Home
http://www.faz.net/-gsb-75ljt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

ARD-Romanze am Abend Bäumchen, drechsle dich

 ·  Drei Männer, eine Frau: „Vier sind einer zu viel“ ist nur vordergründig eine Variation des altbekannten Themas. Hintergründig aber ist gar nichts, dafür taucht auch Matthias Brandt wieder auf.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)
© NDR/Nicolas Maack Vergrößern Zwei streiten sich, fehlt der Dritte: Hannes Jaenicke (links) und Jan-Gregor Kremp spielen Chris und Edgar, die um Lisa (Barbara Auer) buhlen.

Freie Liebe gibt es hier, erotischen Verlust, Herzschmerz. Aber am Ende sind alle eine große emotionale Solidargemeinschaft. Keiner bleibt auf der Strecke, auch wenn von vier romantischen Akteuren nur zwei heiraten. Liegt das daran, dass die Geschichte ein Märchen ist? Eine Frau verlässt ihren Ehemann, weil der zu Hause hockt und zur Servicekraft verkommt. Morgens bestückt er Tupperware mit Snacks, dazu gibt es Cappuccino mit „Toffee-Aroma und Kardamom“. Welche Leistungsträgerin könnte so einen wirklich begehren?

Die Frau ist also libidinös und intellektuell ausgehungert. Sie zieht ins Hotel, betrinkt sich mit dem Tresenboy, kauft sich einen Papagei, zieht ein bei wildfremden Männern. Was man halt so macht in einer deutschen Fernsehromanze. Dramaturgie ist Zufall, das ist hier wörtlich gemeint: Laxer hat schon lange kein Drehbuch mehr eine Figurenkonstellation eingefädelt.

Aber was soll’s, es ist ja die wunderbare Barbara Auer, die auf eine so überzeugende Weise intensiv schauen kann, dass Plotfragen in den Hintergrund treten. Jan-Gregor Kremp und Hannes Jaenicke stellen die WG-Freunde dar, zwei Routiniers, die genau wissen, dass es hier nicht um psychologische Finessen geht. Um was aber dann?

Der Mittelschichtsmann als Verlierer

Wenn eine Frau den Partner abserviert, weil er die geforderten Funktionsweisen - Gelderwerb, Fortpflanzung - nicht draufhat, sind wir dann nicht tief drin in der Diskussion um den Mittelschichtsmann als Verlierer der Krise? Sind wir. Und wie dieses Problem gelöst wird, das ist schon frappant.

Erst mal kommt eine Menage à trois in Gang: Lisa (Auer), Chris (Jaenicke) und Edgar (Kremp) in wechselnden Paarungen, man wohnt und schläft miteinander. Dann taucht Felix (Matthias Brandt) auf, der Ex, quartiert sich ein ins Liebesnest. Und bewährt sich sofort als Faktotum, dessen selbstgebackene Croissants - „bitte passt auf wegen der Krümel!“ - man luststöhnend am Frühstückstisch verspeist. Mit seiner Fürsorge kaschiert der Typ jedoch nur eins: Er will weiter regredieren, das geht bis zum fingierten Haushaltsunfall (Beinbruch), um nicht ausziehen zu müssen.

Der Film entstand noch unter der Ägide von Doris Heinze, jener Fernsehspielchefin des NDR, die ihren Ehemann unter falschem Namen Drehbücher schreiben ließ und selbst verbotenerweise unter Pseudonym schrieb und eine Produzentin mit dem Auftrag versorgte. Was für eine Konstellation. Im Film jedenfalls kommt es zur Konsolidierung: Der abermals von der Frau geschasste Felix eröffnet ein Restaurant, reüssiert und steht da wie einer, der die Mahnungen der FDP begriffen hat. Christian Lindner hat es doch gesagt: „Man reift nicht auf der Couch zur Persönlichkeit.“

Zwischen Mann und Frau, Stichwort: Differenzen im Lust- und Gesellschaftsempfinden, gibt es demnach gar kein Problem. Es gibt nur das Projekt, Subjekte wieder auf die allgemeine Spur zu bringen. Bäumchen, wechsle, Bäumchen, drechsle dich.

Vier sind einer zu viel läuft am Mittwoch, 9. Januar, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (6) Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
Weitere Empfehlungen
Vereinigte Staaten Frau soll sechs Babys getötet haben

In einer Garage in Utah hat die Polizei mehrere tote Babys entdeckt, einzeln verpackt in Pappkartons. Die 39 Jahre alte Mutter soll sie kurz nach der Geburt getötet haben. Mehr

14.04.2014, 17:13 Uhr | Gesellschaft
Filmfestspiele von Cannes 18 Regisseure konkurrieren um die Goldene Palme

Godard, Loach, Leigh, die Brüder Dardenne: Im Wettbewerbsprogramm der Filmfestspiele von Cannes konkurrieren namhafte Regisseure um die Goldene Palme. Ein Deutscher ist nicht darunter. Mehr

17.04.2014, 13:58 Uhr | Feuilleton
TV-Events Noch blödere Ideen für noch blödere Filme

Auch die allerlangweiligsten nationalen Ereignisse werden neuerdings zu TV-Events verarbeitet. Und weil hierzulande ja genug langweilige Dinge passieren: Anregungen für weitere 90-Minüter, mitsamt Besetzungsvorschlägen (spielen ja eh immer dieselben). Mehr

22.04.2014, 11:32 Uhr | Feuilleton

09.01.2013, 16:15 Uhr

Weitersagen
 

Echte Fälschung?

Von Andreas Rossmann

Bei der Siegener Biennale konkurrieren die Aufführungen um einen ganz besonderen Preis: Nachdem es bereits Hypo Real Estate-Aktien und griechische Staatsanleihen zu gewinnen gab, geht es dieses Jahr um eine Beltracchi-Fälschung. Mehr