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ARD-Skandal Das Phantom von Hamburg

28.08.2009 ·  Die Fernsehspielchefin des NDR hat ihren Ehemann unter falschem Namen Drehbücher schreiben lassen. Doris Heinze erteilte die Aufträge und zeichnete die Rechnungen ab. Doch es müssen noch andere im Spiel gewesen sein. Eine Fahndung beginnt.

Von Michael Hanfeld
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Der Stoff könnte ein Drehbuch sein: Ein Mann legt sich ein Pseudonym zu und erfindet seine Vita. Angeblich lebt er in Übersee, hat Wohnsitze in Montreal und Amsterdam. Nie lässt er sich in Deutschland sehen, zu erreichen ist er nur über eine Anwaltskanzlei. Und doch schreibt er Bücher für das Fernsehen, die sehr genau von der Gegenwart des Landes handeln, dem er angeblich so fern bleibt. In Wahrheit aber gibt es diesen Mann gar nicht. Dass heißt, es gibt ihn schon. Er wohnt ganz in der Nähe, lebt gar zusammen mit seiner Auftraggeberin, die sich das Ganze ausgedacht hat und ihn deckt. Bis zu dem Tag, an dem die Sache auffliegt. Der Mann, der niemals lebte, bekommt eine wahre Identität, er ist in der Branche ein alter Bekannter. Er hat als Hauptmann Köpenick von Hamburg einen ganzen Sender hereingelegt, nun ist die Uniform weg. Die große Karriere seiner Frau ist passé.

Wir wissen nicht, ob ein Autor mit einem solchen Skript bei Doris Heinze eine Chance gehabt hätte. Wahrscheinlich nicht. Denn wir wissen, dass die Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks ein solches Drehbuch selbst geschrieben hat, nicht für einen Film, sonder fürs wahre Leben, für sich und für ihren Ehemann Claus Strobel. Unter dem Pseudonym „Niklas Becker“ hat er in den Jahren 2001 bis 2009 mindestens vier Drehbücher für Filme des NDR verfasst. Seine Frau erteilte die Aufträge, verantwortete die Produktion und zeichnete die Rechnungen ab. Bis zum vergangenen Donnerstag, da Doris Heinze unverzüglich von ihrer Aufgabe entbunden wurde. Der Sender bereitet eine fristlose Kündigung vor.

Gute Kritiken für Marie Funder

Es war ein geschlossener Kreis, von dem im Sender angeblich niemand etwas wusste und von dem man noch nicht weiß, wie groß er tatsächlich war. Die Produzenten der Filme zumindest dürften im Bilde und als Dritte mit im Bunde gewesen sein, denn aus der Zusammenarbeit zwischen dem Redakteur, dem Autor und dem Produzenten geht ein Film erst hervor. Da kann man nicht namenlos oder unerkannt bleiben. Und so nimmt es nicht wunder, dass auch die Produzentin Heike Richter-Karst ihre Aufgabe ruhenlassen muss. Sie hatte mit der zur Gesellschaft MME gehörenden Münchner Produktionsfirma AllMedia, deren Geschäftsführerin sie bis Mai 2005 war, die vier Niklas-Becker-Filme betreut, eine Mitarbeiterin von ihr ist ebenfalls freigestellt. Die Titel des gefälschten OEuvres, von denen man bislang weiß, lauten: „Vor meiner Zeit“ (2001), „Katzenzungen“ (2003), „Der zweite Blick“ (2005) und „Fast ein Volltreffer“.

Der fünfte Film, der dem NDR aufgefallen ist, wurde von der Firma Oberon Media Service Film aus München-Grünwald in Rechnung gestellt,: „Die Freundin der Tochter“ lief erst in diesem Mai, bekam gute Kritiken und nennt in der Autorenzeile nicht „Niklas Becker“, sondern eine Person namens „Marie Funder“. Hinter dieser wiederum soll sich eine Agentin verbergen, von der man aber nicht weiß, ob sie das Buch geschrieben hat. Sie soll jedenfalls gut bekannt sein mit Doris Heinze, bis zur Produktionsreife betreut wurde das Script wiederum von Heike Richter-Karst. Claus Strobel hat derweil bereits versichert, dass er hinter den Büchern von „Niklas Becker“ stecke.

