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Arte-Doku : Die Dystopie des Silicon Valley

  • -Aktualisiert am

Im Süden der Bucht von San Francisco entscheidet sich auf wenigen hundert Quadratkilometern die Zukunft der Welt. Bild: © Pumpernickel Films

Kommt die Herrschaft der Ingenieure? Eine Arte-Doku malt eine düstere, von Ideologen des „Silicon Valley“ geschaffene Zukunft – und bescheinigt den Zuckerbergs dieser Welt maßlose Selbstüberschätzung.

          Das „Silicon Valley“ ist eine unheimliche Veranstaltung. Diese Botschaft tönt aus etlichen Reportagen über die IT-Firmen und Investoren heraus, die unweit der amerikanischen Metropole San Francisco ihren Sitz haben, besonders laut aber aus jenen, die das Denken in dem unternehmerischen Treibhaus zu beschreiben versuchen, in dem Firmen wie Google, Apple und Facebook ebenso unkontrolliert wie hemmungslos schalten und walten.

          Wie schnell könnten die hier mit glühenden Augen vorgetragenen Visionen von einer mit technischen Mitteln ermöglichten „besseren“ Welt in einem Albtraum enden. Allein die Daten, die von den IT-Riesen gesammelt werden, verleihen eine unglaubliche Macht. Die Unternehmen könnten, wie es der blutjunge Bitkom-Millionär Jeremy Gardner im Interview mit dem britischen Dokumentarfilmer David Carr-Brown formuliert, bald „mächtiger als das Römische Reich, das Reich der Mongolen oder das British Empire“ sein. Wobei es nicht beruhigender wäre, befände sich der Datenschatz in staatlicher Hand, die zuweilen schon jetzt auf ihn zugreifen kann.

          Carr-Brown jedenfalls, Schöpfer der achtzigminütigen Doku „Silicon Valley. Wo die Zukunft gemacht wird“, die Arte France in Auftrag gegeben hat – im Französischen ist der Titel treffender: „Empire du futur“, das Imperium der Zukunft –, traut den großen Konzernen des Valleys nicht über den Weg.

          Die Herrschaft der Ingenieure

          Sein Film beginnt – nach atmosphärischen Aufnahmen einer Blechlawine, die in der Morgensonne auf das „Silicon Valley“ zurollt – mit einem Blick in die Geschichte: Eine schier endlose Flotte dunkelgrau lackierter Autos, einige mit Lautsprechern auf dem Dach, rollt im Sommer 1947 von Kalifornien aus bis nach Kanada. Auf den Türen tragen die Wagen ein rot-weißes Emblem, nachempfunden dem Taijitu, dem Symbol für Yin und Yang. Es handelt sich um eine Werbeaktion der „Technocracy“-Bewegung, die in Amerika seit der Wirtschaftskrise von 1929 für eine Herrschaft von Ingenieuren warb und für die Ineffizienz der bestehenden politischen Ordnung nur ein kühles Lächeln übrig hatte.

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          Die Software-Ingenieure im „Silicon Valley“, die ihrem Tagwerk in bunter Kapuzenuniform statt grauem Anzug nachgehen, erinnern den Filmemacher an die Überheblichkeit und die Ambitionen dieser heute längst vergessenen Bewegung. „Sie arbeiten für charismatische Firmenchefs“, heißt es in der Doku, „die mit ihrem Reichtum, Wissen und den von ihnen gesammelten Daten die Welt erobern wollen“. Die Chefs wiederum lassen Konzernzentralen bauen, die in puncto Größe selbst „dem Pentagon in nichts nach“ stehen. Sie propagieren Werte, die in den Kommunen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre gelebt wurden und huldigen zugleich einem entfesselten Kapitalismus.

          Vor allem entwickeln sie aber Produkte, mit denen die „politischen Spielregeln“ verändert und ganze Gesellschaften „aus den Angeln“ gehoben werden. Ohne sich um die Folgen zu kümmern, zu denen zum Beispiel die Zersplitterung des öffentlichen Raumes gehört, den die Demokratie braucht. Vermutlich lese man im „Silicon Valley“ keine Science-Fiction-Romane, sagt ein Gesprächspartner von David Carr-Brown in die Kamera. Sonst wüssten sie: „Wenn das schief geht, dann richtig.“ Der Mann, ein Taxifahrer, der früher für Uber gearbeitet hat, erlebt bei seinen Fahrgästen eine „Alles-oder-nichts-Goldrausch-Mentalität.“

          Allerdings irrt er wohl, was die literarischen Warnungen betrifft. Denn auch Ingenieure lesen natürlich. Machen die Großmeister der Disruption trotz aller Warnungen, was sie machen. Sie würden im Zweifel noch im Untergang rufen: „We can fix this!“, wir können es reparieren. Denn sie überschätzen sich innerhalb ihrer Blase maßlos.

          Nur: Wir Kunden sind kaum besser. Wir schlagen alle Warnungen vor der Verwendung der glänzenden Produkte aus dem „Silicon Valley“ in den Wind, weil uns der Nutzen größer als das Risiko erscheint. Da ist es umso pfiffiger, dass Arte an diesem Abend noch einen zweiten, weniger alarmistischen Film zum Thema Digitalisierung auf Lager hat. Er beschäftigt sich mit der „Hysterie ums Netz“, verzahnt die Technikbegeisterung einer deutschen Familie mit Risikobewertungen von Experten. Und läuft gleich im Anschluss.

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