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TV-Doku zum Islamismus : Der Horror beginnt erst

Er hat sich zum Kalifen ernannt. In seinem Herrschaftsgebiet regieren Terror und Furcht: Abu Bakr al Bagdadi. Bild: dpa

Wer wissen will, welche Fehler des Westens den islamistischen Terror groß machten, muss den Film „Von 9/11 zum Kalifat“ sehen. Er belegt die kriminell zu nennende Dummheit der Regierung Bush.

          Wer die frühere CIA-Terroranalystin Nada Bakos sprechen hört, möchte nur noch verzweifeln. Denn sie kann einem sagen, wie es dazu kam, dass der islamistische Terrorismus zur Geißel der Menschheit wurde und heute die ganze Welt bedroht. Dahinter steht der Vernichtungswille von pathologisch grausamen Schwerverbrechern, die sich als religiöse Führer tarnen und erst zufrieden sind, wenn sie die größtmöglichen Massaker verübt und ein Kalifat errichtet haben, wie sie ihren Terrorstaat nennen. Dahinter steht allerdings auch die kriminell zu nennende Dummheit der Regierungen des Westens und des Ostens, der Vereinigten Staaten und Russlands, die immer wieder auf die Falschen setzen und immer wieder dieselben Fehler begehen, weil sie die Gefahr nicht erkennen, weil sie kurzfristig denken und stets aufs Neue das Monster füttern, das immer mehr Menschen verschlingt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Anfang 2014 tauchte die Terrormiliz „Islamischer Staat“, die man besser mit dem abwertenden, aus dem Arabischen stammenden Begriff „Daesh“ belegt, scheinbar aus dem Nichts auf, heißt es zu Beginn der Dokumentation „Von 9/11 zum Kalifat“ von Michael Kirk und Mike Wiser. Aus dem Nichts kam die Terrormiliz selbstverständlich nicht, sie stand nur nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit im Westen.

          Obama zögerte und zögerte

          Der nahm mit Verblüffung zur Kenntnis, dass dieser Mördertrupp bald weite Teile Syriens und den Nordirak beherrschte. Zumindest der amerikanische Präsident Barack Obama hätte es wissen können, denn er hatte lange zuvor vom Geheimdienst CIA, von seinem Botschafter in Syrien und von seinem halben Sicherheitskabinett den Hinweis bekommen, es sei an der Zeit, die gemäßigte syrische Opposition zu unterstützen, weil der Daesh-Anführer Abu Bakr al Baghdadi im Begriff war, den Plan in die Tat umzusetzen, den der 2006 getötete Terrorist Abu Musab al Zarqawi im Irak verfolgt hatte: durch grausame Anschläge und Massenmorde zwischen Schiiten und Sunniten so lange Terror zu verbreiten, bis beide religiöse Fraktionen übereinander herfallen, sich dann gemeinsam als Opfer der „Ungläubigen“ wahrnehmen und die islamistischen Terrorfürsten schließlich als natürliche Anführer im „Heiligen Krieg“ akzeptieren.

          Vor besagtem Zarqawi hatte die CIA, hatten namentlich die Analysten Nada Bakos und Sam Faddis, den früheren Präsidenten Georg W. Bush nach den Attentaten vom 11. September 2001 und noch vor dem Einmarsch der Amerikaner im Irak gewarnt. Doch was geschah mit ihrem dringlichen Hinweis? Aus der Warnung vor einem Terroristen, der in einem Trainingslager im Nordirak gefährliche Leute um sich scharte und auf chemische und biologische Waffen aus war, wurde durch die Verdrehung aller dem Geheimdienst und den Experten bekannten Tatsachen die Rede des früheren amerikanischen Außenministers Colin Powell am 5. Februar 2003 vor den Vereinten Nationen.

          Regierung Bush ignorierte die Fakten

          In der führte er aus, dass Saddam Hussein über chemische Waffen verfüge und es eine Verbindung zwischen Saddam und Al Qaida gebe. Zurechtgebogen hatte diese Darstellung, die zu einem bis heute andauernden Verhängnis führte, das Büro des damaligen Vizepräsidenten Dick Cheney, dem es, wie dem damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, einzig und allein darum ging, Gründe für einen Feldzug gegen Saddam Hussein zu (er)finden.

          Die CIA warnte früh vor ihm, doch die Regierung Bush war hinter Saddam Hussein her: Abu Mussab al-Zarqawi, der bis zu seinem Tod 2006 unzählige Terroranschläge ausführte und befahl.

          Die wahre Bedrohung ignorierte die Bush-Administration genauso wie den Zerfall des Irak, der einsetzte, als die Amerikaner Saddam vertrieben hatten und dachten, sie hätten die Schlacht gewonnen. So wie die Sowjets, die 1989 in Afghanistan einmarschierten, hatten die Amerikaner Panzer, aber keinen Plan, sie lösten mit einem Federstrich die irakische Armee auf und setzten Hunderttausende auf die Straße: Da fiel Heerführern wie Zarqawi und später Baghdadi die Rekrutierung denkbar leicht.

          Nach dem 11. September, sagt einer der Experten, welche die Filmemacher Kirk und Wiser in beeindruckender Zahl mit durch die Bank bedrückenden Statements auftreten lassen, habe der engere Kreis um Usama Bin Ladin vielleicht vierhundert Mann umfasst. Und heute? Heute bekennen sich mehr als vierzig Terrorgruppen in sechzehn Ländern zum IS respektive Daesh und verüben Anschläge in der ganzen Welt, in Bagdad, Damaskus, Delhi, Paris, Brüssel und Ansbach. Die Amerikaner unterstützen derweil den zunehmend islamistischen Autokraten Erdogan, der als Nato-Partner in Syrien einmarschiert und die Kurden angreift, die bis eben noch die wichtigsten Verbündeten des Westens im Kampf gegen Daesh waren. „Das Schlimmste“, heißt es in dem Film „Von 9/11 zum Kalifat“, „stehe noch bevor, sagen die Terroristen“. Wenig spricht dafür, dass sie falsch liegen.

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