Selbstkontrolle unmöglich

Mit „Marie Funder“ liegt aber schon eine zweite falsche Identität vor, der kleine Kreis der Drehbuchverschwörer dürfte also etwas größer sein als bislang bekannt. Und es ist auch noch nicht sicher, ob nicht weiteren Sendern Drehbücher untergeschoben worden sind. Es handelt sich um ein System, mit dessen Verästelungen sich die Revisoren des NDR und der AllMedia intensiv beschäftigen. Die gesamte Ära Heinze wird auf den Kopf gestellt - und damit erinnert das Unterfangen an den Schleichwerbeskandal, der die ARD vor vier Jahren erschütterte. Damals wurde die Seifenoper „Marienhof“ auf versteckte Werbung unter die Lupe genommen, sodann etliche Fernsehspiele und „Tatorte“. Nicht zu vergessen der Betrugsfall, mit dem sich der Intendant des Saarländischen Rundfunks herumschlagen musste: Der Chef der Filmproduktionstochter Telefilm Saar hatte Rechnungen gefälscht und die Bilanzen frisiert, der Schaden betrug 25 Millionen Euro. Es scheint nicht leicht, selbst in den kleineren Einheiten eines so großen öffentlich-rechtlichen Systems, wie die ARD es darstellt, mit einer vernünftigen, funktionierenden Selbstkontrolle den Überblick zu behalten, von Transparenz gar nicht erst zu reden. Die wäre annähernd nur zu erreichen, wenn die Rechnungshöfe die Sender auf Herz und Nieren prüfen und ihre Ergebnisse veröffentlichen könnten - daran mangelt es bislang. Schaut doch einmal jemand genauer hin, wie gerade der Bayerische Oberste Rechnungshof beim Bayerischen Rundfunk, zeigt sich schnell, wie locker der Umgang mit öffentlichem Geld sein kann. So hat der Rechnungshof unter anderem festgestellt, wie gut die SportA - die gemeinsame Sportrechteagentur von ARD und ZDF - ihre Mitarbeiter bezahlt - sechzehn Angestellte kamen 2006 auf eine gemeinsame Kostensumme von 1,4 Millionen Euro. Noch mehr bekamen im Jahr 2003 die namhaften, als Komoderatoren bei Übertragungen angeheuerten Prominenten, deren Gesichter jeder auch jenseits der Stadien kennt - 2,6 Millionen Euro gab die ARD für die Promis allein im Jahr 2003 aus, im Zeitraum zwischen 1999 und 2006 waren es insgesamt fünfzehn Millionen Euro.

In solche Dimensionen dürfte die Rosstäuscherei im NDR wohl eher nicht vorstoßen. Für Drehbücher werden - wenn der Autor sämtliche Rechte inklusive Wiederholungshonorar an den Sender abtritt - 50 000 bis 70 000 Euro aufgerufen. Das ist über die Jahre - multipliziert mit vier oder fünf - aber auch nicht wenig.

Das Reich von Doris Heinze

Der Skandal erschüttert nicht nur den NDR, er ergreift die gesamte ARD, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die deutsche Produktionslandschaft: Die Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks ist nicht irgendwer, sie hat mit den großen Namen der Branche zusammengearbeitet, ist gesellschaftlich fest verankert und hat das Fernsehspiel des NDR geprägt. Die drei aktuellen „Tatort“-Figuren aus dem Norden, gespielt von Maria Furtwängler, Mehmet Kurtulus und Axel Milberg, gehen auf Doris Heinze zurück. Schauspielerinnen wie Maria Furtwängler oder Veronica Ferres hat sie an den NDR und die ARD gebunden.

Zugleich war das Reich von Doris Heinze als geschlossener Zirkel bekannt, den sie absolut beherrschte. Vielleicht hätte man beim NDR die über die Jahre immer wiederkehrenden Klagen von Autoren ernster nehmen sollen, die auf Abhängigkeiten und die Hermetik dieses Systems hinwiesen. Bis zum Jahr 2000 hat die Fernsehspielchefin zugleich als Autorin - als Festangestellte für das halbe Honorar - selbst geschrieben, danach für andere Sender. Ein Drehbuch im Jahr, in der Freizeit geschrieben, war erlaubt.

Vorwegnahme im Film

Viele sind jetzt verunsichert, auch jene, die unter ihrem echten, guten Namen mit Doris Heinze zusammengearbeitet haben. Sie dürfen sich nun fragen, ob noch mehr Falschgeld in Umlauf ist. Man darf die Bedeutung des Fernsehspielchefs eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht unterschätzen: Sie sind die Gralshüter des Fernsehspiels, sie verwalten das filmkulturelle Erbe des deutschen Fernsehens und haben darin - als graue Eminenzen im Hintergrund und als Macher - ungeheure Macht und Verantwortung. Kein Drehbuchautor kommt an ihnen vorbei, die Nachwuchsförderung obliegt ihnen, und als Koproduzenten stützen sie fast die gesamte deutsche Kinoproduktion.

Claus Strobel, der ein anerkannter Autor und Regisseur war, hat in den neunziger Jahren unter seinem richtigen Namen einen Film produziert, der mit einem Mal zu seiner eigenen Geschichte passt. In der „fiktiven Dokumentation“ ging es um „Das Phantom von Bonn“, einen nicht existenten Diplomaten, Abenteurer und Frauenhelden namens Edmund F. Dräcker, der in den Akten des Auswärtigen Amtes mit sagenhaften Räuberpistolengeschichten immer wiederauftaucht. Ein „Leonard Zelig“ des zwanzigsten Jahrhunderts, der 1918 den Frieden von Brest-Litowsk vorbereitete, 1959 den Friedensplan der Genfer Außenministerkonferenz entwarf und es schließlich bis zum Guru in Indien brachte. Aus dem „Phantom von Bonn“ ist das „Phantom von Hamburg“ geworden.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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