Das Glück ist flüchtig. In diesem Film über Betrüger, die Fortuna permanent nachhelfen wollen, ist es nur einmal zu sehen: ungefähr zur Hälfte, nach 38 Minuten, ein kurzes Schnittbild aus dem Stadion „Stayen“ in der belgischen Kleinstadt Sint Truiden.
Es fällt ein Tor für die VV St. Truiden in einem Spiel der ersten belgischen Fußball-Liga. Die Kamera schwenkt, die Spieler jubeln, wie es Profis eben tun. Am Rande stehen Kinder. Und jubeln, wie es Kinder tun: ehrlich. Es ist der einzige Moment Glück in Hervé Martin Delpierres Dokumentation „Sport, Mafia und Korruption“.
Wer nicht genau hinschaut, verpasst den Augenblick. In diesen sechzehn Sekunden lässt Delpierre zu den Jubelbildern die Sprecherin über das Böse im Menschen, von der Perfektionierung mieser Geschäftsmodelle, von der erschütternd effizient organisierten Kriminalität im Fußball erzählen.
Darum geht es vor allem: Geldwäsche
Die türkische Mafia manipuliert Spiele in Deutschland, die Albaner in Belgien, Serben und Bulgaren kooperieren mit der Camorra in Italien, und sie alle sind Franchisenehmer der chinesischen Triaden. So einfach ist das. Und so gut ist Delpierres Film, der heute bei Arte im Rahmen des Themenabends „Sportwetten - Ein Milliardengeschäft“ ausgestrahlt wird.
Delpierre lässt alle zu Wort kommen: hilflose Sportfunktionäre nach Krisensitzungen, einen belgischen Staatsanwalt und einen italienischen, der erklärt, wie und warum die Mafiosi „Hawala“ kopieren, die Zahlungsmethode arabischer Terroristen. Den betrügerischen Torwart Marco Paoloni, der von seinem Zahnarzt erpresst worden sein will. Jean-François Gayraud, Experte des Nachrichtendienstes der französischen Police Nationale, und Mark Wade, Kriminalermittler in Newcastle. Patrick Jay, Chef des Wettangebots des Hong Kong Jockey Clubs, der nicht sagen möchte, wo das Limit der Einsätze bei seiner Einrichtung liegt, aber berichtet, dass deren Steuerzahlungen aus Wetteinnahmen acht Prozent des Hongkonger Stadthaushaltes ausmachten.
Ein namenloser Spielsüchtiger tritt auf, einer unter Hunderttausenden in der Sieben-Millionen-Stadt im Südchinesischen Meer, und der Buchmacher eines Triaden-Paten, ein sogenanntes „Beiboot“, das die Süchtigen füttert und das Geld der Bosse wäscht. Denn darum geht es ja vor allem: Geldwäsche.
Das Geld kommt aus Drogen- und Waffengeschäften, aus der Prostitution und muss sauber werden. Also fließt es in die Wetten, denn hier geht viel weniger verloren als in anderen Waschmaschinen.
Napolis Götter waren gut miteinander
Das ist nichts Neues, weshalb Delpierre in den achtziger Jahren beginnt, mit körnigen Bildern von verhafteten italienischen Fußballspielern in Fiats und Alfas aus dünnem Blech. Er erzählt die Geschichte vom ersten Titelgewinn des AC Mailand unter Präsident Silvio Berlusconi 1988.
Es heißt seit langem, dass der Sieg auch deshalb zustande gekommen sei, weil die neapolitanische Camorra zu viel Geld versenkt hätte bei einer Titelverteidigung des SSC Neapel mit Diego Maradona. Dessen Kontakte zu den Bossen sind unbestritten, Napolis Götter waren gut miteinander. Die Geschichte von der verschobenen Meisterschaft aber wird seit je dementiert. Der Fußball in Europa flirrt von Gerüchten dieser Art, und eine Stärke des Films ist, dass er danach nur noch besser wird, weil er sich auf Fakten konzentriert.
Das Schöne dabei: Delpierre macht es in großartiger Ästhetik. Da ist die belgische Ermittlerin, die im Regen von Sint Truiden den Eiskremverkäufer beobachtet. Der alte Taxifahrer, den nachts im Hafen von Hongkong ein gigantischer Lionel Messi von einer Werbetafel anstrahlt. Diese Bilder verhalten sich zu den Alfas und Fiats der Carabinieri wie Onlinewetten zu den gemütlichen Lotto-Toto-Scheinen von früher. Livewetten sind Geldwäsche auf Speed. Und Gier gibt es jetzt in HD.
„Tiefgreifende Fehlfunktion“
Mehr als eine Milliarde Euro wurde auf das Champions-League-Finale zwischen dem FC Barcelona und Manchester United im vergangenen Jahr online gesetzt. In zehn Tagen empfängt Bayern München den FC Chelsea. Vor dem Spiel und in der Halbzeitpause wird wohl der Spot zu sehen sein, in dem Robben, Müller und ein paar andere Bayern für die Wetten ihres Sponsors werben, um noch ein paar Schnellentschlossene zu ködern. Und in Fernost werden mitten in der Nacht die Lokale überquellen und die Süchtigen vor den Flatscreens kleben, die das Spiel aus München zeigen.
Die Straftaten im Fußball seien das Symptom einer „tiefgreifenden Fehlfunktion dieses Wirtschaftszweigs“, sagt Geheimdienstmann Gayraud. In Zeiten, in denen sich Fußballmanager für den nächsten Fernsehvertrag im Maximalformat feiern, sind es Sätze wie dieser, die Delpierres Film zu einem Glücksfall machen. Er zeigt, dass es verdammt wenig „Glück“ gibt im Profisport.