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TV-Film „Luise und Mohamed“ : Sand im Getriebe

  • -Aktualisiert am

Neue Heimat Algier: Mohamed und seine Tochter Sainab. Bild: © Beatrix Schwehm

Die Dokumentarfilmerin Beatrix Schwehm hat eine Familie bei der Übersiedlung von Deutschland nach Algerien begleitet. In „Luise und Mohamed“ geht es auch um die Konversion zum Islam.

          In zwei Welten lebe sie, sagt Sainab, unterschiedlich wie Wachheit und Traum. Ist sie in Deutschland, erscheint ihr Algerien. In Algier träumt sie von Deutschland. Ihre Hoffnung sei, so erzählt sie der Dokumentarfilmerin Beatrix Schwehm, dass sich beide Welten eines Tages „verhäkeln“ werden. Ilyas, Sainabs jüngerer Bruder, diskutiert mit seinem deutschen Opa Mateng beim Picknick, ob es sinnvoll sei, dass er, der Atheist, noch Muslim werde. Ilyas sieht das Problem von der praktischen Seite. Mateng sei schon im fortgeschrittenen Alter, weshalb sich die Sache schwierig gestalten werde. Allein die ganzen Regeln und Vorschriften des Korans. Vielleicht besser, dass alles so bleibt, wie es ist. Aber schwierig ist es schon.

          Zum Schluss des Films „Luise und Mohamed – Aufbruch nach Algier“ sinniert Sainab über den Wert eines jeden Menschen. Sie trägt Kopftuch von klein auf. Anders als einige ihrer Freundinnen in Algier. Sie ist dem Islam sehr zugewandt, beachtet viele Vorschriften. Dass aber nur Muslime ins Paradies kommen sollten, ist für sie eine Denkunmöglichkeit. Sainab ist dreizehn, Ilyas wird bald neun, als der Film sie und ihre Familie 2015 verlässt. Die Kinder wirken reflektiert und innerlich frei, reden höchst farbig und können sich auf Deutsch erstaunlich differenziert ausdrücken. Wie es mit ihrem Hocharabisch aussieht, ist eine andere Frage. Sainab bekommt in der Schule Bestnoten bei einem Referat über häusliche Gewalt. Es bleibt schwierig. Nicht nur im Alltag der deutsch-algerischen Familie, sondern auch für den Zuschauer.

          Von Deutschland nach Algerien: Luise und Mohamed.
          Von Deutschland nach Algerien: Luise und Mohamed. : Bild: © Beatrix Schwehm

          2008 hat Beatrix Schwehm mit ihrem ersten Film über die Familie Frische-Boumakhlouf den Grimme-Preis erhalten. „Luise – eine deutsche Muslima“ stellt die Konfrontation zwischen Sainabs und Ilyas’ Mutter Luise und deren Mutter Rita in den Mittelpunkt. So genau wie zurückhaltend beobachtet, die Balance zwischen den Konfliktfeldern suchend, diskutieren Mutter und Tochter über Luises Entscheidung, zum Islam zu konvertieren und nicht nur das Kopftuch, sondern auch die Körperverschleierung zu wählen. Rita, die jahrelang für Frauenrechte und gegen Diskriminierung gekämpft hat, tut sich schwer mit Luises Wahl. Die Frauen belassen es aber nicht beim Bruch, suchen Verständnis, scheitern, starten neu, mehrfach. So tastet sich der Film an Schmerzgrenzen der Überzeugung heran. Sein Publikum lässt er heftig diskutierend zurück.

          2014 ziehen Luise und ihr Mann Mohamed nach Algier. Die Umsiedlung ist gut vorbereitet, eine geräumige Wohnung gemietet. Mohamed, Ingenieur für Automatisierungstechnik mit fester Anstellung, will mit seinem deutschen Chef eine Nordafrika-Vertretung gründen. Vor allem aber, berichten die Eheleute, denken sie an die Zukunft der Kinder. Sainabs kommende Pubertät. Die Freiheit der Mädchen mit Disko und Jungsbeziehungen in Deutschland, die nicht ihrer Vorstellung von Freiheit entspricht. Beatrix Schwehm begleitet sie über Monate, auch bei inzwischen verschärfter Sicherheitslage, und wie schon im ersten Film ist die Offenheit Luises und ihres Mannes erstaunlich und gelegentlich paradox. Trockener Humor trifft Alltagsprobleme. In der Schule ist es üblich, dass Kinder geschlagen werden. Soll man das etwa als kulturelle Besonderheit akzeptieren?

          Gruppenbild mit Großeltern: Rita und Mateng mit ihren Enkeln.
          Gruppenbild mit Großeltern: Rita und Mateng mit ihren Enkeln. : Bild: © Beatrix Schwehm

          Der Gesprächsbedarf bezieht sich auf wichtige Fragen und unzählige Details. Luise: „Ich bin hier Muslima mit Migrationshintergrund.“ Sie fährt Auto, geht allein einkaufen, nimmt sich Freiheiten, die ihre algerischen Schwägerinnen schockieren dürften. Der große Konflikt der Überzeugungen ist Vergangenheit, aber die Lage bleibt fragil. Mutter Rita hadert nach wie vor mit der Verschleierung von Tochter und Enkelin. Zur Auswanderung: „Ich habe mich auf den Standpunkt gezerrt, das auf mich zukommen zu lassen.“ Mateng stört die Trennung von Frauen und Männern beim Essen oder im Alltag. Wenn ihm etwas heilig ist, dann die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Luise und Mohamed wünschen sich für ihre Kinder eine selbstbestimmte Zukunft. „Dazwischengrätschen“ sollen sie, ihren eigenen Weg gehen, eher Sand im Getriebe sein als funktionierendes Rädchen. Die Wirklichkeit ist widersprüchlich. Zusammenleben ein nicht abreißendes Gespräch.

          Hinreißend in der zweiten Doku mit Luise sind die Kinder. Mit einem Bein in Algerien, mit dem anderen in Deutschland. Im Gespräch mit dieser Zeitung berichtet die Dokumentaristin Schwehm vom geplanten dritten Teil. Es wird wohl ein Film über Sainab, die jetzt vierzehn ist, mit ihren deutschen Freundinnen per Whatsapp in Kontakt steht und sich sehr mit Religion beschäftigt. Was ist, wenn Sainab achtzehn ist? Nach wie vor lebt die Familie in Algier, ist zweimal im Jahr in Deutschland. Sie wirken, so beschreibt es auch Rita, wie das „Experiment“ einer muslimisch-algerischen Familie mit deutschen Wurzeln und atheistischem Hintergrund.

          Luise und Mohamed, heute, Dienstag 21. August, um 23.35 Uhr bei Arte.

          Quelle: F.A.Z.

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