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Arte-Doku über Finnland : Die erfundene Nation

  • -Aktualisiert am

Helsinki im Jahre 1890: Damals gehörte Finnland noch als autonomes Großfürstentum zu Russland. Bild: © Library of Congress

Eine knappe Stunde reicht leider nicht für den großen Bogen, den der französische Dokumentarfilmer Olivier Horn zum hundertsten Geburtstag Finnlands zu schlagen versucht.

          Für das Jahr 1917, zu dem Ereignisse gehören wie der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg oder die Umbrüche in Russland, hat sich die Bezeichnung „Epochenjahr“ eingebürgert. Dass in jenem Jahr auch das unabhängige Finnland geboren wurde, das einst zu Schweden und seit 1809 als autonomes Großfürstentum zu Russland gehört hatte, haben diesseits der Ostsee dann aber doch die allerwenigsten auf dem Schirm.

          Am 6. Dezember 1917, kurz nach der „Oktoberrevolution“ in Russland also, verlas Senatspräsident Pehr Evind Svinhufvud eine entsprechende Erklärung, und die erhoffte Anerkennung dieses Schrittes in die Unabhängigkeit durch die in Petersburg an die Macht gelangten Bolschewiki erfolgte nur Wochen darauf. Trotzdem blieb der Bürgerkrieg dem Land nicht erspart. Er endete zugunsten der „Weißen“, nachdem das Deutsche Reich einige tausend Soldaten zur Unterstützung entsandte, und wurde noch im Nachgang von entsetzlichen Grausamkeiten geprägt.

          Ära der finnisch-russischen Saunabesuche

          Der grobe Verlauf dieser Ereignisse lässt sich einer Dokumentation entnehmen, die der französische Dokumentarfilmer Olivier Horn zum hundertsten Geburtstag Finnlands gedreht hat. Es wirkt, als sei sie mit einiger Hast gedreht worden: Bei einigen Interviewpartnern erfährt der Zuschauer nicht einmal, was sie zum Stichwortgeber qualifizieren soll. Andere sind es zweifelsohne, wie die Historiker Hannes Saarinen oder Henrik Meinander. Sie könnten aber viel mehr als nur die zitierten Sätze erzählen.

          Fernsehtrailer : „Finnland - Geschichte eines unabhängigen Landes“

          Vor allem hätte man sich gerne noch ausführlicher mit dem speziellen deutsch-finnischen Verhältnis auseinandersetzen können. Horn tippt es zwar an, ob es nun die Auswirkungen der Reformation sind, das Wirken des Architekten Carl Ludwig Engel in Helsinki, die Unterstützung im Bürgerkrieg (die Finnland im Herbst 1918 einen deutschen König bescherte, der Helsinki niemals erreichte) oder das komplizierte deutsch-finnische Verhältnis während des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Aber es weht eher am Zuschauer vorbei.

          Das liegt am großen Bogen, den Horn in der knappen Stunde zu schlagen versucht. Er ist bis zum Bersten gespannt und reicht vom Theologen Mikael Agricola, der nach dem Studium in Wittenberg das Neue Testament ins Finnische übersetzte, über die intellektuelle Erfindung der finnischen Nation durch Maler, Musiker und Schriftsteller im 19. Jahrhundert bis in die Ära der finnisch-russischen Saunabesuche. Ziel ist die Gegenwart, in der glückstrunkene finnische Abiturienten im Kipplader-Corso durch Helsinki ziehen.

          Ähnliche Bilder, eine fröhliche Jugend, unbeschwert das Leben genießend, sind dabei auch im Kapitel über die Zwischenkriegsjahre zu sehen. Sie endeten für Finnland durch Stalins Angriff im November 1939. Ein Denkmal für den knapp dreimonatigen Winterkrieg (auf den 1941 dann der vom deutschen Angriff auf die Sowjetunion ermöglichte „Fortsetzungskrieg“ folgte, 1944 schließlich der „Lapplandkrieg“ gegen deutsche Truppen), ein von Pekka Kauhanen gefertiges Standbild aus Stahl, das einen Soldaten auf einer Weltkugel und im Inneren 105 Fotos zeigt, ein Foto für jeden Kriegstag, wurde in Helsinki erst vergangene Woche enthüllt.

          Finnland – Geschichte eines unabhängigen Landes läuft um 22.10 Uhr auf Arte.

          Quelle: F.A.Z.

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