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Veröffentlicht: 21.02.2017, 16:12 Uhr

Arte-Themenabend Balkan Was der Nahe Osten heute ist, war der Balkan gestern

Hundert Jahre Krieg und Vertreibung: Arte blickt auf den Zerfall Jugoslawiens und fragt, was aus der Krisenregion wurde, nachdem sich die Weltaufmerksamkeit von ihr abwandte.

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© © Jugoslovenska Kinoteka Bild der jugoslawischen Einheit, die es so nicht gab.

Vor einem Vierteljahrhundert blickten Europa und die Welt zehn Jahre lang mindestens so intensiv, wie sie heute den Schrecken der Kriege im Nahen Osten folgen, auf den Balkan. Vom serbischen Angriff auf Vukovar 1991 bis zur Einhegung der Kämpfe in Mazedonien durch eine Intervention der Nato 2001 hielten Kriege und „ethnische Säuberungen“ der Region die Welt in Atem. Die Memoiren Bill Clintons, Madeleine Albrights und anderer Handelnder von damals belegen: Was heute der Nahe Osten ist, war gestern der Balkan.

Michael Martens Folgen:

Darum geht es an diesem Dienstag auf Arte. Der Themenabend zum Balkan beginnt mit einer zweiteiligen Dokumentation zur Geschichte Jugoslawiens, eines gescheiterten Vielvölkerstaates, der errichtet wurde auf den Trümmern zweier gescheiterter Vielvölkerimperien, des osmanischen und des habsburgischen, bevor er an ähnlichen inneren Widersprüchen wie diese zerbrach. „Illusion Jugoslawien“ lautet der Titel, der bei Jugonostalgikern auf Einspruch stoßen wird. Doch die Zeit, da das 1918 gegründete Jugoslawien als politisch wenigstens halbwegs wetterfestes Konstrukt gelten konnte, war wahrlich kurz. Die Ermordung des Kroatenführers Stjepan Radić 1928, erschossen von einem montenegrinischen Abgeordneten im Parlament in Belgrad, vergiftet das Klima zwischen Kroaten und Serben entscheidend. In Kroatien kommt es zu Demonstrationen unter der Losung „Für dein Blut werden noch ihre Kinder büßen“.

44911086 Bill-Clinton-Denkmal in Pristina © © Zoran Solomun Bilderstrecke 

Der Mord an Jugoslawiens König Alexander 1934 in Marseille war lange vor Kennedy das erste Attentat auf einen Staatschef vor laufenden Kameras. Der Mörder: ein mazedonischer Terrorist, gedungen von kroatischen Faschisten, die mit der deutsch-italienisch-ungarisch-bulgarischen Besetzung Jugoslawiens 1941 die Macht in einem Großkroatien von Hitlers Gnaden übernehmen. Serben müssen darin eine gelbe Armbinde mit dem Buchstaben „P“ für „pravoslavni“ (orthodox) tragen, werden vertrieben oder getötet. Dann geht bald der blutige Stern von Titos Partisanen auf. Am 25. Mai 1944 entkommt Tito in seinem Versteck in Bosnien einem Überfallkommando deutscher Fallschirmjäger nur mit Glück. Für den Rest seines Lebens feiert er diesen Tag als seinen eigentlichen Geburtstag.

Auch in Titos Jugoslawien herrscht Gewalt. Auf Goli Otok, der jugoslawischen Gefängnisinsel, werden Menschen zu Tausenden gefoltert. Wenig weiter auf Brioni, seiner traumhaften Residenz unter Palmen, umgibt sich der sozialistische Sonnenkönig Tito außer mit den wilden Tieren seines Privatzoos gern mit Schauspielgrößen wie Richard Burton, Elizabeth Taylor und Sophia Loren. Immerhin, Jugoslawien ist ungleich offener als alles, was sich noch sozialistisch nennt in Europa. Es ist ein Staat der sozialistischen Welt, der abstrakte Kunst, Rockmusik und moderne Literatur duldet, gar subventioniert. Und das bei offenen Grenzen - wer will, kann gehen.

Doch Diktatoren schaffen sich selten Nachfolger. Als Tito 1980 stirbt, hinterlässt er zwanzig Milliarden Dollar Auslandsschulden und eine marode Wirtschaft. Inflation 1990: 2600 Prozent. Die Wirtschaftskrise schürt das Gift des Nationalismus, ein Antidot ist nicht in Sicht, obschon in den achtziger Jahren einige westliche Journalisten und Diplomaten glauben, der Serbe Slobodan Milošević sei Jugoslawiens Gorbatschow. Doch Milošević Versuch, den Staat zu übernehmen, scheitert spätestens auf dem 14. Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens in Belgrad 1990, als Slowenen und Kroaten serbische Bevormundung zurückweisen. Der Film endet mit einem Witz. Verzweifelt rufen Serben, Kroaten und Bosnier an Titos Grab: „Tito, komm zurück!“ Aus dem Grab kommt die Antwort: „Ich bin doch nicht blöd!“

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