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Seehofer-Film im Ersten : Der Eisenbahner

In seinem Film „Horst Seehofer und der neue Rechtsruck“ bringt Reinhold Beckmann den CSU-Chef zum Reden. Das Beben in der Union nimmt der Journalist vielleicht nicht ernst genug. Dafür darf er in Seehofers Keller.

          An Horst Seehofer scheiden sich die Geister. Er hat nicht nur, wie alle Politiker, Gegner und Unterstützer, die seinen Kurs für falsch oder richtig halten. Er gibt Rätsel auf. Hat er eine Strategie, ist er ein Ministerpräsident und CSU-Chef mit Weitblick, oder ist er das, was die Angelsachsen a loose cannon nennen?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Als solche wird er in der letzten Zeit vor allem von den Freunden der Schwesterpartei in Berlin wahrgenommen. Denn Horst Seehofer ist seit dem 4. September der härteste Antagonist der Bundeskanzlerin, die an jenem Tag die deutschen Grenzen für die Flüchtlinge öffnete, die in Ungarn festsaßen. Seither ist mehr als eine Million Menschen nach Deutschland gekommen – wie viele genau, weiß niemand –, hat sich das Land gespalten, geht ein Riss durch die ehemaligen Volksparteien, insbesondere die Union, ist die AfD erstarkt und sind die Parteien der großen Koalition bei den Landtagswahlen abgestraft worden. Die Bundeskanzlerin hat zwischendurch zwei vielbeachtete Soloauftritte bei Anne Will im Fernsehen gehabt und ist in der Flüchtlingpolitik bei ihrem „Wir-schaffen-das“- Mantra geblieben. Genauso standhaft wie sie blieb Horst Seehofer mit seinem Zweifel an diesem Spruch. Sein ceterum censeo lautet: So schaffen wir das nicht, wir sollten zumindest eine Obergrenze für die Flüchtlingsaufnahme nennen.

          Ist Seehofer ein „Brandbeschleuniger“?

          Ein guter Grund und der richtige Zeitpunkt also, sich Horst Seehofer in einem Porträt-Film zu nähern. Das fällt auch ins Fach von Reinhold Beckmann, der in seiner Talkshow meist dann besonders gut war, wenn er sich vorurteilsfrei mit nur einem Gegenüber beschäftigte. Die Begegnung mit dem bayerischen Regierungschef allerdings steht von Beginn an unter einem Vorzeichen: „Horst Seehofer und der neue Rechtsruck“ heißt der Film, was andeutet, dass der CSU-Chef mit diesem „Rechtsruck“ wohl etwas zu tun habe. Dem eigenen Empfinden nach hält Seehofer ihn selbstverständlich auf, doch gleich zu Beginn und am Ende von Beckmanns Beitrag hören wir etwas anderes: Horst Seehofer habe wie ein „Brandbeschleuniger“ für die AfD gewirkt.

          Das sagt der Werber und Berater Frank Stauss, der für die SPD seit zwanzig Jahren Wahlkampf macht. Von Klaus Wowereit über Gerhard Schröder bis zu Peer Steinbrück reicht die Phalanx seiner Auftraggeber, zuletzt steuerte er das Seine zu Malu Dreyers Wahlsieg in Rheinland-Pfalz bei. Sein Job als Spin-Doctor war mit dem Wahltag nicht vorbei. Der CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner attestierte er, sie habe Panik bekommen, sei der AfD nachgelaufen und dafür von den Wählern bestraft worden. Das entspricht der Lesart im Kanzleramt und der Berliner CDU-Spitze, die dazu geeignet ist, die politische Karriere von Julia Klöckner endgültig zu begraben. Dann hätte Angela Merkel abermals eine aufstrebende Kraft der Partei erledigt und eine prominente Opponentin weniger, die einen Aufstand gegen sie unterstützen könnte, vor dem die Union längst steht.

          Diesen Hintergrund – das Beben nicht nur in der CSU, sondern der CDU – nimmt Reinhold Beckmann zwar wahr, tut es aber gleich wieder ab. Eben noch ist er mit der Kamera bei der AfD und bei Pegida in Dresden, die nächste Einstellung zeigt Horst Seehofer bei einem CSU-Treffen mit Bayerischem Defiliermarsch. Die Intention dieses Kurzschlusses ist klar, sie entspricht der Lesart des SPD-Beraters Stauss. Doch ist er für eine journalistische Betrachtung der Richtige, um Horst Seehofer und die Union in den Blick zu nehmen?

          Wohl kaum, mit ihm bekommt der Film Schlagseite, die auch nicht die Gespräche wettmachen, in denen Beckmann den bayerischen Ministerpräsidenten wunderbar zum Reden bringt, weil er ihn erkennbar bei seiner Eitelkeit packt, mit der er sich – wie beim CSU-Parteitag im vergangenen November, auf dem er Angela Merkel zwölf Minuten lang vor versammelter Mannschaft belehrte – regelmäßig unmöglich macht. Wobei man, was Beckmann tut, daran erinnern muss, dass die Kanzlerin seinerzeit die Rückkehr Seehofers, der zwischendurch ganz abgemeldet war, vehement zu verhindern trachtete.

          Am Ende sehen wir den Politiker im Keller seines Hauses vor der berühmten Modelleisenbahn. Hier, sagt der Porträtist Beckmann, sei Seehofer „ganz bei sich und kann bestimmen, wo die Kanzlerin steht“. Wir sehen Angela Merkel als Playmobil-Figur neben Sigmar Gabriel vor dem Bahnhof. In guten Zeiten sei sie die Chefin der Anlage, sagt Seehofer, in schlechten lande sie auf der Fensterbank. Die Frage ist, ob das vor oder erst nach der nächsten Bundestagswahl passiert.

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