei Erdogan bewusst geworden, so Gürsels These, dass nur eine sich der Tarnung halber zur Demokratie bekennende Partei stark genug sei, die Macht des Militärs zu brechen.

          Ausführlich zu Wort kommt der islamische Prediger Fethullah Gülen, der für die türkische Regierung der Drahtzieher hinter dem Juli-Putsch ist. Gülen stellt sich als Freund von Demokratie und Menschenrechten dar und sagt, Erdogan, der Ungebildete, habe seine Organisation nur ausnutzen wollen, um Anhänger zu gewinnen. Der Politikwissenschaftler Ihsan Yilmaz macht aber darauf aufmerksam, dass die Gülen-Bewegung so von Europa fasziniert war, weil man in der Religionsfreiheit „ein Gegengift“ gegen den laizistischen Kemalismus gesehen habe. Detailliert wird dann der Machtkampf zwischen den türkischen Militärs und der AKP rekapituliert. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr die Strategie Erdogans derjenigen nach dem Putsch ähnelte, schließlich diente der Vorwurf einer staatsgefährdenden Untergrundorganisation („Ergenekon“) auch damals als Vorwand für großangelegte Säuberungen.

          Auch in Deutschland mobilisiert der türkische Präsident seine Anhänger: Zwei Erdogan-Fans vor dem Brandenburger Tor.
          Auch in Deutschland mobilisiert der türkische Präsident seine Anhänger: Zwei Erdogan-Fans vor dem Brandenburger Tor. : Bild: Jödpa

          In den letzten Jahren, so sind sich alle Gesprächspartner einig, habe Erdogan sein „wahres Gesicht“ gezeigt, sich zum Despoten gewandelt, der Europa und die Demokratie nicht mehr brauche, sondern voller Härte gegen seine politischen Gegner vorgehe. Das Abklappern all der Stationen auf dem langen Weg der Türkei nach unten - vom Niederschlagen der Gezi-Park-Proteste über das Anzetteln eines neuen Kriegs mit den Kurden bis zur Ausschaltung der kritischen Presse - ist eine wichtige Erinnerung daran, dass das Gewährenlassen, und sei es im Namen des Flüchtlingsdeals, zu immer weiteren Eskalationen geführt hat.

          Die kontrafaktische Frage, ob mit dem Politiker Erdogan auch ein anderer Weg möglich gewesen wäre, lässt der Film offen. Dafür verdichtet sich gegen Ende das Bild eines größenwahnsinnig gewordenen, cholerischen, die mangelnde Bildung mit Brutalität ausgleichenden Tyrannen. Gülen lässt die Vergleichsgrößen Hitler und Saddam Hussein fallen. Das mag man so sehen oder nicht, in jedem Fall wird es zu psychologisierend. Überhaupt tappt man ein wenig in die Falle von Erdogans Selbststilisierung, wenn man derart gebannt auf ihn als Alleinherrscher blickt. Spannend wäre die Frage gewesen, warum große Teile der türkischen Bevölkerung diesen Weg mitgehen.

          Fernsehtrailer : „Erdogan- Im Rausch der Macht“

          Erdogan - Im Rausch der Macht läuft heute, Dienstag 22. November, um 20.15 Uhr auf Arte.

          Quelle: F.A.Z.

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