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Arte-Doku in Frankreich : Antisemitismus mit Ansage

„Zensur auf Arte“, titelte die „Le Monde“ zum Beschluss des Senders, die Dokumentation über Antisemitismus nicht zu zeigen. Bild: dpa

Dass die Antisemitismus-Doku nun in Frankreich gezeigt wurde, war überfällig. Doch dass sich Arte nicht zu einer eigenen Bearbeitung durchringen konnte, ist eine Bankrotterklärung.

          „Die Anstrengungen von Luc Rosenzweig und eines guten Teils der deutschen Presse haben sich bezahlt gemacht“, freute sich das Magazin „Causeur“ auf seiner Homepage ein paar Stunden vor der Ausstrahlung. Auf drei Seiten hatte der langjährige Deutschland-Korrespondent von „Le Monde“ in der Monatszeitschrift über den Film „Auserwählt und ausgegrenzt“ berichtet, unter dem Titel: „Zensur auf Arte“. Dass der europäische Kultursender den Dokumentarfilm klammheimlich aus dem Programm genommen hatte, war in Paris zuvor offensichtlich niemandem aufgefallen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Man kann das mit dem ursprünglichen Sendedatum nach dem ersten Durchgang der Präsidentenwahl erklären. Man muss aber auch die Frage nach dem französischen Umgang mit dem „neuen“ Antisemitismus in Zeiten der Terrors – der zunächst ausschließlich jüdische Tote gefordert hatte – und der Islamisierung in den Banlieues stellen.

          „Ideologische Zensur“

          Für Rosenzweig ist die Antwort klar. Die formalen Schwächen des Films verschweigt er nicht. Er verniedlicht sie ein bisschen zu „typisch deutschen“ Untugenden: eine etwas schwerfällige Zeigefinger-Pädagogik, die „Redundanz von Bild und Kommentar“.

          Seine Einschätzung: „Der Film ist Opfer einer rein ideologischen Zensur.“ Die Zeitschrift publizierte gleichzeitig eine Stellungnahme des französischen Arte-Programmdirektors Alain Le Diberder, der unterstreicht, dass das gelieferte Produkt nicht dem Auftrag entsprach: zu viel Naher Osten, zu wenig Europa. „Wir konnten es deshalb nicht akzeptieren. Diese Position hat nichts mit irgendeinem Urteil bezüglich der Qualität des Films zu tun und noch weniger mit den Thesen, die er verteidigt.“ Diese peinliche Begründung wurde von der Diskussion seither ad absurdum geführt.

          Doch einen Sturm der Empörung hat Luc Rosenzweig nicht ausgelöst. Das medienkritische Portal „Arrêt sur image“ schaute sich „Auserwählt und ausgegrenzt“ an. Als hauptsächlichste Kritik übernahm seine Mitarbeiterin Juliette Gramaglia den Vorwurf von Le Diberder und verwendet den Begriff Zensur in Anführungszeichen. Daniel Vernet, wie Rosenzweig langjähriger „Monde“-Korrespondent in Deutschland, nahm die von „Bild“ eröffnete Gelegenheit wahr und befasste sich mit der Affäre auf „Slate“. Die renommierten Zeitungen und Magazine zogen nach – meist ohne klare Urteile zu fällen.

          Vernichtende Kritiken

          Die Ankündigung der Ausstrahlung in der ARD überrumpelte alle. Zum Wochenbeginn entschied Arte, den Film am Mittwochabend (um 23 Uhr) ebenfalls zu zeigen. Am Morgen verschickte die Programmzeitschrift „Télérama“ ihren Abonnenten eine Mail mit vernichtenden Kritiken dreier führender französischer Historiker. Sie rückten die Produktion unisono in die Nähe von Verschwörungstheorien. Sorbonne-Professor Johann Chapoutot, Verfasser eines Standardwerks über die Kulturgeschichte der Nazis, äußerte sich noch am gnädigsten. Doch Begriffe wie die „angeborene Schuld“, die er den beiden Autoren unterstellt, lassen vermuten, dass seine Einschätzung keine besonders überlegte gewesen sein kann.

          Die These der Dokumentation – Antisemitismus nach Ansage – mag fragwürdig und die Beweisführung einseitig sein. Aber sie enthält Aussagen und Bildsequenzen, die man in den Informationssendungen des Fernsehens nie gesehen hat. Aus Israel forderte das Außenministerium, dass der Film ins Programm komme. Seine Ablehnung in Paris erzeugt den Eindruck, als verbitte man sich jegliche Lektion in Sachen Antisemitismus – erst recht aus Tel Aviv und Berlin.

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          Doch genau sie wurde in peinlicher Perfektion vollendet. Mit 45 Minuten Verzögerung auf die ARD zeigte Arte die deutsche Version. Die vielen französischen Statements gab es in Übersetzung mit französischen Untertiteln. Die Hinweise des WDR auf die Faktenüberprüfung am unteren Bildschirmrand wurden am oberen auf Französisch ergänzt – mit gleicher Zieladresse: wdr.de. Immerhin gab es zu „Maischberger“ eine Simultanübersetzung.

          Dass sich Arte nicht zu einer eigenen Bearbeitung und Diskussion durchringen konnte, ist eine Bankrotterklärung. Daniel Vernet und Luc Rosenzweig skizzieren die unterschiedlichen Ansprüche in den beiden Ländern. „Müde wie die Ziege von Monsieur Seguin“ setze sich beim WDR die für den Film zuständige Sabine Rollberg in den vorzeitigen Ruhestand ab. Sie war in der Gründerzeit des Kulturkanals Chefredakteurin. Als „Milchkuh“ werde Arte von den deutschen Sendern betrachtet, sagt Rosenzweig. Die Chefredaktion in Paris wiederum habe eine ähnliche Auffassung von Pluralismus wie Erdogan und Putin.

          Quelle: F.A.Z.

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