http://www.faz.net/-gqz-yk0r

ARD-Skandal : Das Phantom von Hamburg

Doris Heinze - nicht bei der Entgegennahme eines anonymen Drehbuchs, sondern der Beschwerde einer alevitischen Gemeinde gegen den „Tatort” Bild: picture-alliance/ dpa

Die Fernsehspielchefin des NDR hat ihren Ehemann unter falschem Namen Drehbücher schreiben lassen. Doris Heinze erteilte die Aufträge und zeichnete die Rechnungen ab. Doch es müssen noch andere im Spiel gewesen sein. Eine Fahndung beginnt.

          Der Stoff könnte ein Drehbuch sein: Ein Mann legt sich ein Pseudonym zu und erfindet seine Vita. Angeblich lebt er in Übersee, hat Wohnsitze in Montreal und Amsterdam. Nie lässt er sich in Deutschland sehen, zu erreichen ist er nur über eine Anwaltskanzlei. Und doch schreibt er Bücher für das Fernsehen, die sehr genau von der Gegenwart des Landes handeln, dem er angeblich so fern bleibt. In Wahrheit aber gibt es diesen Mann gar nicht. Dass heißt, es gibt ihn schon. Er wohnt ganz in der Nähe, lebt gar zusammen mit seiner Auftraggeberin, die sich das Ganze ausgedacht hat und ihn deckt. Bis zu dem Tag, an dem die Sache auffliegt. Der Mann, der niemals lebte, bekommt eine wahre Identität, er ist in der Branche ein alter Bekannter. Er hat als Hauptmann Köpenick von Hamburg einen ganzen Sender hereingelegt, nun ist die Uniform weg. Die große Karriere seiner Frau ist passé.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wir wissen nicht, ob ein Autor mit einem solchen Skript bei Doris Heinze eine Chance gehabt hätte. Wahrscheinlich nicht. Denn wir wissen, dass die Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks ein solches Drehbuch selbst geschrieben hat, nicht für einen Film, sonder fürs wahre Leben, für sich und für ihren Ehemann Claus Strobel. Unter dem Pseudonym „Niklas Becker“ hat er in den Jahren 2001 bis 2009 mindestens vier Drehbücher für Filme des NDR verfasst. Seine Frau erteilte die Aufträge, verantwortete die Produktion und zeichnete die Rechnungen ab. Bis zum vergangenen Donnerstag, da Doris Heinze unverzüglich von ihrer Aufgabe entbunden wurde. Der Sender bereitet eine fristlose Kündigung vor.

          Gute Kritiken für Marie Funder

          Es war ein geschlossener Kreis, von dem im Sender angeblich niemand etwas wusste und von dem man noch nicht weiß, wie groß er tatsächlich war. Die Produzenten der Filme zumindest dürften im Bilde und als Dritte mit im Bunde gewesen sein, denn aus der Zusammenarbeit zwischen dem Redakteur, dem Autor und dem Produzenten geht ein Film erst hervor. Da kann man nicht namenlos oder unerkannt bleiben. Und so nimmt es nicht wunder, dass auch die Produzentin Heike Richter-Karst ihre Aufgabe ruhenlassen muss. Sie hatte mit der zur Gesellschaft MME gehörenden Münchner Produktionsfirma AllMedia, deren Geschäftsführerin sie bis Mai 2005 war, die vier Niklas-Becker-Filme betreut, eine Mitarbeiterin von ihr ist ebenfalls freigestellt. Die Titel des gefälschten OEuvres, von denen man bislang weiß, lauten: „Vor meiner Zeit“ (2001), „Katzenzungen“ (2003), „Der zweite Blick“ (2005) und „Fast ein Volltreffer“.

          Auch ihr Textbuch schrieb „Niklas Becker”: Ina Weisse, Meret Becker und Birge Schade in „Katzenzungen”

          Der fünfte Film, der dem NDR aufgefallen ist, wurde von der Firma Oberon Media Service Film aus München-Grünwald in Rechnung gestellt,: „Die Freundin der Tochter“ lief erst in diesem Mai, bekam gute Kritiken und nennt in der Autorenzeile nicht „Niklas Becker“, sondern eine Person namens „Marie Funder“. Hinter dieser wiederum soll sich eine Agentin verbergen, von der man aber nicht weiß, ob sie das Buch geschrieben hat. Sie soll jedenfalls gut bekannt sein mit Doris Heinze, bis zur Produktionsreife betreut wurde das Script wiederum von Heike Richter-Karst. Claus Strobel hat derweil bereits versichert, dass er hinter den Büchern von „Niklas Becker“ stecke.

          Selbstkontrolle unmöglich

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Dieselmotor : Zeit für eine Rettungsgasse

          Der Diskussion über den Dieselmotor ist jedwede Vernunft abhanden gekommen. Deutschland ist dabei, die nächste Schlüsselbranche preiszugeben. Ein Kommentar.

          Millionär der Mittelschicht : Ist Merz ein Kandidat von gestern?

          Friedrich Merz nährt Zweifel an seinem politischen Gespür. Mancher wirft ihm vor, dass sein Blick für Strategie, Taktik, Gefahren und Fallstricke in der Politik nicht mehr scharf genug ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.