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Veröffentlicht: 16.04.2017, 08:29 Uhr

„Doppeltes Lottchen“ im Ersten Sie sind Kinder aus Verlegenheit

Die neue ARD-Verfilmung des „doppelten Lottchens“ von Erich Kästner will vor allem eines sein: sehr zeitgemäß. Und zwar nicht behutsam und klug, sondern brutal mit der Brechstange.

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© SWR/Uschi Reich Filmproduktion GmbH/Marco Nagel Unter den Blicken Beethovens: In der Neuverfilmung des „Doppelten Lottchens“ spielt Lotte (Delphine Lohmann, r.) Luise (Mia Lohmann) auf dem Klavier vor.

Das Schöne, nein, das Richtige an der ersten Verfilmung von Erich Kästners 1949 erschienenem Kinderbuch „Das doppelte Lottchen“ ist, dass die Geschichte als eine Geschichte von zwei (zum Verwechseln ähnlichen) Kindern erzählt wird, die sich gegen ihre Eltern behaupten. Und zwar im doppelten Sinn: indem sie sich nämlich einerseits mutig und listig gegen ihre Entscheidung zur Trennung stellen, andererseits aber eben vor allem auch, weil sie sich den Erwachsenen gegenüber kindliche Einfalt und Zuversicht bewahren. Luise und Lotte sind Kinder aus vollem Herzen, nicht aus Verlegenheit. Sie sind große Mädchen, keine kleinen Erwachsenen. Und das, obgleich sie – von heute aus betrachtet – in ihrem Verhalten und Aussehen oft sehr streng, eben noch ganz in der Aura der Nachkriegszeit gefangen scheinen.

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Die Zöpfe sind fest geflochten, das Lächeln ist verlegen, die Mienen sind kontrolliert, und wenn sie Limonade trinken, dann bestellen sie sich schnell einen Strohhalm dazu. Und doch klingt, wenn die beiden „Mutti“ oder „Vati“ sagen, sofort die kindliche Sehnsucht nach Schutz und Innigkeit an, von der Kästners Erzählung lebt. Dann spricht aus ihnen jene Hilflosigkeit, die einen berührt und zum Mitstreiter macht bei ihrem Plan, die egoistischen Eltern durch einen Rollentausch einander wieder näher zu bringen. Die wilde Luise wird zur braven Lotte (und umgekehrt), und Erich Kästner kommentiert das Geschehen als Erzähler mit jener sanften, leicht sächselnden Großvaterstimme, die einem als melodischer Ruhepol lange im Ohr bleibt.

Muss es gleich das Gegenteil sein?

Einen Erzähler gibt es nicht in der ARD-Neuverfilmung des „doppelten Lottchens“. Nur kurz klingt am Anfang und am Ende die Stimme von Lottes Großmutter aus dem Off. Unmotiviert und wirkungslos – wie so manches in diesem Film, der besonderen Wert darauf legt, zu aktualisieren. Und zwar nicht behutsam und klug, sondern brutal mit der Brechstange: Fast jede Einstellung, jede Dialogsequenz soll hier deutlich machen, dass und wie sich die Zeiten verändert haben. Luise war schon in Afrika auf einer Safari und schießt schnelle Selfies, Lotte hat eine japanische Klavierlehrerin und ist eher „relaxed“. Statt „Vati“ oder „Mutti“ nennen sie – Ruhmeszeichen einer fortschrittlichen Erziehung – ihre Eltern „Jan“ und „Charlize“, als wären sie ihre besten Freunde. Trotz sprachlicher Nähebekundung bleibt ihr emotionales Verhältnis auffällig unterkühlt: Wenn in der Verfilmung von 1950 die Mutter ihr heimgekehrtes Kind auf dem Bahnsteig in die Arme nimmt und mit Küssen bedeckt, fährt 2017 eine Karrierefrau (Alwara Höfels) mit dem Roller vor, setzt ihrer Tochter den Helm auf den Kopf und braust los. Cool, aber gefühllos.

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Und auf der anderen Seite? Natürlich kann man heute einen Vater die Tochter nicht mehr mit der Zigarette in der Hand umarmen lassen, aber muss es denn gleich das völlige Gegenteil zu dem liebreizend windigen Opernkomponisten sein? Ein softer Weltmusiker (Florian Stetter) mit einem zu weit aufgeknöpften Hawaiihemd, der seinen alten VW-Bus verkauft und zu seinem Kind sagt: „Du bist in einem Entwicklungsprozess.“ Ein Wort, das Kästner nicht mal im Abspann verwendet hätte. Kinder sind Kinder – und haben das Recht auf eine eigene Sprache. Kästners „grauer Zwerg Heimweh“, der den Zwillingen dann und wann am Herz kratzt, ist dafür nur ein schönes Beispiel.

Ohne jede Rührung erzählt

Der Regisseur Lancelot von Naso, der sonst vorzugsweise TV-Krimis dreht, hat sich stattdessen für eine hektische Kamera und wirkungslose Gesten des dramaturgischen Tausches entschieden: Dass hier am Anfang Luise, nicht Lotte ins Ferienlager anreist, ihre jeweiligen Heimatstädte nicht Wien und München, sondern Salzburg und Frankfurt und auch ihre Essensvorlieben absichtsvoll vertauscht sind (im Original isst Luise gern süß und Lotte gern salzig, hier ist es andersrum) – mag den Literaturdetektiv freuen, einen besonderen Sinn hat es nicht. Die wenigen Kästner-Sätze und Utensilien, die es hinübergeschafft haben, der Regenschirm, das Ruderboot, der Hund „Pepperl“ und die „bescheidenen Wünsche, die sich nicht erfüllen lassen“, führen traurige Randexistenzen in einem über weite Strecken langatmigen Adaptionsversuch.

Es ist einfallslos, nur das Alte gegen das Neue in Stellung zu bringen. Aber wenn einem diese wunderbare Kästner-Geschichte so auf Hochglanz, ohne jede Rührung erzählt wird, dann kommt man nicht umhin. Wer Muße hat, der guckt hernach das Original (man findet es im Netz auf den einschlägigen Videoplattformen). Allein für das eine, von Kästner so herrlich auf dem „ch“ betonte Wort „Lachfältchen“ lohnt sich der Blick zurück. Am Schluss heißt es bei ihm, dass man „Glück nachholen kann wie eine versäumte Schulstunde“. Wenn das stimmt, dann haben all die, die den Film von 1950 nicht kennen, noch ein großes Glück vor sich.

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