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ARD-Talkshows in der Diskussion Wieso Anne Will?

 ·  Die Kritik am Talk-Programm der ARD wird immer deutlicher. An unsinnigen Vorschlägen mangelt es nicht. Im Fokus steht ausgerechnet die beste Talkshow im Ersten.

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Die Debatte über die Talkshows der ARD geht in die nächste Runde, und wieder trifft es - bei der Frage, welche der Sendungen entfallen könnte - erstaunlicherweise Anne Will. Eine moderierte „Tagesschau“ könne sie übernehmen oder vielleicht Sportsendungen machen, wird jetzt als Vorschlag herumgereicht und als Kompensation dafür, dass es beim Abzählreim „aus fünf Talkshows mach vier (oder vielleicht sogar drei)“ ausgerechnet auf Anne Will zulaufen könnte.

Das sind die neuesten Bocksgesänge aus Absurdistan, die jedoch zu der Art und Weise, in welcher die ARD die Diskussion über ihre Talkshows laufen lässt, leider bestens passen. Wieso sollte aus der „Tagesschau“ eine moderierte Sendung werden? Die Anne Will übernehmen soll? Man könnte genauso gut vorschlagen, sie solle bei der „Sesamstraße“ anfangen oder sich eine Mütze anziehen, irgendwo an die Skipiste stellen und in Wintersport machen - alles ganz tolle Ideen, um sie in die Wüste zu schicken. Wobei dann doch, so ganz nebenbei, bitte die Frage zu stellen wäre: warum?

„Trashtalk“ bis zum bitteren Ende

Weil die Rundfunkräte Druck machen - die sich in verschiedenen Stellungnahmen überdeutlich negativ zur Talkshowschiene im Ersten geäußert haben? Weil der Programmdirektor des Ersten, Volker Herres, den Ball in einem Strategiepapier aufgenommen und, je nach Interpretationslaune, auf alle außer Günther Jauch hingewiesen hat? Weil der NDR mit Anne Will, Reinhold Beckmann und Günther Jauch drei Talkmaster am Start hat, der WDR aber mit Sandra Maischberger und Frank Plasberg deren nur zwei? Und es am Ende um reinen Senderproporz im Ersten geht?

Den Eindruck kann man haben, wenn man die Debatte verfolgt und darauf sieht, wer sich wie äußert beziehungsweise nicht äußert: Es fehlt an klaren Kriterien, an denen Qualität und Erfolg der Talkshows im Einzelnen gemessen werden. Und weil man die nicht hat und nicht formulieren kann, wartet man die aus irgendwelchen Hinterzimmern mit kleinen fiesen Hinweisen sich ziehende öffentliche Debatte ab, die ja vielleicht nützlicherweise darauf hinausläuft, dass einer der Kandidaten totgeredet wird. In diesem Fall Anne Will. Die Amerikaner nennen die Taktik „Trashtalk“.

Im Wettstreit mit dem Fussball

Dabei gibt es gerade im Fall von Anne Will wenig Grund für schlechtes Gerede. Sie macht die im positiven Sinn öffentlich-rechtlichste der ARD-Talkshows. Schauen wir uns doch einmal um: Plasberg flacht mit „hart aber fair“ inhaltlich und den Quoten nach ab; Sandra Maischberger dirigiert mal profunde Debatten und versammelt mal Kaffeekränzchen für die Generation neunzig plus; Beckmann verlegt sich am späten Donnerstagabend zwangsläufig auf Randthemen oder längere Einzelgespräche (in denen er besonders gut ist), und Günther Jauch holt beste Quoten, also regelmäßig viereinhalb Millionen Zuschauer, lässt es aber an journalistischem Profil mangeln.

Währenddessen geht es bei Anne Will Mittwoch für Mittwoch um harte Politik, wie man es sich von einem angeblich auf Information erpichten öffentlich-rechtlichen Programm nur wünschen kann. Und das auch noch im harten Konkurrenzkampf gegen den Fußballsender ZDF, der mittwochs die Zuschauer mit der Champions League lockt. Wird man so zur Abschusskandidatin?

Eine Entscheidung im Jahr 2013

Wenn ja, würde man sich von der ARD-Vorsitzenden und WDR-Intendantin Monika Piel in der Sache einmal so klare Worte wünschen wie jenes, mit dem sie unlängst im „Stern“ (wo sie auch sonst über dies und das herzog) ihre männlichen Intendantenkollegen bedachte. Mit mehr Frauen an der Spitze würden „keine Pfauenräder“ geschlagen, ginge es „nicht um den Redeanteil in Sitzungen“. Und dann sagte Monika Piel noch: „Wenn es weniger um Machtfragen ginge, würde es bei der ARD etwas zügiger laufen.“

Das ist ein wahres Wort, dem man jederzeit, ob als Frau oder Mann, Taten folgen lassen könnte. Doch setzt sich die Hängepartie einstweilen fort: „Es gibt keine Entscheidung und keine Vorfestlegung“, sagt der NDR-Intendant Marmor auf Anfrage, und: „Anne Will macht - wie alle anderen Talker im Ersten auch - eine sehr gute Sendung.“ Den ARD-Chefredakteur Thomas Baumann zitiert dpa im identischen Tonfall: keine „Vorfestlegung“, weder was die künftige Zahl der Talkshows noch was die Zukunft einzelner Sendungen angehe, im nächsten Jahr werde entschieden. Bis dahin können also noch fleißig unsinnige Vorschläge gemacht werden.

Anne Will sagt dem „Focus“, sie sehe die Zukunft ihrer Talkshow „gelassen“: „Wir machen gute Sendungen, haben ein klares aktuell-politisches Profil, die Zuschauer wollen uns sehen, die Marktanteile stimmen, und die Intendanten loben uns. Also: alles richtig gemacht.“ Formate „im Zeitgeschehen und im Sport“ könne sie sich vorstellen, aber nicht anstelle ihrer Talkshow, sondern - „zusätzlich“. Ist nur die Frage, ob, wer „alles richtig“ macht, bei der ARD dafür belohnt wird.

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11.12.2012, 13:43 Uhr

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