http://www.faz.net/-gqz-8qv2w

Arktis-Krimiserie „Fortitude“ : Im ewigen Eis findet niemand seine Ruhe

  • -Aktualisiert am

Hier gibt es ein paar Büsche zu viel, aber sonst macht sich Island gut als Spitzbergen – und als Hintergrund dieses eiskalten Krimis. Bild: SWR/Sky UK Limited

Eisbären sind da noch vergleichsweise harmlos: In der britischen Krimiserie „Fortitude“ geht es um seltsame Todesfälle in der Arktis.

          Dass nichts ist, wie es scheint, dürfte das Mindeste sein, was Zuschauer von einem über zwölf Episoden gestreckten Krimi erwarten. Bei der britischen Serie „Fortitude“, die von Sky produziert wurde und nun bei Arte läuft, gilt das nicht nur für die Handlung. Die Serie behauptet, auf der Inselgruppe Spitzbergen im Nordmeer zu spielen, an einem Ort, der zu Norwegen zählt, aber selbst vom Nordkap noch einmal achthundert Kilometer entfernt ist. Unentwegt sind norwegische Polizeiwagen, norwegische Polizeipullover und eine norwegische Gouverneurin im Bild.

          Tatsächlich wurde auf Island gedreht, auf 65 statt 78 Grad nördlicher Breite, und dabei nahm sich die Produktion so viele Freiheiten heraus, dass die Spitzbergener Nachrichtenseite „Icepeople“ die Unterschiede zwischen echtem und fiktivem Spitzbergen unbedingt vorstellen wollte. So viele Bäumchen, klagte sie. Und so wenig Interesse an der strategischen Bedeutung Spitzbergens, die sich durch den Klimawandel, die Rohstoffe im Nordmeer und die Handelswege der Zukunft noch einmal vergrößert hat! Das ist alles richtig. Spielt aber alles keine Rolle. Denn diese Serie braucht die Wirklichkeit nicht so, wie die Wirklichkeit Ablenkung braucht. Und immerhin wurde der Name verändert: Fortitude, nicht Longyearbyen, heißt die nachts von Polarlichtern überzogene Siedlung im Nichts, die einst nur wegen eines Bergwerks entstand. 713 Einwohner, Flugplatz, Wissenschaftszentrum, Sauna und Bar.

          Jetzt ist der auch noch tot: Sherriff Anderssen (Richard Dormer) findet Fotograf Tyson (Michael Gambon).

          Zum Sterben darf hier niemand bleiben

          Aus Sicht der Gouverneurin, die Touristen mit einem Eishotel anlocken will, ist es der einzige Ort in der Welt, an dem man garantiert ungestört ist und sicher. Aus Sicht einer Südländerin, die aus unerfindlichen Gründen nach Norden abbog, ein unheilschwangerer Ort, an dem jederzeit „etwas aus dem Nichts“ auftauchen kann. Verführerische Frauen etwa. Zu diesem Zeitpunkt muss die Bevölkerungszahl Fortitudes bereits korrigiert werden. Ein greiser Fotograf namens Henry Tyson (Michael Gambon) stieß am vereisten Ufer auf einen Eisbären, der über einen britischen Forscher gebeugt war, und sein Versuch, dem Mann mit einem Schuss aus der Flinte zu helfen, endete desaströs – der Forscher starb per Kopfschuss.

          Tyson lässt das keine Ruhe. Zwar hat ihm der Ortspolizist (Richard Dormer), versprochen, kein Wort über den misslungenen Schuss zu verlieren – der Forscher hätte die Begegnung mit dem Eisbären ja ohnehin kaum überlebt. Tyson irritiert aber, dass der Polizist auch an Ort und Stelle war. Monate später, als es eine zweite Leiche gibt, greift Tyson zum Telefon, um einen Ermittler aus London zu rufen. Sein Verdacht lautet: Der Ortspolizist hat zwei Morde verübt, im Auftrag der Gouverneurin Hildur Odegard (Sofie Gråbøl). Das könnte allerdings auch eine fiese Finte sein. Der alte Tyson ist krank, und die Gouverneurin muss die Vorschrift umsetzen, dass zum Sterben niemand auf der Insel bleiben oder dort begraben werden darf – weil im Permafrostboden nichts verrottet. Was das in der Praxis bedeutet, könnte der eingeflogene Ermittler Eugene Morton (Stanley Tucci) theoretisch in einer Garage studieren.

          Und was hat die Gouverneurin (Sofie Gråbøl) zu verbergen? Chefinspektor Morton (Stanley Tucci) ermittelt – unter anderem in den Garagen anderer Leute.

          Hier wird die Geschichte skurril, weil Drehbuchautor Simon Donald mit Mystery- und Horror-Elementen jongliert. In der Garage werden die Überreste eines Mammuts versteckt. Kinder fanden sie im Tauwasser eines Gletschers, und für eines von ihnen scheint die Wandertrophäe schlimme Folgen zu haben: es liegt bewusstlos darnieder, während zwei Bergleute Kapital aus dem Fund zu schlagen versuchen.

          So könnten wir es nicht nur mit einem blutigen Whodunnit auf einer Insel im Nordmeer zu tun haben, sondern auch mit einem Bio-Thriller. So oder so: „Fortitude“ ist betörend dunkel und turbulent. Eisbären brüllen. Hubschrauber fliegen. Schlauchboote brausen, und eine Waffe hat hier jeder. Wer drei Decken hat, in die er sich wickeln kann, ist für die sagenhafte Kälte, die „Fortitude“ ausstrahlt, bestens gerüstet.

          Weitere Themen

          Glauben Sie, Dumbledore wird um Sie trauern?

          Kinocharts : Glauben Sie, Dumbledore wird um Sie trauern?

          Die Kritiken waren verhalten, in Nordamerika ist auch das Publikum zurückhaltender als beim ersten Teil der Reihe „Phantastische Tierwesen“: „Grindelwalds Verbrechen“ steht an der Spitz der Kinocharts.

          Topmeldungen

          Streit um UN-Migrationspakt : Wie man erst recht im Bockshorn landet

          Jens Spahn will auf dem Hamburger CDU-Parteitag über den UN-Migrationspakt abstimmen. Auch wenn manche das als seinen letzten Strohhalm im Rennen um den Parteivorsitz deuten – der Grundkonflikt ist nicht neu. Er wurde nur lange nicht ausgetragen. Ein Kommentar.

          Bewerbung um CSU-Vorsitz : Söders Reifeprüfung

          Auf seiner ersten Pressekonferenz als offizieller Bewerber um den CSU-Vorsitz macht Markus Söder einen gut sortierten Eindruck. Er übt sich in Selbstkritik – zumindest ein bisschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.